Vom Wellensittich bis zum Pony

Frieden für misshandelte Tiere: Dieser Gnadenhof macht es möglich

Esel und Ponys aus Beschlagnahmung haben auf dem Hof Rittinghaus ein Zuhause gefunden.
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Esel und Ponys aus Beschlagnahmung haben auf dem Hof Rittinghaus ein Zuhause gefunden.

Drei Ponys und zwei Esel stehen auf einer Weide. Zutraulich nähern sie sich dem Zaun, als eine Dame vorbeigeht. Sie bleibt stehen und streichelt den Tieren liebevoll über die Schnauzen. Die Tiere machen einen gesunden und fitten Eindruck; nichts lässt mehr erkennen, wie qualvoll sie leben mussten, bevor sie zum Hof von Ute Rittinghaus kamen.

Herscheid - „Die waren mehr tot als lebendig“, erzählt Rittinghaus der Dame, die eben Tiere streichelt. „Da war nichts mehr gesund dran.“ Die Ponys und Esel stammen aus einer Beschlagnahmung. Der ehemalige Besitzer hatte sie in einem Geräteschuppen gehalten, dessen Decke so niedrig war, dass die Tiere die Köpfe nicht heben konnten. Die Dame hält in ihrer Streichelaktion inne, schüttelt ungläubig den Kopf. „Es ist ein Wahnsinn, was Menschen Tieren antun“, sagt sie.

Schicksale wie die der Ponys und Esel sind keine Seltenheit: Auf dem Hof von Ute Rittinghaus haben zahlreiche Tiere eine neue Heimat gefunden, nachdem sie zuvor ein zum Teil unwürdiges Dasein haben fristen müssen. „Mein Bestreben war es schon immer, armen, geschundenen Kreaturen zu helfen“, sagt Rittinghaus, die den Hof 2010 übernommen hat. 30 Pferde wohnen auf dem Hof, wovon die Hälfte Einstellpferde sind, die andere Hälfte hat der Tierschutz, bzw. das Veterinäramt hergebracht.

Viele Tiere aus Beschlagnahmung

Dazu kommen rund 200 Kleintiere: Meerschweinchen und Kaninchen, Laufenten, Gänse und Wachteln, Tauben, Wellensittiche, Hühner und Graupapageien und, und, und. Im Teich tummeln sich Goldfische und Forellen; Bienen schwirren ebenso durch die Luft, Schwalben und wenn es dämmert, kommen die Fledermäuse hervor. „Wo ich helfen kann, helfe ich; was ich machen kann, mache ich“, erklärt Rittinghaus. Dabei fasziniere sie besonders, dass „kein Tier bösartig sei, egal, was es erlebt“ habe.

Fast alle Tiere stammen aus Beschlagnahmungen; einige haben Privatpersonen abgegeben, andere, zum Beispiel die Kaninchen, wurden ausgesetzt gefunden und anschließend zu Ute Rittinghaus gebracht. „Alles Tiere, die sich mal Leute gekauft haben, ohne zu wissen, was dahinter steckt.“

An diesem Samstag soll ein bisschen Aufklärungsarbeit geleistet werden. In Kooperation mit Forestlax Herscheid, Walderlebnis Hasendenn und dem Wald- und Umweltpädagogischen Zentrum Meinerzhagen hat Ute Rittinghaus Groß und Klein auf ihren Hof eingeladen.

Sie freuten sich über die Spendenbereitschaft beim Besuchertag: Melanie Braun (Walderlebnis Hasendenn), Alexandra Gödde (Wald- und Umweltpädagogischen Zentrum) und Hofbesitzerin Ute Rittinghaus (von links).

Für Tiere und die Natur sensibilisieren – so hätte das Leitmotiv dieses Tages lauten können, denn genau darum ging es. Gar nicht so sehr, die, wenn auch zweifelsohne wichtige, Arbeit von Rittinghaus in den Fokus zu stellen, sondern vielmehr darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie der Mensch mit Tieren umgeht und auch, was er sich selbst mitunter antut.

So konnten Kinder gemeinsam mit ihren Eltern im Rahmen einer Rallye den Hof und seine zahlreichen Bewohner erkunden. Man übernehme „Verantwortung, wenn man sich ein Tier anschafft“, sagt Alexandra Gödde vom Wald- und Umweltpädagogischen Zentrum. Drum sollte vor jeder Haustieranschaffung die Frage stehen, ob man den Bedürfnissen des jeweiligen Tieres überhaupt gerecht werden kann.

In der Rallye, die sich Melanie Braun von Walderlebnis Hasendenn ausgedacht hatte, wurde dies an vielen Stellen deutlich. Denn die Intention war ja nicht, dass sich jemand in die Kaninchen verguckt und am nächsten Geschäftstag gleich loszieht, um überstürzt und unüberlegt eins zu kaufen.

Doch nicht nur auf das Wohl der Tiere wurde an diesem Tag Wert gelegt; es ist auch wichtig, sich selbst etwas Gutes zu tun. Zur Ruhe kommen und entschleunigen: Dafür nahm Alexandra Gödde Interessierte mit in den nahegelegenen Wald. „Der Wald tut unglaublich viel für uns“, sagt Gödde. „Wir sind vom Wald abhängig.“ Darum sei es ihr primäres Ziel, „die Sinne zu öffnen, auf sich zurückzukommen, ohne spirituell zu sein“. Es gehe nicht darum, den Vogel, der da gerade singt zu bestimmen, sondern vielmehr darum, überhaupt wahrzunehmen, dass da gerade jemand zwitschert, und im nächsten Schritt zu hören, dass es sich tatsächlich um verschiedene Vögel handelt. „Einfach mal drauf einlassen“, so lautete ihr Credo. Wer sich einließ, mit dem machte Gödde beispielsweise Atemmeditation und Bewegungsformen aus dem Qigong.

Stute stammt von „Blutfarm“

Auf dem Hof erzählte Ute Rittinghaus derweil die schier unglaubliche Geschichte einer Stute, die von einer sogenannten „Blutfarm“ stammt. Die Stuten auf diesen Blutfarmen sind immer tragend. Doch geht es den Farmern nicht um die Fohlen, sondern um ein bestimmtes Hormon, das die Stuten in den ersten Wochen der Trächtigkeit produzieren.

Um an dieses Hormon zu gelangen, werden den Stuten ein- bis zweimal pro Woche mehrere Liter Blut abgenommen. Und wofür? Um hierzulande den Zyklus von Zuchtsauen zu manipulieren, damit dieser synchron abläuft und außerdem die Wurfgröße zu steigern. Das nämlich bewirkt eben jenes Hormon, wenn man es den Sauen injiziert. Die wertlosen Fohlen werden irgendwann abgetrieben und entsorgt; die Stuten solange benutzt, bis sie die Tortur nicht mehr ertragen können. Während diese Praxis in Deutschland verboten ist, wird sie in Argentinien im großen Stil betrieben; die Stute auf Ute Rittinghaus’ Hof stammt aus den Niederlanden.

Anders als bei einem Tierheim, das bestrebt ist, die aufgenommenen Tiere auch wieder zu vermitteln, schließt Rittinghaus dies kategorisch aus: „Es wird kein Tier weggegeben.“ Zu groß sei die Gefahr, dass ihnen woanders wieder Schlechtes widerfahre.

Idyllisches Bild: Die Tiere scheinen sich auf dem Hof sehr wohl zu fühlen.

Rittinghaus’ Hof wird komplett privat finanziert, doch: „Es wird immer schwieriger zu überleben“, sagt sie. „Der Klimawandel setzt einem enorm zu.“ Falle die eigene Heuernte schlecht aus, müsse sie zu überteuerten Preisen einkaufen. „Als i-Tüpfelchen der ganzen Katastrophen“ benennt Rittinghaus die Borkenkäferplage. „Man hat mit dem Wald kalkuliert und gerechnet“, doch das falle nun mehr oder minder komplett weg.

Rittinghaus betreibt keine Eigenwerbung für sich und den Hof, weswegen so mancher gar nichts von diesem Juwel inmitten des Naturschutzgebiets weiß. Gelegentlich erhält sie Futtermittelspenden von der Lüdenscheider Tafel oder dem Raiffeisen-Markt, doch Geldspenden sind die ganz große Ausnahme. Umso mehr freute Rittinghaus sich am Samstag, als am Ende des Tages Alexandra Gödde und Melanie Braun ihr eine Dose mit Spenden überreichten, die die Hofbesucher dagelassen hatten: 175,72 Euro waren zusammengekommen. Ute Rittinghaus zeigte sich sichtlich gerührt und hocherfreut.

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