Weniger Stress für die Tiere, mehr Transparenz für die Erzeuger

Der Schlachter kommt zum Geflügel: Thorsten Beimborn betreibt erste mobile Schlachterei in NRW

Von der Aufzucht bis zur Schlachtung: Vater Thorsten Beimborn ist es wichtig, dass seine Kinder Svea und Lasse das Produkt Fleisch zu schätzen wissen.
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Von der Aufzucht bis zur Schlachtung: Vater Thorsten Beimborn ist es wichtig, dass seine Kinder Svea und Lasse das Produkt Fleisch zu schätzen wissen.

Woher stammt das Fleisch auf unseren Tellern? Eine Frage, mit der sich immer mehr Menschen beschäftigen. Viele wollen abkehren von der Massentierhaltung und lieber regionale Erzeuger unterstützen, die gefragt sind, wie selten zuvor. Ihnen bietet Thorsten Beimborn einen besonderen Dienst an: Der Herscheider betreibt das erste Geflügelschlachtmobil in Nordrhein-Westfalen.

Herscheid - Als uns der 45-Jährige auf seinem Hof empfängt, ist es windig. Kein Wunder, zählt Wellin doch zu den höchsten Ortslagen in der Ebbegemeinde. Dort ist es nicht nur ruhig und idyllisch: Zu den weiteren Vorzügen zählen satte Wiesen – und davon profitieren insbesondere die Weidemasthähnchen. In mehreren kleinen Ställen sind sie vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt, haben stets frisches Brunnenwasser und zusätzlich zu Gras und Kräutern auch Bio-Futter. Kurzum: Ihnen fehlt es an nichts und auch die Enge scheint sie nicht zu stören.

Transport entfällt

Das Tierwohl steht für Thorsten Beimborn an oberster Stelle. Das mag merkwürdig klingen, setzt er dem Leben der Masthähnchen doch irgendwann unweigerlich ein Ende. Dieses geschehe jedoch auf schonende Weise, ohne unnötigen Stress und so schmerzlos wie möglich, erzählt der Herscheider.

Sein Schlachthaus ist lediglich 2,50 Meter breit und sechs Meter lang. Doch es enthält die komplette Ausrüstung für eine fachgerechte Schlachtung. Und: Dieses Equipment ist mobil, weil untergebracht in einem Anhänger. Mit diesem fährt Beimborn durch das gesamte Bundesland auf die Höfe der Erzeuger. „Der Transport der Tiere in die Schlachthöfe entfällt“, nennt er den wesentlichen Unterschied zur herkömmlichen Schlachtung.

Einblick ins Innere des Schlachtanhängers: Hygiene spielt bei der Verarbeitung von Geflügel eine große Rolle, daher ist der Arbeitsplatz in zwei Bereiche aufgeteilt.

Für den 45-Jährigen geht mit diesem gewagten Versuch ein Wunsch in Erfüllung – auch das mag eigenartig erscheinen, erklärt sich aber bei einem Blick auf die Vita des Herscheiders. Jahrelang war er Landwirt (Schweinehaltung) im Nebenerwerb. was sich letztlich nicht mit seinem damaligen Beruf als Steuerfachangestellter vereinen ließ: „Beides zusammen ging nicht.“ Also verkaufte er die Ställe, konzentrierte sich ganz auf den Beruf.

Viele Aufträge

Doch die Vorstellung, mit Tieren zu arbeiten, gab er nicht auf, bildete sich fort und war zuletzt als Milchkontrolleur tätig. Ebenfalls eine erfüllende Tätigkeit, doch seit jeher galt Beimborns Interesse dem Geflügel und dessen Nutzen für die Bevölkerung. „Ein gutes Produkt und top Fleisch“, meint er.

Mit dem Kauf seines Mobils setzte er vor etwa einem Jahr alles auf eine Karte – eine Entscheidung, die er bislang nicht bereut hat. Denn das Geflügelmobil ist gefragt. Wer dem Herscheider einen Strom- sowie einen Trinkwasseranschluss ermöglicht, der kann Beimborn zu sich einladen. Mit dabei ist stets Robert Kubica; auch er stammt aus Herscheid und ist gelernter Metzger. Somit kann das Duo in dem aus hygienischen Gründen in zwei Bereiche aufgeteilten Anhänger zeitgleich arbeiten.

Die Masthühner leben in sogenannten „Chicken Tractors“: In diesen mobilen Ställen haben sie immer frisches Wasser, Biofutter und reichlich Gras und Kräuter.

Beimborn bedient unter anderem das Elektrobetäubungsgerät, den Brühkessel und die Rupfmaschine. Sein Kollege Kubica übernimmt im abgetrennten Abteil; dort zerlegt er die getöteten Tiere. Das Verfahren sei nicht nur zügig, sondern auch transparent. Die Kunden erhalten die Sicherheit, dass ihre Tiere artgerecht geschlachtet werden.

Altes Firmengelände

Nach jedem Einsatz wird das Schlachtmobil gründlich gereinigt und zurück zum Wellin gesteuert. Dort hat Thorsten Beimborn das einstige Gelände der Firma Selve übernommen, das er nach und nach für seine Bedürfnisse umbaut. Bei unserem Besuch gibt es noch so manche Baustelle. Doch der 45-Jährige verspricht, dass er die Industriebrache zu neuem Leben erwecken will. Er spricht von einer Aufwertung für den Ort Wellin.

Seine Familie packt bei vielen Arbeiten mit an, zum Beispiel bei der Versorgung der Tiere, zu denen neben Masthähnchen auch Legehennen zählen. Die Geschwister Svea und Lasse werden bewusst mit eingebunden, sie helfen beim Bestücken der Eierklappe oder beim Füttern. Auch die Vorgänge im Schlachtmobil sind ihnen vertraut. Daraus macht Papa Thorsten kein Geheimnis – im Gegenteil. Ihm ist es wichtig, dass seine Kinder das Produkt Fleisch zu schätzen wissen.

Svea und Lasse öffnen die Eierklappe, über die die Bürger sich mit frischen Freilandeiern versorgen können. Ein Angebot, das auf Vertrauen basiert.

Dass ein Hähnchenbrustfilet nicht im Supermarkt wächst, haben die Kinder längst verinnerlicht. Sie wissen, dass die Tiere, die sie auf den Wiesen mit Futter versorgen, irgendwann geschlachtet und dann als Nahrungsmittel verkauft werden. „Das ist ganz normal“, erzählen die beiden mit auffälliger Sachlichkeit.

Zukunftsmodell?

Neben den vielen Anfragen von Kunden erhielt Thorsten Beimborn kürzlich auch eine Einladung der Landwirtschaftskammer NRW. Als Referent berichtete er über seine noch recht jungen Erfahrungen mit seinem Anhänger. Auf die zentrale Frage dieser Online-Veranstaltung „Mobile Geflügelschlachtung – ein Zukunftsmodell?“ konnte der Herscheider eine eindeutige Antwort geben: Für ihn und seine Familie gehört das Leben von und mit Tieren seit jeher dazu – und erhält durch das Schlachthaus auf Rädern eine neue Perspektive.

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