1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Herscheid

Dem Wald eine Chance ermöglichen: Experte ruft zu Dialog auf

Erstellt:

Von: Dirk Grein

Kommentare

Diese Buche hatte keine Chance, zeigt Dr. Mathias Dunkel eine abgebissene Pflanze auf einer Kalamitätsfläche.
Diese Buche hatte keine Chance, zeigt Dr. Mathias Dunkel eine abgebissene Pflanze auf einer Kalamitätsfläche. © Dirk Grein

Die Borkenkäfer-Kahlschläge haben unsere Landschaft binnen weniger Monate radikal verändert. Bis der Wald der Zukunft heranwächst, werden Jahrzehnte vergehen. Wie die Bürger diesen Prozess begünstigen können, darüber möchte Waldbesitzer und Hegeringleiter Dr. Mathias Dunkel informieren: Er lädt für den 22. Oktober zu einer öffentlichen Revierbegehung ein.

Herscheid - „Wir brauchen einen neuen, strukturellen Wald, damit wir keine Steppenflächen wie diese hinterlassen“, erzählt der 69-Jährige beim Gang über eine seiner weitläufigen Kalamitätsflächen am Böllenberg. Diese präsentieren sich als nahezu komplett baumlose Abschnitte, wo zurzeit lediglich Gräser wachsen. Neuanpflanzungen haben sich kaum durchsetzen können, dazu waren die Umstände zu widrig, verweist Dunkel auf die abermals zu trockenen Sommermonate. Lediglich die Oberfläche sei nach den Niederschlägen zuletzt feucht, ab einer Tiefe von etwa zehn Zentimetern seien die Böden hingegen trocken. Die Speicherfähigkeit ist ohne die Bäume abhanden gekommen.

Genau deshalb hatten das Aktionsbündnis „Wald der Zukunft“ und Dr. Dunkel vor zwei Jahren zu einem gemeinsamen Aktionstag aufgerufen. Gemeinsam wurden Samen aus der heimischen Natur – wie Bucheckern, Kastanien oder Ahorn – in die Böden eingebracht, in der Hoffnung, dass daraus neue Pflanzen entstehen können.

Die Beteiligung an dieser Aktion sei gut gewesen: Kindergärten, Schulklassen, Familien und Einzelpersonen nahmen teil. Das Interesse der Bevölkerung am Wald sei spürbar gewachsen. Der langfristige Erfolg ist jedoch ausgeblieben, konnten sich kaum neue Pflanzen bilden. „Vermutlich war der Boden zu trocken, als dass die Samen hätten keimen konnten“, sagt der Herscheider.

Doch er gibt deswegen die Hoffnung nicht auf – nicht für den Böllenberg, an dem einst die ersten flächendeckenden Kahlflächen vor Ort entstanden waren, und auch nicht für die Herscheider Wälder allgemein, die längst ähnlich abgeholzt wirken. Denn: Inzwischen gebe es gute Lösungsansätze.

Die Zeiten der Fichten-Monokulturen seien vorbei; die Flachwurzler hätten dem veränderten Klima nur wenig entgegenzusetzen, sagt Dunkel. Stattdessen seien Mischwälder empfehlenswert, im Idealfall sollten diese laut gängigen Experteneinschätzungen mindestens vier Hauptbaumarten oder mehr beinhalten.

Auf dieser kleinen Fläche am Böllenberg ist in den letzten zehn Jahren ein vitaler Mischwald mit verschiedenen Baumarten gewachsen. Die Einzäunung schützt vor Verbiss durch Wildtiere.
Auf dieser kleinen Fläche am Böllenberg ist in den letzten zehn Jahren ein vitaler Mischwald mit verschiedenen Baumarten gewachsen. Die Einzäunung schützt vor Verbiss durch Wildtiere. © Dirk Grein

Wie dies aussehen kann, zeigt der 69-Jährige auf einer kleinen Fläche am Böllenberg, die er vor mehr als zehn Jahren angepflanzt hatte, im Nachgang zum Sturm Kyrill. Ahorn, Buchen, verschiedene Eichenarten und Lärchen sind dort zu finden, aber auch Fichten, die aus Naturverjüngung entstanden sind.

Diese Aufforstung sei jedoch nur möglich gewesen, weil die Fläche eingezäunt ist und somit Rehwild ferngehalten wurde. Die Tiere äsen sehr selektierend, erzählt Dr. Dunkel: Knospen an frischen Trieben werden bevorzugt abgefressen und sorgen für ein Absterben der Pflanzen. Dies erschwere die Wiederbelebung des Waldes: Denn diesen in Gänze einzugattern sei unmöglich und auch nicht gewollt.

„Wir sollten einen Kompromiss finden“, appelliert Dunkel. Im Wald stoßen verschiedene Interessen aufeinander, die es zu respektieren gelte. Der Waldbesitzer will durch die Holzvermarktung Gewinne erzielen. Jäger wollen in ihren Revieren jagen und einen ausreichenden Wildbestand vorfinden. Und die Bevölkerung sucht Erholung bei Spaziergängen, Joggingrunden oder Radfahrten.

Diese drei Gruppen müssten in Austausch miteinander treten, um dem Wald eine Chance zu geben, sich entwickeln zu können, sagt Dr. Dunkel. Der Bestand an Rehwild etwa müsse an die Bedürfnisse des Waldes angepasst werden. Eine effektive Bejagung sei allerdings nur bei vorhandener Infrastruktur möglich, dazu zählen neben Hochsitzen auch Jagdschneisen.

Wer allerdings jagen möchte, der benötige neben dieser Infrastruktur auch Ruhe. Daher sei es wichtig, die Bevölkerung mit in den Prozess einzubeziehen. Werden die Flächen von Querfeldeingängern bevölkert, dann sei dies störend für Wild und Jagd. Eine Nutzung der ausgeschilderten Wege hingegen sei weiterhin gewünscht und auch wichtig, damit die Menschen den Bezug zum Wald nicht verlieren. „Es geht nicht um Einzelinteressen, sondern um das Allgemeininteresse“, betont Dunkel.

Um diesen Spagat aufzuzeigen und zum Dialog aufzurufen, lädt er für Samstag, 22. Oktober, zu einer öffentlichen Revierbegehung ein. Treffpunkt ist um 14 Uhr auf dem Parkplatz vor der Gemeinschaftshalle. Von dort geht es zu Fuß zum Böllenberg, um die Gegebenheiten vor Ort gemeinsam zu erkunden. Eine vorherige Anmeldung sei nicht notwendig; alle Personen, die an den Herscheider Wäldern interessiert sind, seien herzlich willkommen, sagt Dr. Dunkel.

Auch interessant

Kommentare