Mit einer Stammzellenspende rettet Stephan Haase einen zweijährigen Jungen

Ein neues Leben geschenkt

+
Vier Stunden lang war Stephan Haase an den Separator angeschlossen: Während er gemütlich Fernseh sah, wurde ihm die Stammzellenspende entnommen – ein schmerzfreies Verfahren. 

HERSCHEID - Dass ein Rotkreuzleiter um das Wohl seiner Mitmenschen bedacht ist, erscheint wenig verwunderlich. Doch die Geschichte von Stephan Haase beweist, dass das Leben manchmal wunderschöne Zufälle parat hat. Ausgerechnet Herscheids Rotkreuzleiter hat als Stammzellenspender ein Leben gerettet.

Alles begann mit einem kleinen Pieks irgendwann rund um die Jahrtausendwende. Die Stefan-Morsch-Stiftung hatte im Rahmen einer Blutspende zu einer Typisierungsaktion aufgerufen. Mit dem Gedanken „Ich kann etwas Gutes leisten“ ließ sich auch Stephan Haase anzapfen. Ein paar Wochen später erhielt er einen Ausweis, der ihn als Knochenmarkspender identifiziert. So wie der Ausweis im Portemonnaie verschwand, verblasste auch die Erinnerung an die Typisierung. 

Umso überraschter war der Herscheider, als er vor gut einem Jahr einen Anruf auf seinem Handy erhielt. „Wir brauchen Sie als Spender – diese Worte und diesen Moment werde ich wohl nie vergessen“, sagt Haase. Das Gespräch, welches er auf einem Parkplatz an der Autobahn A4 führte, war aufwirbelnd und verwirrend zugleich. Nach einer solch langen Zeit hatte der Herscheider nicht mehr damit gerechnet, als Spender in Frage zu kommen. Doch die Übereinstimmung in der Spender-Datei war eindeutig.

Kurz darauf erhielt der Rotkreuzleiter Post von der Morsch-Stiftung: Mit zwei kleinen Päckchen ging er zur Arztpraxis Hauswald. Dort wurde ihm Blut abgenommen. Eine Sendung wurde auf „normalem Weg“ zurückgeschickt, die andere musste umgehend von einem Kurier abgeholt werden. „Das fühlte sich an wie in einem Agentenfilm“, schildert der Herscheider die Paket-Übergabe, bei der keine Zeit verloren gehen durfte. Auf dem Weg zur Arbeit traf sich Haase vor der Eisdiele Sagui in Plettenberg mit einem Kurierfahrer. Dieser brachte das Paket auf direktem Weg in ein Labor. 

Die Probe brachte das erhoffte Ergebnis zutage: Die Stammzellen des Herscheiders passten zu 100 Prozent zu denen einer todkranken Person. Wer dies ist und woher diese stammt, all dies erfuhr Haase nicht. Stattdessen wurde er bei einer Untersuchung beim Blutspendedienst Ratingen auf den Kopf gestellt. Anschließend wurde der Termin für die Stammzellenspende vereinbart; jetzt wurde es ernst. 

Kurzzeitig wurde Haase nachdenklich: Er führte Gespräche im Familien- und Bekanntenkreis, bei denen auch zweifelnde Fragen aufkamen. Die Gedanken darüber, möglicherweise doch noch aufzuhören, waren schnell verflogen. „Ich habe die Chance, ein Leben zu retten“, diese Erkenntnis setzte sich schnell durch. 

Bei einem weiteren Termin in Ratingen wurde der heute 42-Jährige über das Medikament aufgeklärt, welches er sich selbst verabreichen sollte. Dreimal am Tag musste er sich eine Woche lang ein Mittel spritzen, welches die Stammzellenproduktion ankurbelt und dafür sorgt, dass die Stammzellen ins Blut übergehen. Im Gegensatz zur klassischen Knochenmarkspende, bei der Knochenmark aus dem Beckenknochen des unter Vollnarkose stehenden Spenders entnommen wird, unterzog sich Haase der peripheren Blutstammzellentnahme. Dieses Verfahren der ambulanten Stammzellenentnahme ähnelt einer Dialyse. 

Am Morgen der Spende spürte Stephan Haase erstmals die Auswirkungen des verabreichten Mittels: Er wachte mit enormem Druck in Schulter und Becken auf, „es fühlte sich an wie ein verschärfter Muskelkater.“ Nur mühsam konnte er sich aus dem Bett rollen; erst nach einer Dusche ging es ihm ein wenig besser. Nach einem freundlichen Empfang im Blutspendezentrum ging es los: Der Herscheider nahm Platz auf einem bequemen Sessel, wurde an einen Zellseparator angeschlossen und konnte anschließend fernsehen. Am rechten Arm rein, am linken Arm wieder raus – das Blut des Herscheiders zirkulierte derweil durch die Maschine. Da die Blutbestandteile unterschiedlich schwer sind, konnten die Stammzellen aus dem Kreislauf herausgesaut werden. 

Zwar habe er die Einstiche in den Armen gemerkt, aber dies sei nicht unangenehm gewesen, erzählt der Herscheider. Zumal das morgendliche Unwohlsein weiter nachließ. Gut vier Stunden dauerte die Spende, danach wurde er wieder „abgestöpselt“. Nach einer halben Stunde des Wartens gab es grünes Licht: Die Spende-Ausbeute war ausreichend. Mit zwei Pflastern an den Armen und einem euphorischen Gefühl machte sich der 42-Jährige auf den Heimweg. 

Aus Gründen des Datenschutzes erhielt der Herscheider keine Angaben zur Erkrankung des Empfängers. Doch eine Helferin bestätigte die Vermutung, dass es sich um ein Kind handelt. Genauer gesagt um einen zweijährigen Jungen aus einem Nachbarland. Eine Kontaktaufnahme ist zunächst untersagt. Viel wichtiger ist für Stephan Haase die Erkenntnis, dass der Junge die Spende gut angenommen hat und nun ein fröhliches Weihnachtsfest feiern kann. 

„Er hat jetzt mein Immunsystem und meine Blutgruppe.“ Ein Gedanke, der den Herscheider mit Stolz erfüllt. Die Reaktionen im Bekanntenkreis sind durchweg positiv. Ganz bewusst erzählt Haase von seiner Stammzellenspende und geht mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit. Nicht, um seine Person in den Vordergrund zu rücken, sondern um andere Leute zu ermutigen, sich auch typisieren zu lassen. „Das können auch andere“, hofft Stephan Haase dazu beitragen zu können, dass weiteren schwerkranken Menschen ein neues Leben geschenkt werden kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare