Der Nikolaus: „Zwischen Buhmann und Supermann“

Für den Besuch bei den Familien und in der Mellener Krabbelstube haben sich der 13-jährige Noah Hartmann und der 69-jährige Rudolf Rath standesgemäß verkleidet.

BALVE ▪ Rudolf Rath zieht das weiße Gewand über den Kopf. Der 69-Jährige wirft sich den roten Umhang über. Bart, Mitra, Bischofsstab, Kreuz, Glöckchen und natürlich das goldene Buch: Seit nunmehr 50 Jahren ist Rath in der Hönnestadt als Nikolaus unterwegs. Von Ute Heinze

Ob Kneipp-Verein, Seniorenheim, Kindergarten oder Krabbelstube: Rath hat den heiligen Mann mit dem weißen Rauschebart schon nahezu überall vertreten. Auch beim traditionellen Nikolausgang der Kolpingsfamilie Balve ist Rath schon seit Jahren eine feste Größe. Familien, die sich im Vorfeld angemeldet haben, werden von den Nikoläusen der Kolpingsfamilie mit einem Besuch beehrt.

In diesem Jahr wird Rath von Noah Hartmann begleitet, der in die Rolle des Knecht Ruprechts schlüpft und sich ebenso wie Rath verwandelt: Schwarzer Pulli, schwarze Mütze, schwarze Handschuhe und ein schwarzer Umhang. Und auch im Gesicht ist der Schüler nach kurzer Zeit pechschwarz: Einen Korken und eine Kerze, mehr braucht das Team der Kolpingsfamilie nicht, um aus Noah einen perfekten Begleiter des Nikolauses zu machen. Abschließend bekommt der Schüler noch eine Rute in die Hand gedrückt.

Nach einer kurzen Aussendungsfeier mit Pastor Andres Schulte in der Kirche machen sich die Nikolaus-Ruprecht-Paare der Kolpingsfamilie auf den Weg. Hartmann und Rath steigen allerdings nicht auf den Rentierschlitten; los geht’s mit dem Auto. Vom Pfarrheim aus steuern sie den ersten Termin in Mellen an.

Als Rath seine Karriere als Nikolaus begann, hatte die Figur noch die Funktion eines Erziehungshelfers: „Damals war der Nikolaus eine Art Buhmann. Ihm schrieben die Eltern die Sünden des Nachwuchses auf, die der Nikolaus in den Familien vortrug. Der Knecht Ruprecht unterstützte den Auftritt durch drohende Gebärden. Der schwarze Mann war bei den Kindern gefürchtet.“

In der heutigen Zeit rangiere der Nikolaus hingehen irgendwo zwischen Buhmann und Supermann. „Wir sind nicht die, die die Kinder in einer Stunde erziehen“, stellt Rath klar. Ihm gehe es vor allem um die historische Figur des heiligen Mannes, den vor allem die Nächstenliebe auszeichne. „Schenken und Helfen, das sind die Stichworte für den Dialog mit den Jungen und Mädchen“, erklärt Rath.

Er legt großen Wert darauf, dass sein Auftritt von denjenigen, die er besucht, ernst genommen und gewürdigt wird. Anfragen von Kegelclubs lehnt er ab. Auch will er nicht mit dem Weihnachtsmann verwechselt werden: Zwar hat Rath nichts gegen diesen einzuwenden; eine Abgrenzung zu dem aus der Limonaden-Werbung bekannten Mann, der dem Nikolaus zum Verwechseln ähnlich sieht, ist dem 69-jährigen Rath aber trotzdem wichtig. Der Weihnachtsmann habe einfach eine andere Funktion. Er werde hauptsächlich mit dem Stichwort Konsum verbunden.

Dann sind Noah und Rath in Mellen angekommen. Als die ersten Kinder der Krabbelstube den Bärtigen durch die Fensterscheibe erblicken, stimmen sie ein Nikolaus-Lied an. Die Augen des Nachwuchses leuchten, als sich Rath mit seinem Bischofsstab und dem wallenden roten Umhang seinen Weg durch die auf dem Boden sitzende Kinderschar bahnt. Nur einige der ganz Kleinen haben offenbar ein bisschen Angst vor dem Mann mit dem weißen Bart und dessen pechschwarzem Begleiter. „Warum habt ihr Euch auf meinen Besuch gefreut“, will Rath wissen. Stille. Rath versucht das Eis zu brechen und erzählt die Geschichte vom Kornwunder, das die historische Figur des Nikolauses im Rahmen einer Hungersnot im kleinasiatischen Myra bewirkt haben soll.

Helfen und Schenken sind die Stichworte, auf die Rath auch bei seinem Besuch in Mellen setzt. Für ihn gilt es, das gute Beispiel des Heiligen weiterzutragen. „Wie könnt ihr Euren Eltern eine Freude machen?“, will Rath wissen. Ein Junge zeigt brav auf und erklärt artig: „Ich habe Mama und Papa etwas gemalt.“ Rath ist begeistert von der Antwort. Dann will er noch wissen: „Wie könnt ihr einem Freund helfen, wenn er krank ist?“ „Wir können ihn zu Hause besuchen, damit ihm nicht langweilig ist“, weiß ein anderes Kind.

Und weil ihn die Antworten überzeugen und er an diesem Tag noch viele andere Familien besuchen muss, beginnt Rath nun die von den Eltern vorbereiteten Nikolaustüten zu verteilen. Namentlich ruft er die Jungen und Mädchen auf, die dem Vertreter des Heiligen Nikolaus mit Respekt und Ehrfurcht begegnen und sich höflich für das Geschenk bedanken. Einige der Kleinsten trauen sich nur in Begleitung ihrer Eltern nach vorn.

Als alle Tüten verteilt sind, machen sich Rath und Noah auf den Weg zu den anderen Familien, die sich für den Besuch des Nikolauses angemeldet haben und sicher schon gespannt und sehnsüchtig auf das Paar von der Kolpingsfamilie warten.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare