„Ich bin ein Fan von sauberen Lösungen“

Andreas Voit über seinen Faible für einen Beruf, der auch unangenehme Seiten beinhaltet

Welcher Plan wird noch benötigt, welcher nicht? Sein Büro im Herscheider Rathaus hat Andreas Voit bereits größtenteils aufgeräumt. Nach seinem letzten Arbeitstag am 16. Dezember beginnt für ihn der verdiente Ruhestand.
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Welcher Plan wird noch benötigt, welcher nicht? Sein Büro im Herscheider Rathaus hat Andreas Voit bereits größtenteils aufgeräumt. Nach seinem letzten Arbeitstag am 16. Dezember beginnt für ihn der verdiente Ruhestand.

Eigentlich wollte er seine Kollegen zu einem gemütlichen Abschiedsfrühstück einladen. Doch Corona macht Andreas Voit einen Strich durch die Rechnung: Der Wasserbauingenieur erlebt am Mittwoch, 16. Dezember, seinen letzten Arbeitstag beim Stadtentwässerungsbetrieb Lüdenscheid-Herscheid (SELH)

Herscheid -  Im Gespräch mit Dirk Grein erinnert er sich zurück an seine 20-jährige Tätigkeit im Dienste der Herscheider Bevölkerung und an den vollzogenen Wandel in der örtlichen Abwasserbeseitigung. 

Herr Voit, in Ihrem Büro sieht es schon sehr aufgeräumt aus....
Voit: Das stimmt. Ich habe schon die Akten, die noch ins Archiv gehörten, dort eingeräumt und viele persönliche Akten zur Vernichtung gegeben. Dann hoffe ich, dass ich spätestens am Montag alles so weit aufgeräumt habe, dass ich mein Büro dann übergeben kann.

Die letzten Tätigkeiten in ihrem Berufsleben – wie fühlt sich das an?
Voit: Bei der Betrachtung von alten Vorgängen und Ratsunterlagen kann man ein wenig schmunzeln, manchmal ärgert man sich auch nochmal. Es ist eben ein sehr zwiespältiges Gefühl, weil ich weiß, dass nun ein bedeutender Lebensabschnitt endet, aber ein neuer anfängt.

Was hat sich in den 20 Jahren in der Herscheider Kanalisation geändert?
Voit: Ich habe es als meine grundlegende Aufgabe angesehen, die bestehende Abwasserbeseitigung umzustellen in ein zukunftsfähiges System. Das heißt: Von Mischsystemen, in denen Schmutz- und Regenwasser zusammengeführt und in eine Kläranlage geführt werden, in ein Trennsystem, um das saubere Regenwasser der Natur und den Bächen zurückzugeben und nur das klärpflichtige Abwasser den Kläranlagen zuzuführen. Da war am Anfang reichlich Überzeugungsarbeit zu leisten, weil man statt einem Kanal plötzlich zwei Kanäle brauchte. Mittlerweile ist das in vielen Bereichen Standard geworden – ich denke da an die Erschließungsgebiete An der Spitze, Grenzweg, Im Wäldchen und zuletzt den Rotmilanweg. Dieses System wirkt sich bis heute auf – im Vergleich zu Nachbargemeinden – unsere niedrigeren Regenwassergebühren aus.

Warum war diese Umsetzung anfangs nicht einfach?
Voit: Die Bevölkerung wusste seinerzeit zum Beispiel nicht, wofür ein Regenrückhaltebecken da ist; es sah ja eher aus wie ein Freibad. Und auch die Politik zu überzeugen, dass im Endeffekt zwei Kanäle billiger sein können, als ein großer, war anfangs nicht leicht. Ein ganz berühmtes Beispiel habe ich sehr oft erzählt: Regenwasser in die Kläranlage zu bringen, ist wie saubere Handtücher in die Waschmaschine zu geben. Sowohl in der Politik, als auch in der Bevölkerung ist das Bewusstsein gewachsen, dass das saubere Regenwasser wieder den Bächen zurückgeführt werden soll und dass durch Speicherung in den Becken Überschwemmungen und Überflutungen verhindert werden können. Das ist auch deutlich umweltbewusster.

Bemerken Sie in der Bevölkerung ein Umdenken?
Voit: Die Bevölkerung ist umweltbewusster geworden, das spürt man deutlich. Besonders nach dem Hochwasser 2008 in Hüinghausen: Danach war das Verständnis sehr groß, dass man Rückhalteräume schaffen und dem Gewässer mehr Platz machen muss.

Ein Ereignis, das sich heute so nicht mehr wiederholen könnte?
Voit: Jedes Hochwasser kann sich wiederholen, weil Hochwasser kein Gedächtnis hat. Falls so etwas wieder passieren sollte, wäre die angrenzende Bevölkerung jetzt deutlich besser geschützt. Normale Hochwasser, die alle 10 bis 20 Jahre kommen, würden durch diese Systeme abgefedert.

Zur Person: Andreas Voit

Andreas Voit, 64 Jahre alt, kann auf einen vielseitigen beruflichen Werdegang zurückblicken. Nach seinem Studium (Fachrichtung Wasserbau) an der Uni Siegen sammelte er erste Erfahrungen in einem Ingenieurbüro in Hagen und danach bei der Stadtverwaltung in Bergkamen. Elf Jahre lang arbeitete er für die deutsche Steinkohle AG, ehe Voit im Jahr 2000 ins Herscheider Rathaus wechselte. Dort leitete er das Bauamt und zuletzt die Gemeindewerke Abwasser. In dieser Funktion begleitete er den Übergang in den Stadtentwässerungsbetrieb Lüdenscheid-Herscheid, der heute für die Abwasserbeseitigung in den beiden Nachbarkommunen zuständig ist.

64 Kilometer Kanal gibt es in Herscheid: In welchem Zustand sind sie?
Voit: Das Herscheider Kanalnetz ist auch dadurch, dass wir jetzt eine in einer Gesellschaft mit den Lüdenscheider Kollegen sind, noch besser untersucht. Das ist alles mindestens zweimal befahren und gefilmt sowie beurteilt worden. Sicherlich muss man einen Teil der Kanäle ständig unterhalten und erneuern, grundlegend ist aber der Zustand gut. Und: Auch hier vor Ort werden immer mehr Sanierungen unterirdisch gemacht. Ohne dass es die Bevölkerung mitbekommen hat, ist in diesem Jahr die gesamte Kanalisation in der Lüdenscheider Straße erneuert worden. Das zeigt: Die Beeinträchtigung der Bürger durch die neuen Bauverfahren nimmt deutlich ab. Es sei denn wir brauchen, wie am Rahlenberg, einen viel größeren Kanal-Durchmesser – dann erfolgt der Ausbau in offener Bauweise.

Sie sprachen den Übergang der Gemeindewerke Abwasser in den SELH an: Wie bewerten Sie diesen aus heutiger Sicht?
Voit: Es war der absolut richtige Schritt, sich einer größeren, leistungsfähigeren Organisation anzuschließen, die alles unter einem Dach hat, nicht nur die Bauplanung, sondern auch die Bauleitung und Bauausführung, Abrechnung, wir haben sogar einen eigenen Kamerawagen. Es war sicherlich eine Übergangszeit, in der die unterschiedlichen Standards angepasst worden sind. Aber ich glaube, dass sich das für Herscheid sehr gut entwickelt. Mir war es sehr wichtig, dass ich diesen Übergang mitgestalten konnte. Ich bin ein Fan von sauberen Lösungen und das war eben eine solche Lösung.

Aber Abwasser und Kanal sind nicht immer delikate Angelegenheiten...
Voit: Wer einmal eine Schmutzwasserpumpe in unseren Pumpstationen gesäubert hat, den kann nichts mehr schocken. Ich weiß noch genau, dass man mich damals ausgelacht hat, als ich gesagt habe, dass feuchtes Toilettenpapier nicht in die Toiletten geworfen werden soll, weil sonst die Pumpen zugesetzt werden. Mittlerweile weiß man, dass große Städte wie Köln einen fast siebenstelligen Betrag ausgeben, um ihre Pumpen zu reinigen.

Diesen unangenehmen Tätigkeiten zum Trotz: Woher stammt Ihre ungebrochene Begeisterung für Ihren Beruf?
Voit: Als ich studiert habe, war es noch keine 100 Jahre her, dass im Ruhrgebiet die Leute an Diphtherie und Cholera gestorben sind. Damals wurde der Ruhrverband gegründet, um die ersten Kläranlagen zu bauen. Mich hat es stets interessiert, wie man Siedlungsstrukturen aufbauen kann, also nicht nur mit Straßen und Häusern, sondern die Frage: Was ist notwendig, damit ein vernünftiges sanitäres System läuft? Es ist ein sehr abwechslungsreicher Beruf, weil es nicht nur um das Sammeln und Fortleiten von Abwasser geht, sondern auch um unterschiedliche Klärtechnik.

Was wird Ihnen nun am meisten fehlen, wenn Sie sich damit nicht mehr tagtäglich beschäftigen müssen?
Voit: Mir werden natürlich meine Kollegen fehlen. Dass man mit anderen Menschen zusammenkommen und sich austauschen kann. Worauf freuen Sie sich? Ich freue mich auf mehr Zeit mit meinen Enkelkindern und mit meiner Familie. Ich freue mich auf die Zeit nach Corona, weil ich sehr gerne reise. Und ich freue mich, dass ich mich mehr einbringen kann bei meinen anderen Freizeitbetätigungen, wie zum Beispiel bei der Planung des P-Weg-Marathon-Wochenendes. 

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