Hoffnung auf stärkere Kontrollen

Anwohner schlagen Alarm: Raserei auf der Landstraße schränkt Lebensqualität ein

Mit Töchterchen Ida (eineinhalb Jahre) spielt Ina Heift in der Außenküche. Wenige Meter entfernt rauscht ein Lastwagen
über die Landstraße 879, die direkt am Wohnhaus der Familie verläuft.
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Mit Töchterchen Ida (eineinhalb Jahre) spielt Ina Heift in der Außenküche. Wenige Meter entfernt rauscht ein Lastwagen über die Landstraße 879, die direkt am Wohnhaus der Familie verläuft.

Vorsichtig fährt die kleine Ida mit ihrem Bobbycar über die Steinplatten an der Spielküche vorbei in Richtung Gartenrutsche. „Da kommt schon der nächste“, ruft Mutter Ina Heift und zeigt auf die Landstraße 879. Wenige Sekunden später rauscht ein Sattelschlepper am Grundstück der Familie vorbei. Die eineinhalbjährige Ida sitzt staunend auf ihrem Tretauto und betrachtet das große Fahrzeug, das nur wenige Meter von ihr entfernt in Richtung Vogelsang saust.

Herscheid - Situationen wie diese spielen sich in Schwarze Ahe etliche Male am Tag ab. Der Schwerlastverkehr und der Berufsverkehr schränken die Lebensqualität in der kleinen Ortschaft am Rande des Herscheider Gemeindegebietes ein. Denn an die vorgeschriebenen 50 km / h halten sich nur wenige Fahrer, berichtet Ina Heift. Rücksicht auf die Anwohner? Fehlanzeige!

Gemeinsam mit ihrer Nachbarin Gabriele Schulte sammelt Ina Heift regelmäßig abgefahrene Außenspiegel oder Plastiksplitter auf, die von Fahrzeugberührungen im Begegnungsverkehr zeugen. Als Müllsammler oder Fußgänger müsse man an der Landstraße jedoch sehr achtsam sein, warnt Gabriele Schulte: Einen Gehweg gibt es hier im Außenbereich nicht und aufgrund der gefahrenen Geschwindigkeiten wird es insbesondere für ältere Personen, aber auch für Mütter mit Kindern oder Gassigeher mit Hunden immer wieder eng. „Das ist ein Spießrutenlauf“, klagt Gabriele Schulte.

Mehr Lkw-Verkehr durch Navi-Geräte

Nur die alteingesessenen Nachbarn kennen noch die ruhigen Zeiten, als man bedenkenlos zu Fuß zur Gaststätte Pius gehen konnte. Doch mit dem Aufkommen der Navigationsgeräte habe insbesondere der Schwerlastverkehr zugenommen. „Die Straße ist eine Abkürzung von der Autobahn in Richtung Werdohl und umgekehrt“, weiß Gabriele Schulte. Auch heimische Firmen kennen die Strecke, nutzen sie regelmäßig und vernachlässigen unter Zeitdruck anscheinend zu häufig das Bremspedal.

Das hat Folgen: Das erwähnte einstige Gaststätten-Gebäude, um das die Landstraße einen Schwenk macht, wird inzwischen als Wohnhaus genutzt. Um die Fassade zu schonen haben die Anwohner Pflanzenkübel aufgestellt, doch diese werden von den vorbeifahrenden Fahrzeugen häufig erwischt. Auch Böschungen und Zäune sind in Schwarze Ahe in Straßennähe nicht sicher.

Sachbeschädigungen sind für die Anwohner an der L 879 keine Seltenheit. Zuletzt wurde die Mauer der Familie Kulik von einem Sattelschlepper beschädigt.

Erst Mitte März hat es vor dem Haus der Familie Kulik gekracht: Gegen 8 Uhr kamen zwei Lastwagen in Höhe des Industriedenkmals Ahehammer aufeinander zu, die Fahrer bremsten ab und manövrierten ihre Fahrzeuge langsam aneinander vorbei. Ein Lkw musste mehrmals vor- und zurücksetzen, dabei beschädigte er die Bruchsteinmauer der Kuliks, einzelne Brocken kullerten auf die Straße – der Fahrer kümmerte sich jedoch nicht darum und fuhr fort.

Schilder zeigen kaum Wirkung

Eine Nachbarin beobachtete diesen Unfall, notierte das Kennzeichen des Fahrzeugs und informierte Joanna Kulik-Sawko, die Kontakt zur Polizei aufnahm. „Hier muss dringend etwas passieren“, fordert die junge Mutter. Ihr Mann hatte – nachdem Familienhündin Coco von einem Auto angefahren worden war – vor eineinhalb Jahren mit selbstgemachten Schildern (unter anderem mit der Aufschrift „Hier leben Menschen“) auf die Situation an der Landstraße 879 aufmerksam gemacht. Geändert hat sich daran reichlich wenig.

Doch in der Nachbarschaft in Schwarze Ahe hat sich etwas getan. „Eine Familie ist bereits umgezogen, weil die Situation hier wenig familienfreundlich ist“, erzählt Ina Heift. Dessen ungeachtet seien aber auch neue Familien mit Kindern hinzugezogen. Und Ina Heift, die ebenfalls erst Anfang 2019 aus dem nach eigenen Angaben zu städtischen Ruhrgebiet in die ländliche Abgeschiedenheit zog, hat in ihrem Wohnhaus die Kindertagespflege Tannenhäuschen eingerichtet. Dort betreut sie bis zu vier Tageskinder.

Enge bereitet auch der Polizei Probleme bei ihren Messungen

Laut dröhnende Motoren oder Musikanlagen, gefährliche Fahrmanöver, überhöhte Geschwindigkeit: Über Verkehrsrowdys beschweren sich Anwohner in vielen Ortslagen. Auf Anregung der CDU soll daher in Herscheid ein Verkehrsberuhigungskonzept erstellt werden. Doch wo fängt man an und wo hört man auf? Um entsprechende Kriterien erstellen zu können, soll die Verwaltung regelmäßig über Geschwindigkeitsmessungen berichten; damit wurde in einer der jüngsten Bauausschusssitzungen begonnen. Dabei wurde auch das Ergebnis einer Langzeitmessung im Bereich Schwarze Ahe aus dem Oktober 2019 vorgestellt. Dort seien keine bedenklichen Werte festgestellt worden. Auch Dorfsheriff Dagmar Eckhardt war bereits zu Lasermessungen vor Ort; gravierende Überschreitungen konnte auch sie nicht registrieren. Jedoch gibt sie zu bedenken, dass aufgrund der örtlichen Gegebenheiten (enge Straßenverhältnisse, kein Platz zum Anhalten von Fahrzeugen) eine Tempokontrolle in Schwarze Ahe schwierig sei.

Damit der Gartenbereich ein wenig abgeschirmt ist, haben sie und ihr Mann zur Landstraße hin einen höheren Holzzaun installiert. Und um den Kleinen ein sicheres Naturerlebnis zu ermöglichen, wurde ein Lastenrad gekauft, in dem die gelernte Erzieherin die Kinder das kurze Stück entlang der Straße in den Wald schieben kann. „Zu Fuß mit den Kindern wäre das nicht möglich“, betont Ina Heift.

Gemeindeverwaltung, Polizei, Landesbetrieb Straßen.NRW – von den Behörden erhoffen sich die Nachbarn Unterstützung. „Unsere Möglichkeiten als Anwohner sind eher begrenzt“, weiß Ina Heift, die für die ÖDP Herscheid im Bau- und Planungsausschuss sitzt. Bauliche Veränderungen an der Straße seien aufgrund der engen Verhältnisse eher unwahrscheinlich. Doch über regelmäßige Geschwindigkeitskontrollen, um die Raser wach zu rütteln, würden sich viele Anwohner in Schwarze Ahe sicherlich freuen.

Wegziehen sei hingegen keine Option, versichert Ida Heift stellvertretend für ihre Nachbarn, denn: „Wir wohnen hier ja eigentlich so idyllisch, wenn da nicht die Verkehrssituation wäre.“

Für kurzfristige Entspannung in Schwarze Ahe dürfte die Sperrung der Landstraße 879 sorgen.

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