Interview mit Stefan Radtke aus dem MK

Initiator der stillen Corona-Proteste: „Ich bin nur ein offener Mensch mit Fragen“

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Stefan Radtke aus Herscheid.

Normalerweise hält sich Stefan Radtke etwas abgeschieden in seinem Zuhause unterhalb der Nordhelle in Herscheid auf, aber immer samstags sucht der 58-Jährige mittlerweile einen der zentralsten Punkte im Märkischen Kreis auf: den Rosengarten in Lüdenscheid. Auf diesem Platz nur einen Steinwurf vom Stern-Center entfernt demonstriert Radtke seit vorletztem Samstag gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung.

Herscheid - Der Protest hat wenig zu tun mit den Bildern aus Stuttgart oder Berlin. Friedlich sitzen die Menschen auf den Stufen, meditieren mit dem Grundgesetz vor Augen und ziehen dann wieder von dannen. Radtke ist der Initiator dieser Demos. Er, Sohn des in Plettenberg bekannten ehemaligen Polizisten Wolfgang „Ritzel“ Radtke, Ehemann, Vater, Großvater und Geschäftsführer eines heimischen Unternehmens, das nicht genannt werden soll, weil sich Privates und Berufliches nicht vermischen sollen – er möchte mit diesen Aktionen etwas bewegen. Sebastian Schulz sprach mit ihm in einem Interview über seinen Ansporn.

Herr Radtke, warum gehen Sie in Lüdenscheid für einen Protest auf die Straße? 

Um Gesicht zu zeigen. Um aufzuzeigen, dass es in der Bevölkerung Stimmen gibt, die Fragen stellen.

Welche Fragen haben Sie?

Gleich am ersten Tag der Corona-Maßnahmen gab es zum Beispiel die Vorgabe, Enkel von den Großeltern zu trennen. Das war gleichzeitig auch eine Schuldzuweisung an die Enkel, nach dem Motto: Ihr wollt doch nicht, dass eure Großeltern zu schaden kommen. Und diese Aussage gegenüber Menschen zu treffen, die überhaupt nichts dafür können – da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut. Wenn man weiß, was solche Aussagen bewirken können – ich möchte nicht, dass die nächste Generation von Kindern mit einer Schuld aufwächst, die sie sich selbst gar nicht erklären können. 

Wie ist es mit dem Sars CoV 2-Virus? Bereitet der Ihnen keine Angst? 

Die Frage ist, wie gehe ich mit dem Coronavirus um? Der Mensch besteht aus zehn hoch dreizehn Zellen, zehn hoch vierzehn Bakterien und einer noch höheren Anzahl Viren. Wenn wir das Virus bekämpfen wollen, würden wir uns bekämpfen. 

Es geht ja nicht darum, das Virus zu bekämpfen, sondern eine schnelle Ausbreitung zu verhindern. 

Ja, das sehe ich auch so und so wird es publiziert. Aber die Aussage, wir hätten keine Alternativen, wir warten auf diesen Impfstoff – das kann man glauben, wenn man sich einseitig informiert. Aber es gibt eben auch andere Aspekte, wie man mit Krankheiten umgehen kann oder wie man das eigene Immunsystem stärken kann. 

Zum Beispiel? 

Da gibt es verschiedene Aspekte, bei denen jeder von uns selber aktiv werden kann. Zum Beispiel an die frische Luft gehen, vorzugsweise in den Wald. Dabei die Seele baumeln lassen und sich gesund ernähren – gegebenenfalls mit Mikronährstoffen supplementieren. 

All das war immer erlaubt. 

Ja, wir haben ja noch Glück, dass wir nur eine Kontaktbeschränkung und keine Ausgangssperre hatten. Trotzdem gab es Einschränkungen, dass Kinder zum Beispiel nicht auf den Spielplatz oder zum Einkaufen mitgenommen werden durften. 

Glauben Sie, dass das Coronavirus existiert? 

Ja, auf jeden Fall, Coronaviren gibt es ja schon lange. 

Glauben Sie, dass das Sars CoV 2-Virus auch gefährlich sein kann für die Bevölkerung? 

Ja klar, für die Risikogruppen auf jeden Fall. Da gibt es, wie wir alle wissen, schlimme Verläufe. 

Ist es dann nicht Aufgabe der Gesellschaft und der Regierung, diese Risikogruppen zu schützen? 

Ja, das ist schon richtig. Aber wäre es nicht interessant zu sehen, die Risikogruppen zu schützen und die Gesellschaft nicht gleichzeitig in einen Lockdown zu führen? Da hätte es andere Maßnahmen geben können. 

Was wären aus Ihrer Sicht solche Maßnahmen gewesen? 

Da bin ich Laie. Das ist ja der Punkt. Immer dann, wenn etwas Fragwürdiges auftaucht, wenn die Hauptrichtung des Robert-Koch-Instituts nicht eingehalten wird, wird unterdrückt. Oft ist das, was in diesen offiziellen Dokumenten steht, nicht das, was kommuniziert wird. 

Warum sollte die Bundesregierung Informationen verschleiern?

 Das weiß ich nicht. Schön wäre, wenn nicht immer nur der Virologe Christian Drosten sprechen würde, sondern man auch die größere Gruppierung um ihn herum mit ins Boot genommen hätte. Ich persönlich möchte als Bürger schon allgemeinumfassend informiert werden, damit ich mir eine eigene Meinung bilden kann.

Sie bemängeln also vor allem die Informationsweitergabe?

Die Pandemie hat begonnen und viele wussten nicht, was passiert da gerade. Lockdown, erstmal nichts mehr machen – ist klar. Zehntausende Tote, man wusste es nicht einzuschätzen. Aber dann gibt es ja einen Punkt, an dem man sieht, in welche Richtung es sich entwickelt. Das weiß man nicht in den ersten 14 Tagen. Aber danach hätte ich schon erwartet, dass die Regierung eine Struktur reinbringt und die Angst aus der Bevölkerung nimmt. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo sich die Menschen gegenseitig anschnauzen, wenn sie keinen Mundschutz tragen. Zumal es ja ein Papier im Bundesinnenministerium von 2012 gab, das sich mit einem derartigen Pandemie-Fall beschäftigt hat. Warum ist das nicht vorbereitet und umgesetzt worden? Wo sind die Hilfsstoffe oder die Ausrüstung, die das Technische Hilfswerk oder das Rote Kreuz dafür eingelagert haben? 

Aber wie könnte man es besser machen? 

Das ist erst mal nicht meine Aufgabe. Dafür gibt es ja Fachleute in und außerhalb der Regierung – auch, wenn leider einige nun als Verschwörungstheoretiker abgestraft werden. 

Hört die Bundesregierung nicht auf Fachleute? 

Doch, aber nach meinem Verständnis nur sehr einseitig. Wenn ich an das Dossier aus dem Innenministerium denke: Da ist ein Oberregierungsrat, der merkt, hier stimmt etwas nicht und zeigt das jetzt auf. Und er wird komplett nieder gemacht – so wird es zumindest in den Qualitätsmedien dargestellt. Aber stimmt das wirklich? Wie ist der Zusammenhang? 

Woher beziehen Sie Ihre Nachrichten? 

Seit acht Jahren schaue ich so gut wie kein normales Fernsehen mehr. Ich informiere mich im Internet und auf verschiedenen Videoplattformen: bei Portalen wie zum Beispiel Nachdenkseiten, Rubikon, dem RPP-Institut oder auch KenFM. Ken Jebsen polarisiert, aber er hat auch umfassende Formate, man kann sich das anhören und eine eigene Meinung bilden. Er hat auch Argumente, bei denen ich nicht mitgehe. 

Ein Kind dieser Stadt – Professor Max Otte – zum Beispiel hat auch interessante Aspekte geäußert. Man könnte ja sagen, Otte – als CDU-Mitglied – stehe der AfD nahe, aber trotzdem höre ich mir das auch mal an. Für mich auch ganz wichtig sind die Aussagen von Daniele Ganser, der gerne auch rechts verortet wird.

Ist Ihnen bei Ihrer Informationsbeschaffung egal, wo die Leute politisch stehen?

Das sowieso. Ein Anhänger jeder politischen Richtung kann ja eine Meinung haben. Denn wir gehören ja alle zu einer Menschheitsfamilie. Das ist auch eine Aussage von Daniele Ganser. 

Lesen Sie Zeitungen?

 Ja, online. 

ARD, ZDF...? 

Ja, auch. Über die Mediatheken. Wenn ich nur in die alternativen Medien schauen würde, könnte ich ja einseitig in eine Richtung gestimmt werden. Man muss immer auch die andere Sichtweise sehen.

Wo würden Sie sich politisch zuordnen? 

In meinem Alter konnte man in den 80er Jahren nur Grün wählen. Wenn ich mir heute die Grünen anschaue, bin ich ganz erschrocken.

Und wo stehen Sie heute?

Tja... schwierig. Früher hatten Politiker Profil und eine Meinung. Heute richten sie sich eher an die Stimmung in der Bevölkerung, um wiedergewählt zu werden. Ich sehe im Moment nicht die Partei, die den Respekt vor der Bevölkerung hat.

Rund drei Viertel der Bundesbürger sagen laut Studien, dass sie mit den Maßnahmen der Bundesregierung zufrieden sind. 

Und das glauben Sie so? 

Glauben Sie es nicht?

Glaube nie einer Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.

Wie viele sind es nach Ihrer Meinung?

50:50 vielleicht. Man muss schauen, wie sich das die nächsten Wochen entwickelt, wenn hier mal ein kleiner Laden schließt oder ein Taxiunternehmen nicht mehr fährt. 

Sie haben vieles kritisiert und sagen, Sie wissen auch nicht, wie man es besser machen könnte. Sie sind Geschäftsführer eines Unternehmens. Da müssen Sie doch auch Entscheidungen treffen. Warum haben Sie trotzdem keine Antworten? 

Doch, ich habe Antworten dazu. In meinem Unternehmen bin ich der Fachmann und kann darüber auch die Entscheidungen treffen. Da sollte es für die Regierung doch möglich sein, mit einem größeren Gremium an Wissenschaftlern und Ärzten in einem neutralen Rahmen zu diskutieren, um zu versuchen, einen Konsens zu finden und diesen öffentlich zu machen. 

Ist Ihr Protest nun ein Versuch für diesen Meinungsaustausch?

Ja, es gibt ja genügend Mitmenschen, die sagen, man müsste etwas machen. Jetzt geht es um das Mehr-werden, sodass man irgendwann sagen kann, dass wir eine Menge sind, die auch mehr wahrgenommen wird und sich artikulieren kann.

Warum haben Sie dafür die Form des stillen Protestes gewählt?

Der Künstler und Journalist Kai Stuht hat aufgezeigt, dass es auch andere Möglichkeiten des Protestes gibt. Wenn ich nur meditiere und das Grundgesetz vor mich lege, dann zeige ich, dass ich Fragen habe, die nicht beantwortet sind. Und gleichzeitig habe ich kein Aggressionspotential. Die Polizei, die dabei anwesend ist, hat damit gar keinen Grund, mich zu bedrängen. Wir ersparen uns Wortklaubereien. Zusätzlich hängen wir uns unsere Ausweise um, sodass die Polizei auch sieht: Die wollen hier nichts verstecken. So kann man, ohne, dass man verortet wird, Gesicht zeigen. 

Werden Sie von anderen Menschen abgestempelt?

Nein, davon habe ich jedenfalls noch nichts mitbekommen. Leute, die mich kennen, wissen, dass ich kein Spinner bin. 

Würden Sie sich als Verschwörungstheoretiker bezeichnen? 

(lacht) Nein, ich bin nur einfach ein offener Mensch, der kritisch hinterfragt. 

NRW-Ministerpräsident Laschet meint, er habe angesichts der drastischsten Einschränkungen in die Grundrechte seit der Gründung der Bundesrepublik durchaus Verständnis für Demonstrationen. Aber man müsse eben schauen, wer sich darunter mischt.

Deshalb hätte man die Demonstrationen am 1. Mai, an dem man ja weiß, dass sich in Berlin Antifa und Rechtsautonome bis aufs Blut bekriegen, aussetzen können. Oder am 8./9. Mai, an dem das Ende des Zweiten Weltkrieges gefeiert wurde: Da gibt es immer Gruppierungen, die das nutzen, um Aufmerksamkeit zu schaffen. In den Qualitätsmedien werden dann auch häufig nur diese Bilder gezeigt.

Halten Sie es für besorgniserregend, dass sich solche Gruppen bei den Corona-Demos einmischen?

Ja, weil die Politik jetzt die Möglichkeit hat, diese Demonstrationen gegen die Aussetzung der Grundrechte, die ja wichtig sind, einzuschränken und zurückzufahren. 

Kannten Sie die sechs anderen Leute, die bei Ihrer Auftakt-Demonstration mitgemacht haben?

Nicht wirklich. Unsere Gruppe hat sich zwar schon vor Wochen gebildet, aber wir hatten uns zuvor nur einmal lose auf dem Sternplatz getroffen. 

Wie ist der Kontakt entstanden?

Ich habe geschaut, ob es hier schon Interessengruppen gibt und bin dann auf die Lüdenscheider Gruppe #Nichtohneuns gestoßen. Darüber hat sich dann eine kleine Gruppe gefunden. Wir haben dann bewusst die beiden ersten Mai-Wochenenden ausgesetzt und haben am 16. Mai gestartet, ohne jemanden zu belästigen. 

Und das obwohl sich die Lage seit Anfang Mai entspannt hat und das öffentliche Leben durch die aktuellen Lockerungen wieder in Gang kommt?

Es bleibt ja die Maskenpflicht. Neulich habe ich eine Fahrradfahrerin mit Mundschutz an einem Anstieg gesehen. Ich dachte, die kippt gleich um. Die Frage ist: Macht Sie das, weil sie nicht weiß, dass sie draußen keine Maske tragen muss. Oder aus Angst? Mit Angst können Sie alles steuern. Wird Ihr Protest weitergehen? Ja, es soll sich immer samstags um 15.30 Uhr etablieren.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Bewegung noch wächst?

Auf jeden Fall. Das tut sie.

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