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Größter Arbeitgeber der Gemeinde: A45-Sperrung „ein Riesenproblem“

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Von: Dirk Grein

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Der große Parkplatz vor der Firma Gustav Alberts ist zwar weiter gut gefüllt. Die Sperrung der Autobahnbrücke stellt einige Mitarbeiter dennoch vor Probleme: Ihre Fahrten nach Herscheid verlängern sich deutlich.
Der Parkplatz vor der Firma Gustav Alberts ist zwar weiter gut gefüllt. Die Sperrung der Autobahnbrücke stellt einige Mitarbeiter dennoch vor Probleme: Ihre Fahrten nach Herscheid verlängern sich deutlich. © Foto: Grein

Die Sperrung der Autobahn A 45 stellt die heimische Industrie vor massive Probleme. Auch Herscheids größter Arbeitgeber, die Firma Gustav Alberts (GAH), ist betroffen, betrachtet die Entwicklung mit großer Sorge.

Herscheid - Insbesondere die Mitarbeiter stehen vor einer Geduldsprobe. Wie Sabrina Ernst aus der Personalabteilung erklärt, arbeiten mehr als 500 Mitarbeiter (inklusive Zeitarbeitnehmer und Außendienstler) für GAH. Ein Großteil stamme aus der heimischen Region, sei daher nicht direkt auf die Sauerlandlinie angewiesen. Doch es gebe Abteilungen, in der der Anteil der Arbeitspendler groß sei; dort sei die Situation jeden Tag aufs Neue angespannt.

Diese Beschreibung gilt besonders für die Logistik. „Wir haben viele Mitarbeiter, die aus Richtung Ruhrgebiet kommen, die brauchen starke Nerven“, erzählt Logistik-leiter Alf Atzler. Teilweise haben die betroffenen Mitarbeiter Fahrgemeinschaften gebildet, um einen wenig befahrenen Weg nach Herscheid zu suchen. Doch eine solche Strecke sei zurzeit kaum zu finden, weshalb die An- und Rückfahrten häufig von Stau geprägt werden.

„Viele fahren eine halbe Stunde länger als sonst, hin und zurück, das macht eine Stunde mehr, die ihnen niemand bezahlt“, beschreibt Atzler die unbefriedigende Situation. Dass sich Mitarbeiter aufgrund der Verkehrsprobleme telefonisch von unterwegs melden und ankündigen, dass sie ihren Dienst nicht pünktlich antreten können, sei keine Seltenheit.

Überall dort, wo es möglich ist, setzt GAH daher – übrigens nicht erst seit der Corona-Pandemie – auf Homeoffice. Doch dies beschränkt sich in erster Linie auf Bürotätigkeiten, die von zuhause aus erledigt werden können.

Wie Unternehmenssprecherin Solveig Flörke betont, sind davon alle Mitarbeiter ausgenommen, die „echte Handarbeit“ verrichten: „Wir fertigen vor Ort und verpacken Waren, bedienen Maschinen, schweißen, warten und reparieren – all das geht nun mal nicht von zuhause aus.“ Die Verlagerung des Arbeitsplatzes in die heimischen vier Wände, ohne längere Anfahrt, sei daher nur bedingt möglich.

Herscheid belegt in der Auspendler-Statistik im NRW-Vergleich den 81. Platz

Ein Blick in die Pendlerstatistik des Landesbetriebs Information und Technik NRW: 61,3 Prozent der in Herscheid Erwerbstätigen waren im Jahr 2020 Einpendler. Im NRW-Vergleich bedeutet dies Platz 112.

Noch extremer ist der Wert bei den Auspendlern: 73,9 Prozent der Herscheider Erwerbstätigen mussten im vergangenen Jahr täglich die Gemeindegrenze überfahren, um an ihren Arbeitsort zu gelangen. Im Vergleich mit den übrigen 396 NRW-Kommunen bringt das Herscheid Platz 81.

Besonders die Herscheider Auspendler dürften stark von der Sperrung der A45 betroffen sein. Immerhin pendelten im Vorjahr 63 Herscheider täglich zur Arbeit nach Hagen, 36 mussten sogar nach Dortmund zum Arbeitsplatz fahren.

Die meisten Herscheider, die nicht in der Ebbegemeinde ihren Arbeitsplatz hatten, mussten im vergangenen Jahr nach Lüdenscheid fahren (934). Erst danach folgt Plettenberg, wo immerhin noch 744 Herscheider ihre Arbeitsstelle hatten. Danach kommt ein großer Bruch: Auf Platz drei der Auspendlerströme steht Werdohl – hier hatten 152 Herscheider ihren Arbeitsplatz, 98 pendelten nach Meinerzhagen.

Doch auch Hagener, die in Herscheid arbeiten, werden von der A45-Sperrung betroffen sein – und das waren laut IT.NRW im vergangenen Jahr immerhin 33 Personen. Die meisten auswärtigen Arbeitnehmer stammen aus Plettenberg (538), Lüdenscheid (388), Werdohl (110), Meinerzhagen (88) und Kierspe (42).

Auf eine andere Auswirkung weist Logistikleiter Atzler hin: „Das Thema A 45 ist ein Riesenproblem. Denn als wichtigste Nord-Süd Tangente sind alle Speditionen von der Sperrung betroffen und müssen jetzt den Umweg über die A 1 fahren.“

Er rechnet vor: Der Umweg für die Speditionen nach Herscheid sei ungefähr 100 Kilometer lang oder, zeitlich übersetzt, mindestens zwei Stunden länger. Stets vorausgesetzt, dass kein Unfall auf der Ausweichstrecke geschehe. Trete ein solcher Fall ein, sei es für die Spediteure unmöglich, die getroffenen Zeitangaben einzuhalten.

„Es gibt Spediteure, die holen die Lieferungen nicht mehr pünktlich bei uns ab. Andere versuchen, deutlich früher loszufahren, aber all das schlägt sich am Ende auch in Kosten nieder und in Verzögerungen in der Abfertigung bei uns“, erzählt der Logistikleiter.

Die kurzfristige Autobahnsperrung komme zu einem ungünstigen Zeitpunkt, wie Wolfgang Ehses, strategischer Einkäufer bei GAH, ergänzt. Weltweit sei es extrem schwierig geworden, Material und Rohstoffe zu beschaffen. Nun komme durch die marode Brücke ein lokaler Faktor hinzu, der es zusätzlich erschwert, pünktlich an Material zu kommen.

„In einem Just-in-time-Gewerbe, wo alles genau durchgetaktet ist, bringt so eine Verkehrsstörung erhebliche Probleme mit sich“, betont Ehses. Er nennt ein Beispiel: Schon ein verspäteter Spediteur könne für das Herscheider Familienunternehmen zusätzliche Kosten bedeuten. Falls zum Zeitpunkt der Warenlieferung „bei uns alle Rampen belegt sind, dann kann ein Container nicht abgeladen werden und steht unter Umständen übers Wochenende zwei Tage länger hier. Das kostet Strafzahlungen, für die wir gar nichts können“, erzählt Ehses.

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