Flüchtlinge erzählen von gefährlichen Reisen und ihren Erfahrungen in Herscheid

Riskanter Weg ins Ungewisse

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Gespannt folgten die Gäste im Bürgersaal den Ausführungen der Wissenschaftlerin; sie stellten nach dem Vortrag Fragen. Im Hintergrund sind die ausgehängten Landkarten zu sehen, auf denen die Flüchtlinge ihre Routen von Syrien nach Herscheid eingezeichnet hatten.

HERSCHEID - Das Zuhause hinter sich lassen und ein neues Leben außerhalb von Tod, Leid und Krieg suchen: Diese Situation erlebten tausende Syrer, von denen seit 2015 einige auch in Herscheid wohnen und hier eine neue Heimat gefunden haben.

Um zu erzählen, wie es überhaupt zu ihrer Flucht kommen konnte und auf welcher Route sie genau unterwegs waren, luden einige Flüchtlinge zu einem Vortrags- und Gesprächsabend in den Herscheider Bürgersaal ein. Nachdem zum Auftakt die Geschichte des Landes beleuchtet wurde, wurde es im Anschluss persönlich. 

Als erster Flüchtling brachte Ahmed mit Hilfe vieler Bilder den Herscheidern seine Flucht auf beeindruckende Art näher. Er nahm sie dabei mit in die Kurdenregion Amouda, wo er 2015 noch während seines Bauingenieur-Studiums zum Militärdienst aufgefordert wurde. Da für ihn eine Teilnahme am syrischen Bürgerkrieg nicht in Frage kam, entschied er sich zunächst dafür, in den Libanon zu flüchten. 

Doch nachdem ihm sowohl die Ausreise zu seiner Frau, die in Saudi-Arabien lebte, als auch der Flug zu seiner Schwester in die USA verweigert wurden, blieb ihm nur noch die Flucht nach Europa. Nach mehreren erfolglosen Anläufen gelang ihm in einem Flüchtlingsboot die riskante Fahrt von der Türkei nach Griechenland. 

Auf dem Festland angekommen, ging der Weg voller Strapazen über Mazedonien und Serbien weiter nach Österreich und endete vorerst bei seinem Bruder, der bereits in Köln wohnte. Weil seine Frau ebenfalls nach Deutschland geflohen war und der Gemeinde Herscheid zugewiesen wurde, zog es auch Ahmed hierher. 

Die Anerkennung als Flüchtlinge haben beide mittlerweile erhalten und deshalb war für ihn schnell klar, dass er Deutschland etwas zurückgeben möchte: „Aus Dankbarkeit gegenüber meiner neuen Heimat bin ich ehrenamtlich aktiv und unterstütze die Herscheider Feuerwehr.“ 

Stellvertretend für ihre Familie berichtete die 17-jährige Berwan Hassan von der „Flucht in ein anderes Leben“. Zusammen mit ihren Eltern und den zwei Brüdern musste sie ihr Zuhause im umkämpften Aleppo verlassen. Zuflucht fanden sie im türkischen Izmir, wo sie zwar vor dem Krieg geschützt waren, aber kein normales Leben führen konnten. 

Statt in die Schule zu gehen, waren Berwan und ihre Brüder zum Arbeiten gezwungen. Während die Kinder in einer Schneiderei und Bäckerei mühsam ihr Geld verdienten, wagte der Vater den Versuch, über die Balkanroute nach Europa zu kommen. Er überstand die gefährliche Flucht und traf am 1. September 2015 in Herscheid ein. Doch bis die Familie wieder vereint war, vergingen noch neun lange Monate. 

Erst im Juni letzten Jahres konnte der Antrag auf Zusammenführung in die Tat umgesetzt werden. Seitdem arbeiten die Hassans fleißig an der Integration, wie Berwan berichtete und ihre Begeisterung darüber deutlich machte: „Am meisten überrascht war ich von der unglaublichen Freundlichkeit der Menschen vor Ort und besonders gut gefällt mir, dass ich wieder zur Schule gehen darf.“ 

Die dritte Geschichte an diesem Abend stellte Flüchtlingshelferin Christine Taylor vor; sie handelte von Hani Katie, der ursprünglich aus Damaskus stammt. Dort sei er als Musiker unter anderem auch für das Militär tätig gewesen, aber nachdem auch er vor dem Bürgerkrieg fliehen wollte, habe er sich durch die Hilfe von Schleppern auf den Weg nach Europa gemacht. 

Bereits kurz bevor die ersten Bilder der deutschen „Willkommenskultur“ um die Welt gingen, kam Katie in Herscheid an. Hier hat er eine einjährige Aufenthaltserlaubnis erhalten, aber es macht ihm schwer zu schaffen, dass er seine Frau und Tochter – die weiterhin in Syrien leben – nicht nachholen kann. 

Ein wenig Ablenkung findet er zumindest durch die Musik, welche auch während der Veranstaltung eine Rolle spielte. Denn an der Seite von Saxophonist Ernest Taylor begeisterte der Trommelkünstler Hani Katie das Publikum mit einer bunten Mischung aus arabischen Klängen. 

Im Anschluss an den offiziellen Teil des Abends nutzten einige Besucher noch die Gelegenheit, die auf Karten ausgestellten Fluchtrouten genauer unter die Lupe zu nehmen und ließen sich von den Flüchtlingen dazu weitere Details erklären.

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