Blick in die Historie der einstigen Volksschule Elsen beweist: Unterrichtsausfall ist kein neues Problem

Mit dem Pferd zur Lehrerkonferenz

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Dieses Foto zeigt, wie viele Schüler vor 110 Jahren die Schule in Elsen besuchten. Damals unterrichtete dort der aus Soest stammende Diedrich Dringenberg (rechts mit Hut).

HERSCHEID - Einen interessanten Einblick in die Herscheider Schulgeschichte gibt eine Chronik aus der Volksschule in Elsen, von der sich eine Kopie im Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde befindet.

Bisher fand diese 44-seitige Zusammenstellung noch nicht viel Beachtung, was sicherlich der alten und nicht gut lesbaren Schrift geschuldet ist. Die Aufzeichnungen, die vor 140 Jahren am 1. März 1878 beginnen und am 22. September 1888 enden, wurden kürzlich in die heutige Schrift übertragen. 

Bei den Chronisten wird es sich mit Sicherheit um den Lehrer Karl Schulz – der von 1877 bis 1881 in Elsen tätig war – und seinen Nachfolger, den aus Lüdenscheid stammenden Albert Kramer (1881 bis 1891), handeln. Die beiden Lehrer berichten in den Aufzeichnungen über zahlreiche Ereignisse, die den Schulalltag in Elsen widerspiegeln, aber teilweise auch für alle Schüler in der Gemeinde zutreffend waren. 

Einige der Einträge zeigen aber auch, dass es vor 140 Jahren in den Schulen ähnliche Probleme wie heute gab, wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise. So zählen beide Lehrer zahlreiche Gründe dafür auf, dass der Unterricht ausfallen musste. Unter anderem: weil der Lehrer an einer Begräbnisfeier teilnahm, als Zähler bei der Volkszählung tätig war, an der Einweihung der Schule zur Höh teilnahm, zum Examen erscheinen musste, ein Krankheitsfall in der Familie auftrat oder er an einer Gesangsprobe in Lüdenscheid teilnehmen wollte. 

Drei- bis viermal im Jahr fanden Lehrerkonferenzen in Plettenberg, Werdohl und Neuenrade statt, zu der die Lehrkräfte dann mit Pferd und Wagen, oder im schlimmsten Fall zu Fuß erschienen. Da an den Kirchspielschulen immer nur ein Lehrer, sowohl vormittags als auch nachmittags, tätig war, lässt sich dieser Unterrichtsausfall leicht erklären. 

Auch das Wetter sorgte damals wie heute für einen unverhofften freien Schultag. So schreibt der Chronist am 19. Dezember 1878: „Der Nachmittags-Unterricht fiel weg, weil sich des bedeutenden Schneefalls wegen nur ein Kind eingefunden hatte.“ Auch vom 7. bis 15. Januar 1886 beklagt der Lehrer einen sehr schlechten Schulbesuch, da die Kinder zum großen Teil durch den tiefen Schnee verhindert waren. Er schreibt weiter: „Für kleinere Mädchen war es fast nicht möglich, selbst hier in Elsen, bis zur Schule zu kommen, da der Schnee durchschnittlich 2 / 3 Meter hoch lag“. 

Einmalig im Zeitraum der Aufzeichnungen findet sich ein Hinweis auf Unterrichtsausfall wegen großer Hitze. Der Eintrag vom 26. Juli 1881 lautet: „Wegen einer allzugroßen Hitze fiel der Nachmittagsunterricht aus. Die Temperatur betrug 26 Grad Rèamour im Schatten“. Diese Temperaturskala war bis Ende des 19. Jahrhunderts in Westeuropa verbreitet; umgerechnet herrschten an diesem Tag in Elsen 32,5 Grad Celsius. 

Recht ausführlich widmet sich der Lehrer in den Aufzeichnungen den zahlreichen Gedenktagen, die mit einer Schulfeier begangen wurden. Besonders erwähnenswert ist hier der Sedantag: ein Gedenktag, der von 1871 bis 1918 jährlich am 2. September gefeiert wurde. 

Der Lehrer notiert im Jahr 1878, dass die Schule in Elsen mit den beiden Herscheider Schulen das Fest zusammen feiert. Nachdem die Schulfeier in den Schullokalen abgehalten wurde, zogen die Kinder aus Elsen in geordneten Reihen nach Herscheid. Dort wurde unter klingendem Spiel und fliegenden Fahnen ein Festzug durchs Dorf gemacht. Nachdem die Eltern und Kinder mit Kaffee und Gebäck bewirtet wurden, fand eine Ansprache am Kriegerdenkmal statt. Danach begaben sich Jung und Alt zu einem freien Platz, wo durch Spiele, Wettlaufen usw. verschiedene Preise an die Kinder verteilt wurden. 

