Wer darf sich am Ende als Gewinner fühlen?

Baulücke sorgt für erhitzte Gemüter: Viel verbrannte Erde wegen grüner Wiesen

Der Auftakt zu einem langen Planungsprozess: Die damaligen Mitglieder des Bauausschusses sahen sich die Grundstücke im Sommer 2018 vor Ort an. Dort wollte die Eigentümerin zwei Wohngebäude bauen lassen – von diesem Vorhaben ist sie nun abgewichen.
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Der Auftakt zu einem langen Planungsprozess: Die damaligen Mitglieder des Bauausschusses sahen sich die Grundstücke im Sommer 2018 vor Ort an. Dort wollte die Eigentümerin zwei Wohngebäude bauen lassen – von diesem Vorhaben ist sie nun abgewichen.

Ein annähernd drei Jahre langes Dauerstreitthema ist ergebnislos beendet. Zwei Grundstücke im Herscheider Oberdorf bleiben vorerst so, wie sie zurzeit sind: unbebaute Wiese. Nach intensiven Diskussionen bleibt jede Menge verbrannte Erde zurück: Eigentümerin, Nachbarn, Verwaltung, Kommunalpolitik – wer geht aus diesem Verfahren als Gewinner hervor.

Herscheid - Im Detail geht es um die Flurstücke 537 und 539, die sich zwischen der Oberdorfstraße und der Straße Im Kleekamp befinden. Diese unbebauten Flächen sind im Besitz von Ulrike Hilleke. Die Herscheiderin hatte bereits im Jahr 2014 einen Versuch unternommen, dort Wohnhäuser errichten zu lassen. Weil zwei der angrenzenden Nachbarn damals Bedenken geäußert hatten, wurde das Verfahren zunächst nicht weiter von der Eigentümerin verfolgt.

Im Juni 2018 wagte Ulrike Hilleke einen neuen Anlauf und stellte bei der Verwaltung einen Antrag auf Änderung des Bebauungsplanes. Ihr Plan war es, die bestehenden Baulinien aufzulösen, um die Baufelder zu bewegen: Die überbaubaren Flächen auf beiden Flurstücken sollten nach Norden, in Richtung Kleekamp, verschoben werden.

Die Reaktionen

Die Verwaltung hatte in einer ersten Einschätzung dazu geraten, den Antrag aufgrund der in 2014 erhobenen Bedenken einiger Nachbarn abzulehnen. Die Mitglieder des Planungsausschusses schauten sich die Situation vor Ort an und wollten das Vorhaben nicht direkt verneinen. Bei der Erschließung von Neubaugebieten seien der Gemeinde Grenzen gesetzt, daher müsse es auch das Ziel sein, vorhandene Baulücken im Ort zu schließen. Daher erging der Rat an die Besitzerin, den Kontakt zu den Nachbarn zu suchen und das Vorhaben im persönlichen Gespräch vorzustellen.

Der von Ulrike Hilleke beauftragte Architekt suchte an einem Samstag im Oktober 2018 die Nachbarschaft auf, konnte jedoch nur wenige Anwohner antreffen und erntete bei seinen Gesprächen selten Zustimmung. Was sich dabei bereits andeutete, sollte sich in den kommenden Wochen und Monaten fortsetzen: Ein Teil der Anwohner lief Sturm gegen die veränderten Bebauungspläne.

Um diese beiden Flächen zwischen der Oberdorfstraße und der Straße Im Kleekamp wurde emotional diskutiert.

Im Kern der Kritik: Die geplante Verschiebung sowie die möglichen Ausmaße der Gebäude. Im weiteren Verlauf des Planungsverfahrens meldeten sich immer wieder Bürger in öffentlichen Sitzungen zu Wort; sie befürchteten einen Eingriff in die eigene Privatsphäre, den Verlust von Lebensqualität und Grundstückswerten und sprachen sogar von einer Verschandelung des Ortskerns.

Die Politik hatte sich jedoch zu einem anderen Beschluss durchgerungen: Um die Möglichkeit zu nutzen, vorhandene Baulücken im Dorf zu schließen, wurde dem Antrag auf Änderung des Bebauungsplanes zunächst stattgegeben. Die Anwohner fühlten sich deshalb von Politik und Verwaltung im Stich gelassen.

Die Wende

Nachdem das Vorhaben Anfang September 2019 noch öffentlich vorgestellt worden war, schienen die Weichen für eine Bebauung endgültig gestellt zu sein. Für die meisten Beteiligten überraschend erfolgte dann Mitte 2020 die Nachricht, dass die Besitzerin ihren Antrag auf Änderung des Bebauungsplanes zurückgezogen hat. Das Vorhaben werde nicht weiter fortgesetzt, berichtete das Bauamt.

Anscheinend hatte Ulrike Hilleke unterschätzt, welch eine Welle der Entrüstung die geplante Bebauung auslösen würde. Der öffentliche Druck sei groß gewesen, erklärt sie die Heimatzeitung. Ihr Ziel sei es nicht gewesen, dass den Nachbarn ein Nachteil entstehe. Der Verlauf sei für sie mehr als ärgerlich, weil für sie hohe Kosten entstanden seien. Doch letztlich wolle sie die Sache beenden und einen Schlussstrich ziehen.

Das bleibt

In Reihen der Politik wich die Überraschung der Enttäuschung. „Wir finden es schade, denn zwei Baulücken hätten geschlossen werden können“, fasste Eberhard Kaufmann, Vorsitzender des Bauund Planungsausschusses, zusammen. Das Gremium hatte in seiner Sitzung vor wenigen Wochen formell die Einstellung des Bebauungsplanverfahrens beschlossen.

Am Ende dieser Sitzung hatte sich erneut ein Anwohner gemeldet. Er äußerte sich kritisch zum Verfahren, zur Haltung des Ausschusses und bemängelte zudem, dass er wegen der Ausbaupläne einen Rechtsanwalt eingeschaltet hatte. „Wer zahlt mir den jetzt?“, wollte der sichtlich verärgerte Mann wissen. Bauamtsleiter Lothar Weber gab zu verstehen, dass das Verfahren stillgelegt sei: eine Kostenübernahme der Gemeinde für den privat beauftragten Rechtsanwalt werde es nicht geben.

Entsprechend frustriert verließ der Anwohner das Rathaus. Eine Szene mit Symbolcharakter: Nach dem jahrelangen Hickhack dürfte keine der beteiligten Seiten vollends zufrieden sein. An den heiß diskutierten Grundstücken ändert sich derweil nichts: Sie bleiben weiter unbebautes Grünland – das dürfte sich wie ein Teilerfolg anfühlen, zumindest für die Nachbarn.

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