Haus Scheele in Balve

Aus dem „Vatikan“ wird ein Wohnhaus

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Das Haus Scheele an der Hauptstraße in Balve. Das Gebäude wurde bereits 1859 erbaut. Die lange Historie als Gaststätte ist nun endgültig beendet.

Balve – Im Haus Scheele an der Hauptstraße hat der neue Eigentümer Matthias Camminady endgültig die Zapfhähne zugemacht.

"Einige Balver haben sich bereits einige für sie wertvolle Schätze aus dem Gastraum und der Theke mitgenommen“, erzählte er im Gespräch mit der Redaktion. 

„Jetzt bin ich dabei, in der ersten Etage aus dem Gaststättenraum und den Versammlungsräumen vier barrierefreie Wohnungen machen zu lassen“, sagte Camminady. Zwei 80 Quadratmeter und zwei 70 Quadratmeter große Wohneinheiten sollen bis Sommer 2021 fertig werden. Danach werden sie vermietet. 

Haus Scheele stand zehn Jahre leer

Zehn Jahre stand dieses Haus, Baujahr 1859, leer, ab September 2014 wurde es von Makler Helmut Schäfer zum Kauf angeboten „Jetzt war für mich der richtige Zeitpunkt, zu kaufen“, sagt der neue Besitzer über das Gebäude „inmitten des Stadtbereichs, in dem ich groß geworden bin“. Für Matthias Camminady passte alles beim Kauf dieser Immobilie: „Sie hat eine gute Substanz.“ 

Die nun anfallenden Kosten für den Umbau hat er einkalkuliert. Dass hier nie wieder eine Gaststätte aufmachen würde, das stand für den Geschäftsmann fest. „Vier Wohnungen entstehen unten, und die im Obergeschoss seit mehreren Jahren lebende Familie bleibt dort wohnen.“ Camminady hat sich strategisch günstig positioniert mit seinen Immobilien, hat er doch bereits im August 2018 das Drostenhaus gekauft. „Das war es dann aber auch jetzt“, erklärte er. 

Ein Stück Geschichte geht zu Ende

Für die Balver geht mit der Umwandlung der Gastwirtschaft Haus Scheele in ein Wohnhaus ein Stück Geschichte zu Ende. Ganz genau erinnert sich Rudolf Rath. Aus eigenen Quellen, aber auch aus denen im Pfarrarchiv kann er erzählen: „Schon als Kind lernte ich diesen Ort des kommerziellen Alkoholkonsums näher kennen. Jugendschutzgesetz? Das fand hier keine Anwendung: In den Nachkriegsjahren holten wir doch lediglich Gerstensaftreste für die Biersuppe. So wurde Scheele meine erste Kneipe. Noch heute erinnere ich mich voller Grausen an den ekligen Geschmack dieser schaumbedeckten Vorspeise. Aber in diesen Zeiten hatte man ja keine so große Auswahl.“ 

Im Inneren des Hauses laufen derzeit die Umbauarbeiten.

Rath weiß aber auch über den Pensionsgast Paul Heckmann zu berichten, der von 1969 bis zu seinem Tod im Jahr 1984 als Pastor im Ruhestand nach seinem Dienst in einer Ruhrgebietspfarrei nun den ländlichen Lebensraum genoss: „Er genoss großes Ansehen, alle kannten ihn, alle mochten ihn. Und für die Geistlichen der hiesigen Kirchengemeinden war er durch seine stete Einsatzbereitschaft im kirchlichen Dienst eine große Hilfe.“ 

Bezeichnung entstand in der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Erklären kann Rath nach einem Blick ins Archiv auch, warum viele Balver die ehemalige Gaststätte „Vatikan“ nennen: „Die Bezeichnung ist in der Zeit des Zweiten Weltkriegs entstanden. Die streng gläubige Inhaberfamilie von Wilhelm Scheele wurde damals aufgrund ihrer Treue zur katholischen Kirche von vielen Bürgern gemieden, da dies mit der nationalsozialistischen Gesinnung nicht zusammenpasste. Belächelnd nannten sie den Gasthof ‚Vatikan‘.“ Auch in den späteren Jahren und Jahrzehnten trafen sich in dieser Gaststätte sonntags nach dem Hochamt Kirchenbesucher zu ihrem Frühschoppen. 

Wilhelm Scheele sei Bierverleger, Landwirt und Eigentümer der an der Hauptstraße befindlichen Gastwirtschaft mit Pensionszimmern gewesen, fügt der an Stadtgeschichte interessierte Rath hinzu. „Wilhelm Scheele war außerdem ein angesehener Bürger der Stadt, Mitglied im Vorstand der katholischen Kirchengemeinde und ein Förderer von vielen Vereinen.“ Beim Studium der Akten und Dokumente hat der Pfarrarchivpfleger außerdem herausgefunden, dass das Straßenschild „Am Vatikan“ für die kleine Gasse am Haus Scheele 2001 angebracht wurde: „In diesem Jahr pflasterten Mitglieder der CDU-Ortsunion eigenhändig die zuvor schmuddelige Gasse als Maßnahme zur Verschönerung des Stadtbildes. Gastwirtin Hedwig Preuß (geb. Scheele), 2009 im Alter von 86 Jahren gestorben, stiftete dazu das inoffizielle Straßenschild „Am Vatikan.“ 

Gründung der CDU-Ortsgruppe

Bewundert hat Rath als Kind seinerzeit das Speiseeis. Zunächst gab es dies im Eiskeller, später im Flur der Gaststätte. „Auf uns wartete stets für kleines Geld das beliebte Speiseeis“, erinnert er sich. „Magda Scheele füllte es geschickt mit einem Esslöffel in das Waffelhörnchen.“ Aber es wurden nicht nur Geschichten erzählt über dieses Haus oder darin, es wurde hier auch ein Stück Stadtgeschichte geschrieben: „Die Gründung der CDU-Ortsgruppe fand am 13. November 1945 mit 19 Balvern statt. Erster Vorsitzender war Norbert Lübke, der zweite Theodor Pröpper“, blickt der Archivar zurück.

„Am Vatikan“: Seit 2001 gibt es dieses Schild an der Gasse vor dem Haus Scheele.

Zwar ist die Gaststätte mittlerweile seit vielen Jahren geschlossen, die Bilder hat Rath jedoch immer noch genau vor Augen. Auf der Thekenseite fanden Stammtische statt. Im dahinter liegenden größeren Versammlungsraum wurden Sitzungen von Vereinen und Verbänden sowie Parteien ausgerichtet. Auf der linken Seite der Gastwirtschaft lag ein kleiner Versammlungsraum. „Hier fand zum Beispiel der Akademikerstammtisch und das Treffen von anderen kleineren Gruppen statt.“ Haus Scheele wurde oft für das Kaffeetrinken nach Beerdigungen genutzt. 

Auch die Schützenbruderschaft profitierte

Aber auch die Schützenbruderschaft profitierte: „Die zentrale Lage des Hauses an der Hauptstraße mit dem repräsentativen Treppenaufbau wurde häufig zur Abholung von Königspaaren bei Schützenfesten genutzt. Zudem konnte man von hier oben aus Umzüge bestaunen.“

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