Eine weitere Schulfeier fand jährlich am 22. März anlässlich des Kaisers Geburtstages statt. Über den Ablauf einer solchen Feier berichtet Lehrer Karl Schulz im Jahr 1878: „Der Schulunterricht fiel an diesem Tage aus wegen der Feier des Geburtstages unseres Kaisers und Königs. Am Morgen versammelten sich die Kinder im Schullokale wo nach entsprechender Ansprache von Seiten des Lehrers von einigen Kindern Gedichte vorgetragen wurden. Daneben wurden patriotische Lieder gesungen. Nach Verlauf einer guten Stunde war in dieser Weise die Feier beendet. Die Schüler versammelten sich nun draußen und zogen, da die Witterung ziemlich einladend war, hinaus in den Wald, wo sie sich auf einem freien Platze noch einige Zeit durch Gesang und heitere Spiele erfreuten.“ 

Ebenfalls verzeichnet sind in dieser Chronik die wiederkehrenden Besuche des Kreisschulinspektors Huffelmann aus Neuenrade und die des Dr. Robert aus Lüdenscheid. Letzterer begutachtete den Gesundheitszustand der Kinder. In den meisten Fällen fand der Lüdenscheider Arzt Kinder, die „mit Krätze behaftet“ waren. Doch am 13. Mai 1888 trägt der Chronist folgenden Vermerk ein: „Vormittags 8 ½ Uhr ärztliche Revision der Schule seitens des Herrn Dr. Robert aus Lüdenscheid. Ansteckende Krankheiten wurden nicht gefunden. Ein Knabe wurde vom Arzte bis auf Weiteres dispensiert [beurlaubt] wegen mangelhaften in der Verkrüppelung begriffenen Knochenaufbaues und wegen allgemeiner Schwäche und Blutarmut.“ Im November des selben Jahres stellt Dr. Robert fest, dass das Trinkwasser in der Elsener Schule ungenießbar ist und empfiehlt dringend die Anschaffung eines guten Trinkwassers. 

Ein weiterer Bestandteil der Chronik sind Aufzeichnungen über die Ferienzeiten. 14-tägige Sommerferien werden nur in den Jahren 1878 bis 1880 erwähnt. Danach beschränken sich die Angaben auf die Oster- bzw. Lenzferien, die Pfingstferien und die Weihnachtsferien. Die dreiwöchigen Herbstferien wurden regelmäßig wegen der unvollendeten Kartoffelernte um acht Tage verlängert. Diese, vermutlich vom Lehrer und Schulvorstand eigenmächtige Verlängerung der Ferien verärgerte anscheinend 1885 den Landrat zu Altena. Darauf weist ein Eintrag vom 24. Dezember des Jahres hin: „Da die Kartoffel- oder Herbstferien um acht Tage verlängert worden waren, so fielen die Weihnachtsferien gänzlich fort, indem laut der Verfügung des Königlichen Landrats zu Altena Herrn Dr. Kruse nur die Sonn – und Feiertage als schulfrei bezeichnet worden.“ 

Augenscheinlich war der Lehrer damit nicht einverstanden. Denn anstatt am 2. Januar den Unterricht zu beginnen, gab es eine Schulfeier zum 25-jährigen Jubiläum Seiner Majestät des Kaisers als König von Preußen. Wegen der schlechten Witterung wurden anschließend die Kinder nach Hause geschickt. In den Tagen darauf fiel der Unterricht dann wegen starkem Schneefall aus. 

Auch über die Anzahl der Schüler, die in Elsen unterrichtet wurden, findet man in der Chronik einige Hinweise. Demnach besuchten im Juni 1885 insgesamt 152 schulpflichtige Kinder die Schule in Elsen. Infolge der Eröffnung der neuen Schule in Rärin verringert sich die Zahl im gleichen Jahr auf 109 Schüler. Davon wurden 72 morgens und 37 nachmittags unterrichtet. Im Mai 1886 beträgt die Schülerzahl 122 mit den Lernanfängern. Im April 1887 besuchen 80 Kinder den Morgenunterricht und 30 den am Nachmittag. Im Jahr 1888 verringert sich die Anzahl auf 87, weil die Kinder von Danklin, Wiebruch und Warbollen der Dorfschule zugewiesen wurden. 

Die Chronik endet am 22. September 1888 mit dem Eintrag: „Schluss des Unterrichts. Beginn der Ferien.“ Warum die Aufzeichnungen nicht weitergeführt wurden oder ob sie verloren gegangen sind, bleibt unklar. Erst im Jahr 1922, mit der Eröffnung der Schule in Hüinghausen, wurde der Schulbetrieb in Elsen eingestellt.

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