Plötzlich für das eigene Leben verantwortlich

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An ihrem Arbeitsplatz, der Öffentlichen Bücherei, blättert Roswitha Schubert in einem Bildband über Leipzig. Dort hat sie die ersten 40 Jahre ihres Lebens verbracht, ehe sie 1991 mit ihrer Familie nach Balve kam. ▪

BALVE ▪ Nein, die DDR wünscht sie sich nicht zurück, obwohl damals nicht alles schlecht gewesen sei. „Diese ständigen Kontrollen und dass für jeden der Lebensweg praktisch vorgezeichnet war, das war nicht gut“, sagt Roswitha Schubert. Sie ist 1991 mit ihrer Familie nach Balve gekommen und ist hier seit 1992 Leiterin der Öffentlichen Bücherei.

Wäre der Betrieb, in dem ihr Mann Andreas gearbeitet hat, nicht 1990 abgewickelt worden, würde die Familie vielleicht heute noch in der Nähe von Leipzig wohnen. Denn eigentlich haben Roswitha Schubert und ihre Familie gerne dort gelebt. Deshalb sei es für sie auch zu DDR-Zeiten nie ein Thema gewesen, einen Ausreiseantrag zu stellen. „Wir sind Familienmenschen. Bei einer Ausreise hätten wir unsere Verwandten vielleicht nicht wiedersehen können“, sagt die 59-Jährige. Doch nach dem Mauerfall und der plötzlichen Arbeitslosigkeit ihres Mannes sah das ganz anders aus. In Menden fand der Familienvater eine neue Stelle, und so verschlug es die Schuberts schließlich nach Beckum.

Roswitha Schubert, die in der DDR 16 Jahre lang an der einer Polytechnischen Oberschule Deutsch und Französisch unterrichtet hatte und nach der Wende auch noch kurz an einem aufzubauenden Gymnasium tätig gewesen war, hätte ihren Beruf auch im Westen gerne weiter ausgeübt. Doch dazu hätte sie sämtliche Prüfungen wiederholen müssen. Dazu war die damals 40-Jährige nicht bereit: „Ich fand das irgendwie würdelos. Immerhin hatte ich schon 17 Jahre lang Kinder unterrichtet – und das sicherlich nicht schlecht“, erinnert sie sich an diese Zeit des beruflichen Umbruchs. Bei der Stadt Balve fand Roswitha Schubert 1992 eine Anstellung als Büchereileiterin. Die Tätigkeit war ihr nicht fremd, hatte sie doch während ihres Germanistik- und Romanistik-Studiums schon in Bibliotheken gearbeitet.

Anfangs sei sie schon unsicher gewesen, ob der Neuanfang im Westen die richtige Entscheidung gewesen sei, gibt Roswitha Schubert heute zu. Aber für sie und ihre Familie hatte mit der Wiedervereinigung ja auch ein ganz neues Leben begonnen. „In der DDR war für uns alles geregelt, jetzt mussten wir selbst entscheiden und auch alles selbst verantworten“, blickt sie auf einschneidende Veränderungen zurück. Diese Umstellung habe einige Jahre gedauert. Unterm Strich ist Roswitha Schubert aber heute zufrieden – auch, weil sie sich nicht mehr ständig kontrolliert und beobachtet fühlen muss. „Wir wussten zum Beispiel, dass unser Telefon abgehört wurde und auch, dass uns an unserer Schule ein bis zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit beobachtet haben“, sagt sie heute. Zunächst habe sie das nicht weiter gestört: „Wir haben uns entsprechend verhalten.“ Belastend sei die Situation erst ab Ende der 80er Jahre geworden. Was alles in ihrer Stasi-Akte gelandet ist, weiß die 59-Jährige seit etwa 15 Jahren: Lappalien, die der Stasi aber wichtig erschienen, wie die Brieffreundschaft zu einer jungen Französin oder andere Kontakte zu Westlern in Ungarn, wo die Schuberts gerade Urlaub machten, als die Mauer zu bröckeln begann.

Gut 20 Jahre ist das jetzt her. Für Roswitha Schubert ist die deutsche Einheit aber noch lange nicht vollzogen. „Das dauert noch eine ganze Generation“, ist sie sicher. Viel hängt für die gebürtige Ostdeutsche davon ab, ob die Menschen in den neuen Bundesländern dauerhaft Arbeit finden. Erst dann, glaubt sie, wird die Grenze zwischen Ost und West verschwinden. ▪ vg

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