„Die einzige Hilfe, die wir hatten, war, dass die Leute sich gegenseitig geholfen haben“

Anwohner fühlen sich allein gelassen:
Arbeiten nach Hochwasser dauern an

Renovieren ist angesagt: Hochstrates müssen nach dem Hochwasser unter anderem Rigips-Wände herausreißen, neuen Fußboden verlegen und neu tapezieren.
+
Renovieren ist angesagt: Hochstrates müssen nach dem Hochwasser unter anderem Rigips-Wände herausreißen, neuen Fußboden verlegen und neu tapezieren.

Sechs Wochen sind vergangen seit Unwetter „Bernd“ auch in Herscheid für Chaos gesorgt hat. Im Bereich Schwarze Ahe sind bis heute längst nicht alle Schäden beseitigt. Anwohner räumen auf und renovieren in ihren Häusern. Zu ihnen zählen Riccarda und Rico Hochstrate, die im Haus mit der Nummer 7 wohnen, in dem früher die Gaststätte Pius untergebracht war.

Herscheid - In den Keller und ins Erdgeschoss sei das Wasser eingedrungen, das nicht nur aus der Ahe über die Straße kam, sondern auch den Wald hinabfloss, berichtet Rico Hochstrate. „Wir wohnen hier am tiefsten Punkt.“ Glücklicherweise haben Hochstrates eine Elementarversicherung. Nach dem Hauskauf hatten sie erst vor vier Jahren alles renoviert. Nun geht es wieder von vorne los. „Wir haben viele Rigips-Wände. Viel mehr als ich selbst gedacht hätte“, berichtet Rico. Die Wände müssen jetzt herausgeschnitten werden, damit sie nicht anfangen zu faulen. Es gibt viel zu tun.

Auch auf dem Grundstück hinterließ das Hochwasser seine Spuren, spülte tiefe Gräben ins Erdreich, riss eine Brücke weg und legte ein Stromkabel frei. „Wir haben Bescheid gesagt, dass das Kabel offen liegt, aber es kam niemand“, sagt Hochstrate. Er ist enttäuscht vom Krisenmanagement der Gemeinde. Bauamtsleiter Lothar Weber betont jedoch, dass die Gemeinde derartige Schadensmeldungen gesammelt und „gewissenhaft an die zuständigen Stellen weitergegeben“ habe. Nachzuprüfen, ob diese externen Stellen die Arbeiten dann auch ausführen, dafür fehlten die Kapazitäten.

Zu den zuständigen Stellen zählt neben dem Energieversorger auch die Straßenmeisterei Herscheid: Für die Beseitigung vieler Schäden in Schwarze Ahe ist der Landesbetrieb Straßen.NRW als Baulastträger zuständig. Dieser lässt gerade viele Leitplanken erneuern, die beim Hochwasser unterspült und beschädigt wurden. Die Straße ist deshalb noch voll gesperrt. Schäden im Uferbereich und am Asphalt wurden bereits repariert. Straßen.NRW-Sprecher Andreas Berg betont, dass insbesondere in Schwarze Ahe die Straße sehr schnell wieder instand gesetzt worden sei.

Während des Unwetters am 14. Juli war die Schwarze Ahe über die Ufer getreten und hatte massive Schäden verursacht.

Auch für die Reinigung der Straßenabläufe ist der Landesbetrieb verantwortlich. Rico Hochstrate hatte berichtet, dass der Straßenablauf vor seinem Grundstück verstopft war und das Haus deshalb nach dem 14. Juli zwei weitere Male volllief. Andreas Berg erklärt dazu, dass sich die Dreckeimer, die das Wasser filtern, vielerorts zusetzten. „Wir hätten sie fünf Minuten vor dem Hochwasser sauber machen können und trotzdem wären sie nach zehn Minuten wieder dicht gewesen.“ Verantwortlich dafür sei das stark verschmutzte Wasser gewesen, ebenso wie Geröll und Treibgut.

Ortswechsel: Ein Stück weiter in Richtung Werdohl wohnen Joanna Kulik-Sawko und ihr Ehemann Adam Kulik. Ihr Grundstück blieb zwar weitgehend verschont, allerdings wurde die Ufermauer an der Ahe unterspült. Auf einer Länge von acht Metern brach die Mauer aus und wurde weggetragen. Bei einem Nachbarn fraß sich der Fluss sogar in das Fundament des Hauses.

Die Anwohner hätten zusammen in der Schwarzen Ahe gestanden und Steine geschöpft, berichtet Adam Kulik. Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr seien kurz vor Ort gewesen. Unter anderem klapperten sie die Häuser ab und rieten den Anwohnern, sich in Sicherheit zu bringen. Die Straßen waren ab einem Zeitpunkt derart überflutet, dass es für die Einsatzkräfte unverantwortlich wurde, dort weiterzuarbeiten, hatte bereits am Tag nach dem Hochwasser der stellvertretende Wehrleiter Michael Geck erklärt.

„Die einzige Hilfe, die wir hatten, war, dass die Leute sich gegenseitig geholfen haben“, schildert Joanna Kulik-Sawko. Sie und ihr Ehemann hätten sich auch im Nachhinein von der Gemeinde mehr Unterstützung gewünscht. Mitarbeiter des Bauamtes und der Wasserbehörde seien nach einem Anruf zwar gekommen, um die Schäden zu begutachten. „Aber niemand fühlt sich so richtig verantwortlich“, meint Joanna Kulik-Sawko. Sie fühlt sich im Stich gelassen. Noch sei unklar, wer für die Reparatur aufkommt. „Ich finde auch, es ist ein Unding, dass die Mitarbeiter der Gemeinde nicht von sich aus hier auftauchen.“

Riccarda und Rico Hochstrate hat das Hochwasser voll erwischt. Nicht nur im Haus gibt es Schäden: Auch eine Brücke riss das Wasser weg.

Diesen Vorwurf weisen Lothar Weber und Bauamtsmitarbeiter Bernd Wittemund entschieden zurück. „Wir haben richtig Kilometer gemacht“, sagt Wittemund. Am Tag nach dem Hochwasser sei er mit Kollegen das Gemeindegebiet abgefahren und habe die Schäden dokumentiert. Die Schwarze Ahe habe dabei oben auf der Prioritätenliste gestanden. „Wir haben nur nicht bei jedem Bewohner geklingelt und nachgefragt.“ Es habe aber immer die Möglichkeit bestanden, sich zu melden: „Wenn mich jemand angerufen hat, bin ich zeitnah dort hingefahren und habe mit den Leuten gesprochen“, sagt Lothar Weber. „Wenn man die Mängel dokumentiert hat, muss man entscheiden, wo man anfängt. Natürlich geht es dann einigen nicht schnell genug.“ Für Außenstehende sei schwer zu erkennen, welcher organisatorische Aufwand hinter der Instandsetzung steckt – gerade jetzt, da Baufirmen und Fachleute mit Aufträgen überrannt werden.

In Herscheid komme erschwerend hinzu, dass es „personelle und maschinelle Grenzen gibt“, sagt Weber. Der Bauhof hat zehn Mitarbeiter und das Gemeindegebiet ist groß. „In einigen Bereichen sind die Arbeiter einfach noch nicht dazu gekommen, zum Beispiel die Flussläufe zu kontrollieren.“ Das werde noch geschehen, versichert er.

Dass Anwohner und Behörden nicht immer einer Meinung sind, macht das Beispiel der Ufermauer bei Familie Kulik deutlich. Lothar Weber verweist darauf, dass man auf Grundlage der gesetzlichen Vorgaben in solchen Fällen eine Einzelfallentscheidung treffen müsse.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare