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Totschlagsprozess: „Mein Vater war ein regelrechter Sklave für meine Mutter“

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Von: Thomas Krumm

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Justitia
Im Totschlagsprozess gegen einen 70-jährigen Rentner aus Beckum soll am Freitag das Urteil fallen. © Arne Dedert/dpa/Symbolbild

Im Prozess gegen einen 70-jährigen Mann aus Beckum, der im August seine gleichaltrige Ehefrau mit einem Kissen erstickt hat, wird am 13. Januar das Urteil erwartet. Zuvor sagten bereits seine Kinder vor dem Landgericht aus - und stellten sich hinter ihren Vater.

Beckum/Arnsberg - Im Landgericht Arnsberg soll am Freitag, 13. Januar, das Urteil gegen den 70-jährigen Angeklagten verkündet werden, der am 30. August 2022 in Beckum seine gleichaltrige Ehefrau mit einem Kissen erstickt hat. Zuvor wird noch der Psychiatrische Sachverständige Dr. Josef Leßmann zu der Frage Stellung nehmen, ob der 70-Jährige zum Zeitpunkt der Tat voll schuldfähig war oder ob er sich möglicherweise in einer psychischen Ausnahmesituation befand, die sich auf das Strafmaß auswirken könnte.

„Es hatte keinen Zweck mehr mit dem Lügen.“

Einiges spricht für Letzteres: Zwei Suizidversuche und der anschließende vorübergehende Aufenthalt des durch die Pflege seiner Frau zutiefst erschöpften Mannes in der Psychiatrie. Nur einen Tag lang hatte er versucht, seine Tat zu verheimlichen. „Die hat sich heute Morgen gar nicht gerührt“, erklärte er seiner Tochter kurz nach der Tat und setzte seinen Tagesablauf „ganz normal“ fort. Einen Tag später gestand er ihr gegenüber die Tötung seiner Frau: „Ich bin das gewesen.“ Vor Gericht erklärte er den Sinneswandel: „Es hatte keinen Zweck mehr mit dem Lügen, dass das im Schlaf passiert war.“

Seine Tochter und sein Sohn zeigten sich vor Gericht – vorsichtig gesagt – sehr gefasst und stellten sich hinter ihren Vater. Beide sind voll berufstätig und konnten sich deshalb nur begrenzt um ihre Mutter kümmern. „Als Papa nicht da war, hat sie uns die ganze Zeit laufen lassen“, erinnerte sich ihre Tochter. Früher habe ihre Mutter „wenigstens abends eine warme Mahlzeit“ gemacht. Zuletzt habe ihr Vater faktisch „alles“ gemacht – „von der Bettwäsche bis zum Fußboden“. „Wenn er Glück hatte, hat sie zwei Mal pro Woche gekocht.“

„Sie hat mit dem Mund dirigiert und uns allen gesagt, was wir zu tun und zu lassen haben.“

Die Tochter zeichnete das Bild einer im „Kommandoton“ kommunizierenden Frau, die nicht nur ihren Vater „verrückt gemacht“ habe. „Sie hat mit dem Mund dirigiert und uns allen gesagt, was wir zu tun und zu lassen haben.“ Eine Anerkennung dessen, was ihre Umgebung für sie tat, habe sie nie geäußert: „,Bitte’ und ,Danke’ gab es eigentlich nicht.“

Der Vorsitzende Richter Petja Pagel fragte noch einmal nach, was die Getötete für ein Mensch gewesen war. „,Liebevoll’ können wir durchstreichen“, antwortete die Zeugin und deutete an, dass ihre Mutter schon länger ein emotional unterkühlter Mensch gewesen war: „Umarmungen gab es nicht.“ Vielleicht galt das nicht für ihren Umgang mit ihren Hunden. „Für sie waren das Kuscheltiere, die mit im Bett lagen.“

Lieblos war offenbar auch der Umgang der Verstorbenen mit ihrem Mann, dessen Charakter seine Tochter in warmen Worten schilderte: „Er war ein herzensguter Mensch, der immer das letzte Hemd bekommt.“ Seine Frau habe ihn oft „runtergeputzt – eigentlich war er nur der Dienstbote“. „Ich habe das nicht erlebt, dass er sich gewehrt hat.“

Nur seine Suizidversuche hätten deutlich gemacht, „dass er wollte, dass sie etwas ändert“. Das betraf aus Sicht der gesamten Familie vor allem eine notwendige Hüftoperation, die sie verweigerte. „Es geht mir gut, wenn ich liege“, zitierte die Tochter ihre Mutter, nachdem sie mal wieder einen Arzttermin abgesagt hatte. „Dreh dich um und geh!“ forderte sie ihren Vater auf. „Ich kann sie nicht alleine lassen!“, antwortete er.

Ob ihr Vater „kapituliert“ habe, wollte Verteidiger Björn Rüschenbaum von der Zeugin wissen. „Es ging nicht mehr“, antwortete sie. Mit einem einzigen Satz äußerte sie sich kritisch zu dem Geschehen: „Das war keine Lösung.“ Aber auch diese Bemerkung relativierte sie kurz darauf: „Eigentlich ist es für alle eine Entlastung.“

Sohn zeichnet ein desaströses Bild der häuslichen Verhältnisse

Auch ihr Bruder zeichnete vor Gericht ein desaströses Bild der häuslichen Verhältnisse: „Mein Vater war ein regelrechter Sklave für meine Mutter.“ Irgendwann sei ihm dass alles zu viel geworden: „Ich kann auf eine Weise verstehen, dass er das getan hat. Irgendwann dreht man durch, wenn man wie ein Sklave behandelt wird.“

Der Prozess wird ab 8.30 Uhr im Landgericht Arnsberg fortgesetzt.

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