Ein Blick auf die gespaltene Heimat: Christine und Ernest Taylor verfolgen interessiert den bevorstehenden Brexit

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Christine und Ernest Taylor kommen gebürtig aus Großbritannien, leben aber schon seit fast 40 Jahren in Herscheid. Letztes Jahr haben sie sich einbürgern lassen. Anlass war der Brexit.

Herscheid - Seit 46 Jahren leben Christine und Ernest Taylor in Deutschland, erst in Lüdenscheid und seit den 80er Jahren in Herscheid. Sie kommen gebürtig aus Großbritannien. Allerdings haben sie sich erst letztes Jahr einbürgern lassen und viele Bekannte von ihnen tun dies erst jetzt. Grund dafür ist der bevorstehende Brexit.

„Als am 24. Juni das Ergebnis des Referendums bekannt gegeben wurde, waren wir schockiert. Damit hatte keiner gerechnet“, schildert das Ehepaar. Schlimmer als das Ergebnis empfinden die beiden Herscheider aber, wie die Politiker danach damit umgegangen seien. Es habe keine überparteilichen Gespräche gegeben, erst jetzt sei es dazu gekommen. Die beiden Herscheider haben den Eindruck, die britischen Politiker sind vollkommen unvorbereitet auf den bevorstehenden Brexit.

„Bisher gab es keinen Grund sich einbürgern zu lassen. Wir fühlen uns als Europäer und nicht als Deutsche oder Briten“, sagt Christine Taylor. Zuerst habe man nach dem Referendum gedacht, „die kommen zur Vernunft“. Aber jetzt sei die Unsicherheit groß, was nach dem 29. März passieren wird und was genau der Brexit bedeutet. Das sei auch das Problem. Keiner weiß genau, was für Folgen der Brexit hat, was zwischen Europa und Großbritannien verhandelt wird, schildert das Ehepaar. Wird zukünftig ein Visum für die Einreise benötigt? Oder ein Esta (ein System zur elektronischen Erteilung von Reisebewilligungen) wie in Amerika? Was ist mit Europäern, die in Großbritannien arbeiten oder anders herum?

Für das Ehepaar ist klar, dass es in Herscheid bleiben will, denn hier leben ihre Kinder und Enkelkinder. Verwandte und Freunde leben jedoch nach wie vor in Großbritannien, wie die Mutter von Ernest Taylor und Cousinen und Cousins. Mit der doppelten Staatsbürgerschaft können Ernest und Christine Taylor ohne Probleme nach wie vor nach England reisen. Denn sie besuchen mindestens einmal im Jahr ihre Freunde und Familie. Aber man habe ein merkwürdiges Gefühl dabei, weil die Fremdenfeindlichkeit im Land immer offensichtlicher werde. Darüber machen sich die Taylors Sorgen.

Migration sei im Vereinigten Königreich ein großes Thema. Ausländer aus Osteuropa würden bei Vorurteilen vermischt mit nicht-europäischen Einwanderern und in den letzten Jahrzehnten seien viele Polen nach England gekommen, um landwirtschaftliche Arbeiten zu verrichten, die die Einheimischen nicht machen wollten. Mittlerweile hätten sie sich aber selbst kleine Betriebe aufgebaut. Vor allem in Gegenden, in denen es wenig Ausländer gebe, sei die Angst vor dem Unbekannten groß, die wiederum die Fremdenfeindlichkeit zur Folge hätte.

Christine Taylor stammt gebürtig aus Boston an der Ostküste Englands und Ernest Taylor aus Gloucester, im Südwesten Englands. Beide Städte seien bei dem Referendum für den Brexit gewesen. In Boston, einer Stadt in der es früher wenig Industrie und viel Landwirtschaft gab, sei es darauf zurückzuführen, dass dort viele Immigranten leben und sich die Einheimischen abgehängt fühlen. In Gloucester sei die andere Pro-Brexit-Gruppe vertreten: Menschen, die nicht möchten, dass sich etwas ändert. In der Gegend, in der sich die Stadt befindet, würden viele ältere Menschen leben, denen es gut geht.

