Verwirrende Königsbuchstaben

Distanzunterricht und Kindergarten daheim – ein Erfahrungsbericht

Virtuelles Klassengespräch im Kinderzimmer: Erstklässler Leander freut sich, dass er per Videoanruf Kontakt zu seinen Mitschülern und seiner Klassenlehrerin hat.
+
Virtuelles Klassengespräch im Kinderzimmer: Erstklässler Leander freut sich, dass er per Videoanruf Kontakt zu seinen Mitschülern und seiner Klassenlehrerin hat.

Der verlängerte Corona-Lockdown stellt viele Familien vor weitere Herausforderungen: Unterricht und Kinderbetreuung daheim, Haushalt sowie Beruf unter einen Hut zu bringen – das ist nicht immer leicht. Diese Erfahrung macht auch meine Familie in diesen Tagen.

Die Ausgangslage

Herscheid - Leander, sechs Jahre, besucht die Klasse 1a der Grundschule Herscheid. Sein jüngerer Bruder Yannik, 3 Jahre, ist erfolgreich im Familienzentrum Unterm Regenbogen eingewöhnt worden. Papa Dirk schreibt seine Artikel für die Zeitung größtenteils von daheim. Und auch Mama Sonja arbeitet stundenweise am heimischen Rechner für eine Werbeagentur. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse und Aufgaben müssen nun neu geordnet werden, wir alle müssen uns umstellen und einschränken, was mal mehr, mal weniger leicht gelingt.

Nachdem ich selbst zu Jahresbeginn noch zwei Wochen Zuhaus-Urlaub genießen konnte, geht es jetzt ans Eingemachte. Und das sieht so aus: Leander widmet sich – so früh am Tag wie möglich, auf eine feste Uhrzeit konnten wir uns bislang noch nicht einigen – den Aufgaben, die ihm von seiner Klassenlehrerin per Email zugeschickt worden sind. Hilfestellung können wir ihm nur bedingt geben: Denn während ich arbeiten muss, möchte auch Yannik beschäftigt werden, was Sonja einiges abverlangt.

Die Konflikte

So ergeben sich im Alltag ganz unterschiedliche Konflikte: Schulkind Leander findet in seinem Zimmer allerhand Ablenkung. Sei es das ihn anlächelnde Spielzeug, der Griff zu den Malstiften oder der verträumte Blick aus seinem Fenster: Die Konzentration über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten, fällt ihm oft schwer. Ob das im Klassenzimmer in der Schule wohl auch so ist?

Erstaunlicherweise löst er Mathe-Aufgaben vergleichsweise flott, von wem er das wohl geerbt hat? Das Schreiben von Buchstaben – zurzeit ist das B an der Reihe – und Wörtern hingegen ist eine echte Geduldsprobe für alle. Erst zu groß, dann am Ende in die Zeile gequetscht, zu wenig Abstand, unleserlich – das Radiergummi muss häufiger genutzt werden, als Leander lieb ist. Zudem tickt die Uhr gnadenlos, während sich die Zeilen im Heft nur sehr zögerlich füllen.

Erklär-Ansätze führen nicht selten zu Verwirrungen: Wenn ich von Vokalen spreche, schaut mich Leander mit großen Augen an und fragt: „Du meinst Königsbuchstaben oder?“ – Da muss ich selbst erst nachschlagen, ehe ich bestätigen kann, dass mit seiner Bezeichnung, die er in der Schule gelernt hat, tatsächlich A, E, I, O und U gemeint sind.

Bei den Rechenblumen hingegen wichen unsere Ansätze deutlich auseinander. Von innen nach außen subtrahiert oder doch andersherum addiert? Beides ist möglich. Am Ende einigen wir uns darauf, dass in diesem Fall nicht der Weg das Ziel ist, sondern das korrekte Rechnen – und das passt.

Ein permanentes Überprüfen des Schülers ist nicht möglich, denn auch Yannik hat Vorstellungen von seinem Alltag: Dinos basteln, Lego bauen oder mit Autos durch die Spielecke flitzen. Auffällig dabei, dass der Drang, sich selbst zu beschäftigen, recht überschaubar ist. Der Dreijährige fordert Nähe und einen Spielkameraden ein, möchte nicht allein sein.

Unserer Meinung viel zu häufig wünscht er sich das Einschalten des Fernsehapparats – insbesondere Letzteres entwickelt sich zu einem familiären Reizthema. Dennoch müssen wir uns eingestehen, dass die Flimmerkiste zurzeit trotz aller Bemühungen ein wenig mehr Sendezeit von uns erhält. „Das ist eine Ausnahmesituation“, lautet unsere Ausrede.

Hilfestellung

Froh sind wir, dass wir in dieser Situation als Eltern, Erzieher und Lehrer nicht allein gelassen werden. Per App hält uns das Familienzentrum stets auf dem Laufenden, gibt Tipps für die Gestaltung der Betreuung und bietet weitere Beratung an. Das tut gut, wenngleich Yannik bereits angedeutet hat, dass ihm seine Freunde fehlen – die sind natürlich durch nichts zu ersetzen.

Von Seiten der Schule erhalten wir regelmäßig neue Aufgabenpakete, aber auch Anrufe, bei denen wir über die vielen kleinen und großen Probleme sprechen können. Doch die Klassenlehrerin nimmt sich nicht nur Zeit für uns Eltern, sondern auch für die Kinder – sei es im Einzelgespräch am Telefon, per Videokonferenz am Computer in kleinen Gruppen oder auch mit der gesamten Klasse. Das bereitet Leander große Freude, denn auf diese Weise hält er den Kontakt. „Das ist fast so schön wie Schule“, sagte er nach dem letzten virtuellen Treffen, bei dem ausgiebig der Geburtstag einer Mitschülerin besungen wurde.

Verunsicherung

Dennoch begleitet uns Erwachsene permanent eine gehörige Portion (Selbst-) Zweifel: Wie viel Zeit können wir unserem Schüler für das Schreiben von Wörtern geben? Machen wir bei der Beschulung vielleicht Fehler oder sind wir ungeduldig? Und wie werden wir den Spielwünschen unseres Kindergartensohnes gerecht?

Aus Telefonaten mit Verwandten und Bekannten wissen wir, dass sich Szenen wie bei uns zurzeit auch in anderen Familien abspielen. Alles völlig normal also? Mitnichten! Eine Alternative dazu gibt es aber nicht.

Und doch beruhigt es zu wissen, dass am Ende alle Familien im selben Boot sitzen, das durch das unbekannte Corona-Gewässer schippert. Was auch immer am Ziel auf uns warten mag, so hoffen wir doch, dass die Zeit bis zum Erreichen dieses Punktes nicht mehr zu lang wird und bis dahin alle an Bord bleiben. „Irgendwie kriegen wir das schon hin“, da sind wir Vier uns sicher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare