Dieselprämie: Schwindel und Segen?

Warum dieser Diesel-Fahrer nur noch den Kopf schütteln kann

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Udo Pierskalla mit seinem Audi A4 Kombi vor seinem Grundstück in Herscheid.

Herscheid – Udo Pierskalla hat überlegt, sich ein neues Auto zu kaufen. Ein neuer Audi sollte es werden, dafür wollte er seinen alten Euro-5-Diesel in Zahlung geben. Wie praktisch, dass viele Autobauer zurzeit stattliche Prämien für alte Diesel-Fahrzeuge auszahlen. 

Also ließ sich der Herscheider im Plettenberger Autohaus Schauerte ein Angebot machen – und fühlte sich danach etwas verschaukelt. Natürlich hatte Udo Pierskalla zuvor recherchiert, für wie viel Geld sein Wagen gehandelt wird. 

Schwarzer Audi A4 Kombi, 2,0-Liter-Maschine, Allrad-Antrieb, Baujahr 2015, 60.000 Kilometer gelaufen. Mit diesen Daten kam er auf Online-Portalen wie mobile.de oder autoscout24.de auf einen Preis von rund 16.000 Euro. 

Er rechnete sich aus: Wenn ihm das Autohaus für seinen Audi noch rund 15.000 Euro geben würde, dazu die Wechselprämie in Höhe von 5625 Euro – macht über 20.000 Euro und damit eine gute Grundlage für den Kauf eines Neu- oder Gebrauchtwagens. 

Das Angebot, das der Herscheider dann für seinen Wagen bekam, betrug aber nicht wie erhofft 15.000 Euro, sondern 10.475 Euro. Plus Wechselprämie ergebe dies einen Betrag von 16.100 Euro, erklärte die Mitarbeiterin des Autohauses – also mit Wechselprämie in etwa die Summe, die Udo Pierskalla als Verkaufswert für seinen Audi recherchiert hatte. 

Der Herscheider hält das Angebot für eine Farce. „Ich kann ja verstehen, dass das Autohaus noch etwas an meinem Auto verdienen möchte“, sagt er, „aber es kann doch nicht Sinn und Zweck der Wechselprämie sein, den Wert meines Autos so weit nach unten zu drücken, um ihn dann mit der Prämie auszugleichen.“ 

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Nachfrage im Autohaus Schauerte bei Audi-Verkaufsleiter Florian Grob und Gebrauchtwagen-Verkaufsleiter Thomas Weber: Ist die Dieselprämie nur ein Schwindel? Weber lacht: „Nein, ganz im Gegenteil. Die Prämie bringt den Kunden doch die einmalige Chance, so viel Geld für ihr altes Auto zu bekommen wie selten zuvor.“ 

Aber wie kann es sein, dass das Schauerte-Angebot soweit unter dem liegt, was Udo Pierskalla als Restwert für sein Auto ermittelt hatte? Mit Hilfe der Fahrgestellnummer werfen die beiden Verkaufsleiter noch einmal einen Blick auf die Merkmale des Autos. 

„Kleiner Motor. Handschaltung. Keine Xenon-Scheinwerfer. Kein Schiebedach. Kein Sportpaket. Ein klarer Fall von ‘Kunde bewertet sein Auto über’“, schlussfolgert Florian Grob. Sein Kollege Thomas Weber erklärt, worauf es den Händlern beim Ankauf ankomme: „Die Ausstattung ist wichtiger, als der technische und optische Zustand, denn den bekommen wir durch Werkstatt und Lackiererei immer geradegebogen. Aber nachträglich ein Schiebedach einzubauen – das ist leider nicht möglich.“

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Ein Auto mit Schiebedach, dem aktuellsten Beleuchtungsstandard, also meist Xenon- oder LED-Scheinwerfern, und im besten Fall noch mit Sportpaket und Automatik-Getriebe (Grob: „Automatik ist auf einer Riesen-Überholspur; ich weiß nicht, wann wir den letzten Handschalter verkauft haben“) lasse sich deutlich besser verkaufen, als ein Auto mit fast purer Grundausstattung. Und was sich besser verkaufen lasse, sei dem Autohaus auch einen höheren Ankaufspreis wert. 

Wie viel? Das lasse sich nicht pauschalisieren, sagen Grob und Weber. In diesem Fall lautet das Urteil der beiden Verkaufsleiter: „So hart das klingt, aber das Auto ist für uns nicht stimmig. Ein Schalter mit 150 PS und Allrad – den kriegst du nicht verkauft.“ 

Man muss kein Prophet sein, um sagen zu können, dass Udo Pierskalla mit seinem Gebrauchtwagenverkauf an das Autohaus Schauerte wohl eher nicht mehr ins Geschäft kommen wird. Der Herscheider nimmt es gelassen. Er hat sich inzwischen wegen des Diesel-Skandals einer Sammelklage gegen Audi angeschlossen. 

Und sein Auto? Das will er angesichts des niedrigen Verkaufspreises nun behalten und doch nicht durch ein neues ersetzen. Udo Pierskalla sagt: „Es ist und bleibt ja ein schönes Auto und es fährt sich auch gut. Da verzichte ich nun lieber auf ein neues...“

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