Die Fremdenfeindlichkeit und ein anti-europäisches Gefühl würden zudem dadurch geschürt, dass wenn etwas im Land schief laufe oder es Probleme gebe, laut der britischen Boulevardpresse die EU daran schuld sei und die Politiker sich mittlerweile ebenso äußern würden. Wenn der Brexit kein Erfolg würde, dann sei auch die EU schuld, weil sie den Forderungen der Briten nicht nachgegeben hätten, beschreiben die beiden Herscheider wie sie die Situation in ihrem Heimatland wahrnehmen. „Es ist ein gespaltenes Land“, erklärt das Ehepaar.

Sie selbst durften bei dem Referendum keine Stimme abgeben, da sie länger als 15 Jahre außerhalb von Großbritannien leben. „Sonst wären wahrscheinlich 1,3 Millionen Stimmen gegen den Brexit gewesen. Vor allem ältere Bürger haben für den Brexit gestimmt“, sagt Ernest Taylor und meint damit die Generation, die so alt ist wie seine Eltern. Diese seien in einer anderen Welt aufgewachsen, in einer Welt, in der sie die Rückschläge des Zweiten Weltkrieges überstanden haben und als Sieger daraus hervorgingen.

Darüber hinaus hätten viele die Einstellung: „Was in Europa passiert, interessiert uns nicht. Wir sind unabhängig und wollen selbst bestimmen.“ Und das können Ernest und Christine Taylor überhaupt nicht verstehen. Sie beziehen sich auf die europäische und britische Geschichte und sagen: „Die Europäer leben endlich in Frieden miteinander.“

So kamen die Taylors nach Herscheid:

Ernest und Christin Taylor sind damals als Fremdsprachenlehrer für Französisch und Englisch nach Lüdenscheid gekommen und Ernest Taylor unterrichtete bis zur Rente am Bergstadt-Gymnasium in Lüdenscheid sowie Christine Taylor für einige Jahre am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Damals habe es einen großen Lehrermangel gegeben, nachdem festgelegt wurde, dass alle Schulformen ab der fünften Klasse Englisch lernen sollten. Ursprünglich wollten sie für zwei bis drei Jahre hierbleiben, dann bekamen sie jedoch die Möglichkeit, für immer zu bleiben. Sie sind zwar als verheiratetes Paar aus Großbritannien nach Deutschland gekommen, hatten sich aber zuvor bereits in Deutschland kennengerlernt, während der Studienzeit. Christin Taylor absolvierte ein Auslandssemester in Freiburg und hängte drei Wochen für ein Projekt des internationalen Jugendgemeinschaftsdienstes in Bonn an, das sie nach Franken führte. Dort lernte sie Ernest kennen und die beiden stellten fest, dass sie beide in London studieren. Ziel des Jugendgemeinschaftsdienstes sei gewesen, Deutschland als Teil von Europa zu sehen.

Was bedeutet Brexit?

Brexit steht für British Exit und bedeutet den Austritt des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland (England, Wales, Schottland und Nordirland) aus der EU. Bei einem Referendum am 23. Juni 2016 stimmten 51,89 Prozent der Wähler für den Austritt. Die britische Premierministerin Theresa May leitete nun den Austrittsprozess, der am 29. März 2019 um 23 Uhr britischer Zeit rechtskräftig werden soll. Großbritannien und die EU hatten zwei Jahre Zeit, um über die Einzelheiten der Durchführung zu verhandeln. Am Donnerstag gab es ein Treffen von Regierungschefin Theresa May EU-Kommissionschef mit Jean-Claude Juncker in Brüssel. Das Treffen sei kein Durchbruch gewesen, aber es soll bis Ende des Monats einen weiteren Gesprächstermin geben. Hauptstreitpunkt sind bei den Verhandlungen die Kontrollen an der irischen Grenze beziehungsweise die Vermeidung dieser. Großbritannien solle vorerst in der Zollunion mit der EU bleiben, bis die Handelsbeziehungen neu geregelt sind. Kommt bis zum 29. März kein Austrittsvertrag zu stande, droht ein ungeregelter Brexit, was Folgen für die Wirtschaft aber auch auf das generelle Leben haben könnte.

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