„Reserven werden verfrühstückt“

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Geladene Gäste nahmen am neunten Wirtschaftsgespräch teil und verfolgten die Diskussionen.

Wocklum -   „Demografiebedingt ist nicht mehr die Arbeitslosigkeit, sondern der Fachkräftemangel das Problem der Zukunft“, stellte Dr. Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, am Samstag während des neunten Wirtschaftsgespräches im Schloss Wocklum fest.

Sowohl Dr. Reinhard Göhner als auch Jürgen Echterhage, geschäftsführender Gesellschafter der Echterhage Holding, betonten, es ginge den Deutschen so gut wie noch nie: Vollzeitbeschäftigung, volle Auftragsbücher, niedrige Zinsen und keine Inanspruchnahme der EU-Rettungsschirme. Und doch würde mit der Mütterrente und der Rente mit 63 „Geld verbraten, nach dem keiner gerufen hat“, so Dr. Reinhard Göhner. Es gelte vielmehr, Reserven zu bilden.

Er hat ausgerechnet: Wenn bis zum Jahr 2050 noch bis zum Alter von 67 Jahren gearbeitet würde, fehlten danach 30 Prozent Erwerbestätige. Und das jetzige Rentenpaket schlage mit 160 Milliarden Euro zu Buche: „Hier werden die Reserven verfrühstückt.“ Seine Meinung ist, dass deshalb der Rentenbeitrag ab 2030 auf 26 Prozent steigen würde. Allgemein, so die einhellige Meinung auf dem Podium, stelle die Politik die falschen Weichen: Infrastruktur und Bildung würden im Kindergarten schon vernachlässigt. Überstürzt sei zudem die Energiewende nach dem Fukushima-Unfall vorgenommen worden.

Ein weiterer Diskussionspunkt war der Mindestlohn. „Dies ist das falsche Signal“, so Dr. Reinhard Göhner. „Tarifautonomie wäre besser gewesen als staatliche Lohnpolitik.“ Es müsse nach wie vor Ausnahmen für Gering-Qualifizierte geben. Vielmehr würde der Schwarzarbeit damit der Boden bereitet. In den Reihen der Wirtschaft sei einiges falsch gelaufen, meinte der Arbeitgebervertreter: „Wir haben es nicht geschafft, die Bevölkerung zu überzeugen – 80 Prozent sind der Meinung, der Mindestlohn sei eine gute Sache.“

Betriebe müssten flexibel sein, diese Meinung vertrat Jürgen Echterhage. Bei ihm laufe es auch ohne Tarifgebundenheit bei festen Arbeitszeiten und 25 Tagen Urlaub im Jahr. Dazu kämen freie Getränke für alle, Arbeitskleidung und Firmendarlehen. Der Unternehmer räumte aber ein, dass im Mittelstand andere Größenordnungen erforderlich seien, als in großen Firmen.

Mit Blick in die politische Landschaft stellten beide fest, dass der Weg weg von der „Sozialen Marktwirtschaft“ hin zum „Marktwirtschaftlichen Sozialismus“ führe. Es würden „Gerechtigkeitslücken geschlossen, die so vielfältig seien wie die Schlaglöcher auf den Straßen“, meinte Dr. Reinhard Göhner – und forderte, man müsse sich auf die Suche nach den Beitragszahlern machen. Dr. Göhner: „Dabei darf die Politik nicht zu Lasten der jüngeren Generation gehen. Diese kündigt dann nämlich den Generationenvertrag auf, indem sie auswandert.“

Von Julius Kolossa

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