Leidenschaft: Extrembergsteigen

Jeder Schritt kann ihr letzter sein: Herscheiderin klettert in tausenden Metern Höhe

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„Nur am Berg spürt man, wie man lebt“, sagt Extrembergsteigerin Tashina Daube.

Herscheid - Nirmal Purjal aus Nepal hat als erster Mensch alle Achttausender dieser Welt in nur 189 Tagen bestiegen. Kann das Extrembergsteigen zu einer Sucht werden? Eine Herscheiderin ist dem Bergsteigen verfallen.

Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn Tashina Daube von ihren Expeditionen erzählt – die junge Herscheiderin ist dieser Leidenschaft vor etwa zwei Jahren verfallen. Auf Erfahrungen wie der eingangs erwähnte Nepalese kann sie zwar noch nicht zurückblicken. Dennoch weiß sie, wie es sich anfühlt, auf dem Gipfel zu stehen und die Welt von oben zu betrachten. 

Bräunen auf Mallorca, Städtetrips durch Europa, Kreuzfahrten auf hoher See – derlei Urlaubsangebote reizen Tashina Daube wenig. Sie will in ihrer Freizeit hoch hinaus. Viele Freunde und Verwandte hinterfragen ihr Hobby kritisch, sorgen sich um die 22-Jährige aufgrund der Gefahr, der sie sich freiwillig aussetzt. Dieser ist sie sich bewusst, jedoch hat sie eine andere Sicht: „Natürlich kann in diesen Höhen jeder Schritt mein letzter sein. Aber ich mag das Gefühl, zu wissen, dass ich lebe.“ 

Über den Wolken: Blick vom Gipfel des Cayambe (5 790 Meter) auf Ecuador.

Eine Einstellung, die Außenstehende nur schwer nachvollziehen können. Auch der Herscheiderin fällt es schwer, das in Worte zu fassen, was sie an den Bergen fasziniert. Vermutlich auch deswegen, weil sie vom Höhenrausch eher zufällig ergriffen wurde und dies zuvor nicht abzusehen war. 

Als Kind sei sie von den familiären Hüttenwanderungen, wie viele andere Jugendliche auch, eher genervt gewesen. Umso überraschter war sie selbst, als sie Anfang 2018 im Internet nach einem außergewöhnlichen Urlaub suchte und dabei von dem Angebot der Kilimandscharo-Besteigung begeistert war. Immerhin handelt es sich dabei um den höchsten Berg Afrikas (5 895 Meter). 

Durch ihre Tätigkeit als Postzustellerin in Lüdenscheid verfügt die Herscheiderin über eine gute Grundkondition. Doch Erfahrungen in solchen Höhen hatte sie zuvor nicht gesammelt. Ein entsprechendes Training als Vorbereitung gab es nicht. „Ich wollte es einfach mal ausprobieren“, erzählt sie. 

Lediglich für die Zusammenstellung der Ausrüstung brachte sie die notwendige Zeit auf: Vernünftiges Schuhwerk und ein großer Rucksack standen ganz oben auf der Einkaufsliste. Einige Wochen später ging es dann mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Tansania – das Abenteuer konnte beginnen. 

Beschwerlicher Marsch durch den Regenwald und die Steppe, das Passieren eines Wasserfalls und das alles begleitet von Regen. „Nach zwei Tagen habe ich mein Vorhaben noch verflucht“, erinnert sich die 22-Jährige zurück. Hinzu kamen die körperlichen Anstrengungen: Je näher sie dem Gipfel kam, desto mehr nahmen Schlaf und Appetit ab. Gesalzenes Popcorn und Tee gehörten zu den wichtigsten Nahrungsmitteln. 

Die letzte Etappe meisterte Tashina Daube in 18 Stunden am Stück. Dabei ließ sich die Herscheiderin auch von knietiefem Schnee nicht aus der Ruhe bringen. Überglücklich und erleichtert erreichte sie den Gipfel in einem Moment, als sich die Sonne durch die Wolken schob – ein unvergesslicher Augenblick. 

Nach einem 18-stündigen Aufstieg erreichte Tashina Daube den Gipfel des Kilimandscharos (5 895 Meter)

Acht Tage umfasste der Trip zum Kilimandscharo. „Anstrengend war es vor allem für den Kopf“, sagt Tashina Daube rückblickend. Die vielen Begegnungen mit Menschen auf der einen und die Abgeschiedenheit auf der anderen Seite machten den Reiz dieser Erstbesteigung aus. Eben jenes auf sich allein gestellt sein, das Einssein mit der Natur, lasse sie seither nicht mehr los. Schon kurz nach der Rückkehr in die Heimat und dem Beginn des Alltags dort stand für sie fest: Bei diesem einen Abenteuer soll es nicht bleiben. 

Vier weitere große Touren hat sie seither unternommen, eine davon zur Eiger Nordwand (3 967 Meter). In Ecuador ging es für sie auf den Cotopaxi (5 897 Meter); unterwegs „lernte ich die nettesten Leute kennen, die ich je getroffen habe“.  

Im Himalaya erlebte die Herscheiderin eine dramatische Situation: Auf dem Weg zum Gipfel des Gauri Sankar (7 134 Meter) half sie einer Amerikanerin, die kurz vor dem höchsten Punkt in Not geraten war. Dennoch verbindet sie auch mit dieser Expedition viele positive Erinnerungen und nur wenig Negatives, wie zum Beispiel das knochige, scharfe Essen: „Seither bin ich während meiner Reisen Vegetarierin.“ 

Während sie am Berg häufig (bewusst) allein unterwegs ist, hat die Herscheiderin über das Internet viele Freundschaften geschlossen. In diversen Foren tauscht sie sich über das gemeinsame Hobby aus. Stets gibt es neue Impulse und Ideen. 

Auf diese Weise ist sie auch auf Hans Kammerlander aufmerksam geworden: Mit der Bergsteigerlegende war sie in diesem Sommer in dessen Südtiroler Heimat unterwegs. Zudem plant sie für nächstes Jahr mit einer Kammerlander-Gruppe einen Trekkingausflug nach Bhutan. Zuvor jedoch hat sich Tashina Daube noch zwei Hochkaräter vorgenommen: Für das nächste Frühjahr plant sie in Nepal Solobegehungen auf den Sita Chuchura (6 611 Meter) und den Tukuche Peak (6 920 Meter). 

Ihr langfristiges Ziel ist es, alle 14 Achttausender zu bezwingen – doch sicher nicht in einer Rekordzeit wie Nirmal Purjal. Denn auch ohne den Zeitfaktor handelt es sich dabei um ein ebenso wagemutiges wie kostspieliges Vorhaben. Doch das Gefühl der Freiheit will die Herscheiderin noch häufig erleben, denn: „Nur am Berg spürt man, wie man lebt.“

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