Unendlich viel mehr als Nichts

Brigitte Spielmann-Sommer stammt aus Finnentrop und kehrt zuweilen in die alte Heimat zurück. Nachdem sie 2013 Veranstaltungen der Veranstaltungsreihe spiritueller Sommer in Südwestfalen kennengelernt hatte, entstand die Idee eines Auftritts in der Balver Höhle. - Foto: Krumm

Balve -  Das Undarstellbare zog jüngst ein in die Balver Höhle. Der Titel „Nichts“ veranlasste einzelne Besucher, die zunächst vor der Höhle auf den Einlass warteten, skeptisch zu werden, ob denn überhaupt etwas passieren würde. Der amerikanische Komponist John Cage überraschte einst sein Publikum mit seiner Komposition „4.33“ - Vier Minuten und 33 Sekunden komponierter Stille – eine Inszenierung des Schweigens als künstlerischer Akt, die in die Musikgeschichte einging.

So etwas war noch nicht ausgeschlossen, nachdem die gut 40 Besucher die Höhle hatten betreten dürfen. Ein roter Leuchtfaden geleitete sie zu den Sitzplätzen, die allerdings nicht ausreichten. Nun stellte sich erneut die Frage, was geschehen würde. Nicht erwartet werden durfte das Erscheinen des absoluten Nichts, das nur eine Denkfigur als mögliche Negation alles Seienden und Möglichen ist. Unvorstellbar und undarstellbar ist es allenfalls ein Thema für Philosophen und Buddhisten. Und tatsächlich deuteten die Computerarbeitsplätze der fünf Musiker von EMU, dem „Ensemble für experimentelle Musik der Universität Ulm“, darauf hin, dass relativ viel passieren würde: Nicht nichts, möglicherweise aber fast nichts, kaum etwas oder auch ein bisschen mehr als nichts.

In ihrem einführenden Text machte Brigitte Spielmann-Sommer, ehemalige Finnentroperin und treibende Kraft des Ensembles „DeeWa“, „Deep Wave“, deutlich, dass es tatsächlich um bestimmte Nichtse – die Abwesenheit von quälenden Nachrichten, Kummer Leid und medialer Zudröhnung gehen sollte. In einem weiten roten Gewand war sie mitten in der Höhle selbst die zentrale Hörerin dieser Botschaft, wand sich unter den Worten und warf einen ganz langen Schatten über den Höhlenboden. Ganz still erschienen bald darauf drei Ausdruckstänzerinnen. Nicht mehr farbig, sondern hell gekleidet und geschminkt entschleunigten sie ihre Bewegungen, waren ohne zu sprechen sehr präsent in dem imposanten Höhlenraum.

Die Musiker von EMU begleiteten das Ganze mit sphärischer Musik, die sich zuweilen an der Grenze zum Nicht-mehr-Hörbaren bewegte. Tatsächlich passierte immer mal wieder gar nichts. Die Besucher waren zurückgeworfen auf ihre Gedanken und Erwartungen an ein Kunstevent, durften Geduldsproben als meditative Momente erleben und dem in die Höhle geworfenen Lärm des hektischen Draußen lauschen. Bis eine Projektion die Höhlenwand erleuchtete.

Ein Mensch in wuchernder Natur, bald darauf ein kleiner menschlicher Schattenriss in stilisierten Bergen und über rollenden Wogen des Meeres. Dunkelheit, Licht, Beifall. Es gab Fragen – an die Tänzerinnen und an die Musiker, die ein wirklich imposantes Instrumentarium mit sehr viel Technik mitgebracht hatten.

- Von Thomas Krumm

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare