Borkenkäfer und Klimawandel sorgen für Katastrophe historischen Ausmaßes

Biologischer Flächenbrand frisst sich durch die heimischen Wälder

+
Im Rathmecker Tal, zwischen den Ortschaften Germelin und Vogelsang, entfernt Forstunternehmer Kemal Hasic die vom Borkenkäfer befallenen Fichten aus dem Wald. Forstamt und Forstbetriebsgemeinschaft hoffen, dass möglichst alle Herscheider Waldbesitzer aktiv werden.

Herscheid – Abgestorbene Bäume, Holztransporte wie am Fließband, riesige Kahlflächen mitten im Wald: Die Schäden der Borkenkäfer-Plage sind bereits jetzt unübersehbar. Doch das könnte erst der Anfang sein: Dem Herscheider Wald droht eine Katastrophe historischen Ausmaßes.

Um die Schäden zumindest einzugrenzen und einen kompletten Kollaps zu verhindern, richten sich Forstamt und Forstbetriebsgemeinschaft mit einem flammenden Appell an alle Waldbesitzer. „Wir müssen das retten, was noch zu retten ist – und zwar jetzt“, sagt Jörn Hevendehl, Leiter des Regionalforstamtes Märkisches Sauerland. 

Er spricht von einem „biologischen Flächenbrand“, der sich rasant ausbreite. Bestände, die jetzt noch vital wirken, könnten in sechs bis acht Wochen tot sein. Daher müssen bereits befallene Bäume schleunigst erkannt und gefällt werden, um dem Schädling das Futter zu entreißen und dessen weitere Ausbreitung zu stoppen. Eine andere Chance gebe es nicht. 

Die Vermehrung in den letzten vier Monaten übertreffe alles bislang Erlebte: So hat sich der Borkenkäfer in den Herscheider Wäldern binnen weniger Wochen drei Mal vermehrt. Die Jungkäfer befinden sich teilweise noch in den Bäumen. Bevor sie erneut ausfliegen, sollen sie nun im Holz erfasst und unschädlich gemacht werden. 

Borkenkäferfallen in den Herscheider Wäldern liefern die Daten für diese Grafik, die die Schwärmflüge der Schädlinge (rote Kurve Buchdrucker, grün Kupferstecher) verdeutlichen. Die ersten beiden Spitzen zeigen die Flüge der Tiere, die den Winter in den Bäumen und in der Erde verbracht haben. Die weiteren drei Spitzen sind Nachfolgegenerationen. Die Ausprägung im oberen roten Bereich zeigt an, dass die Population Rekordwerte annehmen könnte, wenn nicht jetzt gegengesteuert wird.

Die Zahlen sind schwindelerregend: Allein in einem Baum können bis zu 50 000 Nachkommen des Schädlings entstehen. Anhand des Borkenkäfermonitorings – einer Art Überwachung der Zahlen – ist zu erkennen, dass die Populationsdichte binnen Wochen Rekordhöhen erreicht hat. „So ein Ergebnis hat es in Herscheid noch nie gegeben“, bedauert Hevendehl. 

Revierförster Klaus Kermes, der diese Statistik mit Hilfe einer Borkenkäferfalle in den heimischen Wäldern erstellt hat, liefert weitere dramatische Fakten: „Bei drei Bruten kann ein einziges Weibchen bis zu 125 000 Nachkommen erzeugen.“ Wie eine Seuche könnten sich die Käfer auf sämtliche Fichten verbreiten, wenn sie nicht durch drastische Maßnahmen gehindert werden. 

Damit sei nicht der Einsatz von Chemikalien gemeint, der politisch nicht gewollt sei, schildert Rolf Brühne. Der Vorsitzende der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Herscheid baut stattdessen auf die Solidarität der 160 Mitglieder und der 90 Waldbesitzer, die nicht in der FBG organisiert sind. Sie alle müssten dazu bereit sein, die befallenen Fichten jetzt aus ihren Wäldern zu bringen. Denn nur so könne ein erneutes Ausschwärmen der neuen Brut verhindert werden. 

Sichere Indizien für einen Befall seien Bohrlöcher, Bohrmehl an der Rinde oder trockene Nadeln. Wer diese Merkmale in seinen Wäldern entdeckt, sollte umgehend reagieren und Kontakt mit der Forstbetriebsgemeinschaft aufnehmen. Denn: „Wir können diese Katastrophe nur gemeinsam meistern“, sagt Förster Kermes. 

Nur wenige Millimeter sind die Borkenkäfer groß. Doch schwärmen sie aus, können sie immense Schäden in den heimischen Wäldern anrichten.

Das Problem: Wenn auch nur einer nicht mitzieht und sich der Maßnahme verweigert, gefährde diese Einzelperson den Erfolg aller anderen Waldbesitzer. Entsprechend viel Überzeugungsarbeit liegt vor der FBG und Klaus Kermes, die einen Rahmenvertrag erarbeiten wollen, um bei der Koordination der Fällarbeiten zu helfen. 

Aus wirtschaftlicher Sicht sei dieser Schritt wenig lukrativ, können angesichts der Holzschwemme zurzeit keine angemessenen Preise erzielt werden. „Es geht jetzt nicht mehr um Erlöse, sondern darum, möglichst viel betroffenes Holz und Käfer aus dem Wald zu schaffen“, betont Brühne. 

Die Situation sei ernst, denn für den Wald sei es längst nicht mehr 5 vor 12, sondern es habe bereits 12 Uhr geschlagen, betont Hevendehl. Doch noch gebe es einen letzten Hoffnungsschimmer: „Aufgrund der Höhenlage Herscheids ist es jedoch noch möglich, ein bisschen was zu retten“, sagt der Leiter des Forstamtes.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare