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Gegen die Monokultur: Langer Weg zum Wald der Zukunft

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Von: Nina Scholle

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„Wir haben eine gemeinsame Verantwortung für unsere Umwelt“, sagte Dr. Dunkel den Besuchern am Böllenberg, zu denen neben Jägern, Forstwirten und Erholungssuchenden auch Klimaschutzmanager Simon Mai (links) zählte.
„Wir haben eine gemeinsame Verantwortung für unsere Umwelt“, sagte Dr. Dunkel den Besuchern am Böllenberg, zu denen neben Jägern, Forstwirten und Erholungssuchenden auch Klimaschutzmanager Simon Mai (links) zählte. © NINA SCHOLLE

Seit Monaten kann man zusehen, wie sich die Wälder rund um Herscheid fast wöchentlich verändern. Wo vor kurzem noch Baumreihe an Baumreihe stand, erinnern heute nur noch Holzstapel an die einstige Pracht. Bis hier wieder ein dichter Wald steht, werden Jahrzehnte vergehen.

Herscheid - Doch wie wird der „Wald der Zukunft“ aussehen und wie wird er gelingen? Darüber sind sich selbst Experten uneins. Einigkeit herrscht aber in einem Punkt: Es geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen – also Waldbesitzer, Jäger und Erholungssuchende und nicht jeder nur auf die eigenen Interessen schaut, sondern alle im Einklang miteinander handeln.

Um die Möglichkeit eines ersten Dialogs zu bieten und aufzuklären, hatte Waldbesitzer und Hegeringleiter Dr. Mathias Dunkel zu einer öffentlichen Revierbegehung am Böllenberg eingeladen. Unterstützt wurde er von Markus Gumpricht, Hegeringskamerad und zudem Leiter des Forstbetriebsbezirks Meinerzhagen. 16 Personen aus allen drei Gruppen waren gekommen, die sich über die Situation des heimischen Wales informieren wollten.

Kyrill-Fläche mit Vorbildcharakter

Am Böllenberg, so scheint es, liegen Gegenwart und Zukunft nur einen Forstweg breit auseinander. Auf der einen Seite eine kahle Fläche: Nur einzelne Baumgerippe stehen noch, ansonsten bedecken Gräser und wenige Büsche den Boden. Auf der anderen Seite: ein herbstlich bunter Mischwald. Wie kann das sein?

Der Borkenkäferbefall hat zum Absterben der Fichten auf der einen Wegesseite geführt; die Bäume wurden gefällt und abtransportiert. Ein Szenario, das sich überall rund um Herscheid beobachten lässt. Auch das Wäldchen auf der anderen Seite sah einst wüst aus, denn im Jahr 2007 war Orkan Kyrill hier entlanggefegt und hatte großen Schaden angerichtet. Dass dort heute ein gesunder Mischwald steht, liegt nicht zuletzt daran, dass Dr. Mathias Dunkel die Fläche eingezäumt hat, um die jungen Baumtriebe vor Rehverbiss zu schützen. Natürlich sei diese Maßnahme nicht auf alle jetzigen Freiflächen anzuwenden: „Wir können nicht alles umzäunen. Das wollen wir auch nicht“, erklärt Dr. Dunkel entschieden.

Dr. Mathias Dunkel setzt auf Vielfalt: Hier zeigt er einen jungen Blauglockenbaum.
Dr. Mathias Dunkel setzt auf Vielfalt: Hier zeigt er einen jungen Blauglockenbaum. © NINA SCHOLLE

Entsprechend bedarf es anderer Strategien, um den jungen Bäumen eine Chance zu geben, zu wachsen. Der Wildbestand spiele eine entscheidende Rolle: „Das Rehwild selektiert“, klärt Dr. Dunkel auf. Das bedeutet: Junge Knospen werden angeknabbert, die Pflanze stirbt ab, der Wald kann sich nicht verjüngen. Daher müsse vermehrt Rehwild bejagt werden, „sonst hat die kleine Pflanze keine Chance.“ Um „vernünftige Bestände“ zu haben, müsse demnach „Zahl vor Wahl“ beim Abschuss gelten.

Doch welche Pflanzen sollen vor Verbiss geschützt werden? Keiner weiß, wie sich das Klima in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Vielleicht seien Kokosnusspalmen eine Alternative, wirft eine Person scherzhaft ein. Doch selbst, wenn man sich bei einer Baumart ziemlich sicher wäre, das Hauptproblem ist derzeit die Beschaffung der Setzlinge.

„Wo kriegen wir die Pflanzen her?“, fragt Markus Gumpricht – die Baumschulen seien ausgelastet, denn auch sie stehen vor der Frage, was überhaupt produziert werden soll. Als Pionierpflanzen werden zunächst Birken und Ebereschen die freien Flächen erobern; der ‚Wald’ wird ein bisschen sich selbst überlassen, bevor die Waldbesitzer in ein paar Jahren anfangen können, weitere Baumarten einzusetzen.

Von einer Monokultur in die nächste?

„Waldbesitzer werden zu Landschaftspflegern“, wirft ein Herr ein und hat damit nicht Unrecht. Die nächsten Jahre werden die Waldbesitzer keine Einnahmen haben, aber weiterhin Kosten. Das kann dazu führen, dass große Waldbesitzer die kleinen aufkaufen und statt in einen gesunden Mischwald zu investieren, lieber Douglasien pflanzen, da man davon ausgeht, dass sie weniger Probleme mit den Auswirkungen des Klimawandels haben als andere Baumarten.

Von einer Monokultur in die nächste könne jedoch nicht das Ziel sein, warnt Dr. Dunkel. Er persönlich probiert sich ein bisschen aus, was verschiedene Bäume angeht und zieht selbst Setzlinge. Eine kleine Auswahl zeigte er den interessierten Herscheidern, wie beispielsweise den Blauglockenbaum. Keine einheimische Art, doch mit dem Potenzial „ganz viel Schatten“ zu spenden, sodass sich andere Pflanzen besser entwickeln können. Diese „Spielerei“ mit verschiedenen Baumarten, werde uns nicht retten, das ist Dr. Dunkel bewusst, doch der Vielfalt sei es zuträglich.

Zurück zur Jagd: Sie ist ein öffentlicher Auftrag, der in Zukunft neu definiert werden müsse, meint Markus Gumpricht: „Ein Jäger kann nicht allein für Wildschäden verantwortlich gemacht werden.“ Auch die Jagd als solche müsse sich verändern: Weg von der Ansitz-, hin zur Intervalljagd, bei der innerhalb eines kurzen Zeitraums ein hoher Abschuss erzielt werden kann. Dabei sind natürlich Tierschutzaspekte zu beachten. „Wir sind nicht zum Massakrieren da“, sagt Gumpricht und Dr. Dunkel ergänzt: „Auf flüchtendes Wild schießt man nicht.“ Bei Rehen handelt es sich um sehr schmerzempfindliche Tiere; wenn ein Schuss abgegeben wird, müsse dieser sitzen.

Appell an Jogger, Radler und Hundebesitzer

Für eine erfolgreiche Jagd bedarf es einer passenden Infrastruktur: Hochsitze und Waldschneisen müssen vorhanden sein, zudem ist Ruhe ein entscheidender Faktor. Für Spaziergänger, Jogger und Radler bedeutet das in erster Linie: Auf den Wegen bleiben und nicht zu Unzeiten durch den Wald stromern; auch Hunde sollten die Wege nicht verlassen. Dr. Dunkel weiß: Wird das Wild gestört, ändere es seine Gewohnheiten. So kommen die Rehe möglicherweise erst nachts heraus. Der Schaden bleibt, doch die Jäger haben keine Möglichkeit mehr, die Rehe erfolgreich zu bejagen.

Aufklärung sei wichtig, sagt Dr. Dunkel: „90 Prozent der Leute sind vernünftig“ und einsichtig, wenn man ihnen die Zusammenhänge erkläre.

Nach zwei Stunden Revierbegehung war den Anwesenden klar: Das Gelingen der Aufforstung ist ein komplexes und vielschichtiges Thema. Doch jeder, Waldbesitzer, Jäger und der einfache Bürger, kann seinen Beitrag leisten, damit in der Zukunft die Herscheider wieder von den Wäldern profitieren können. Dr. Dunkel: „Wir haben eine gemeinsame Verantwortung für unsere Umwelt!“

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