Pflegefall kann ins soziale Abseits führen

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Eberhard Stellbrink (l.) und Gerhard Jussen (r.) informierten über die Möglichkeiten einer privaten Pflegeversicherung oder Pflegerente.

BALVE ▪ Hauptsache, gesund! Für die überwiegende Mehrheit der Menschen ist die eigene Gesundheit das Wichtigste im Leben. Doch dieses höchste Gut ist zerbrechlich. Schlimmer noch: Wer dauerhaft zum Pflegefall wird, kann schnell auch sein Vermögen verlieren.

Die Vereinigte Sparkasse im Märkischen Kreis hat den Themenkomplex „Krankheit und Pflege“ am Dienstagabend in Balve in einer großen Informationsveranstaltung behandelt. Eine Juristin gab ebenso Auskünfte wie ein Praktiker aus der Altenpflege und zwei Versicherungsexperten.

Juristin Ingeborg Heinze gab Tipps für die Patientenverfügung.

Die Juristin und Diplom-Oekonomin Ingeborg Heinze informierte die etwa 120 Zuhörer insbesondere über die Patientenverfügung. Für das Verfassen eines solchen Dokumentes hielt sie einige Ratschläge parat. Jeder Erwachsene solle mit einer solchen Verfügung für den Fall vorsorgen, dass er durch Unfall oder Krankheit nicht mehr in der Lage ist, Entscheidungen über seine Behandlung zu treffen. Sie solle möglichst konkret formuliert sein, also gewisse Behandlungsmethoden wie etwa die künstliche Ernährung explizit ausschließen. Jede noch so sorgfältig formulierte Patientenverfügung sei jedoch wertlos, wenn sie im Fall der Fälle nicht gefunden werden könne und wenn sie keine Sanktionen für Ärzte enthalte, die sich ihr widersetzen, betonte Heinze. Ein Musterbeispiel fr eine rechtssichere Patientenverfügung konnten die Teilnehmer der Veranstaltung am Dienstagabend gleich mitnehmen.

Nicht immer endet eine Krankheit gleich mit dem Tod, manchmal werden Menschen auch über einen längeren Zeitraum zum Pflegefall. Dass das ganz schön ins Geld gehen kann, zeigte Franz-Josef Rademacher, Leiter des St. Johannes-Altenpflegeheimes in Balve, auf. Die stationäre Pflege koste derzeit schon in der Stufe 1 etwa 2500 Euro pro Monat; davon übernehme die gesetzliche Pflegeversicherung etwa 1000 Euro. Bei Stufe 2 werden schon 3000 Euro fällig, von denen die Pflegeversicherung knapp 1300 Euro übernimmt. In der höchsten Pflegestufe 3 müsse mit monatlichen Kosten von 3500 Euro gerechnet werden, von denen die Pflegeversicherung etwa 1500 Euro übernehme, erläuterte Rademacher. Und in den nächsten Jahren sei natürlich mit Kostensteigerungen zu rechnen.

Altenheim-Leiter Franz-Josef Rademacher berichtete aus der Praxis.

Die Versicherungsexperten Eberhard Stellbrink und Gerhard Jussen griffen diese Zahlen auf und betonten, dass die 1995 eingeführte staatliche Pflegeversicherung nie als Vollversicherung verstanden worden sei. Mit anderen Worten: Sie leistet zwar einen Beitrag zur Deckung der Pflegekosten, der zu pflegende Patienten bleibt aber auch selbst in der finanziellen Verantwortung, muss also Pflegekosten auch aus seinem Vermögen bestreiten. Eventuell würden auch Angehörige zur Zahlung herangezogen – und zwar Kinder ebenso wie eventuell noch vorhandene Eltern. „Kinder haften in diesem Fall also für ihr Eltern – sogar bis zu 30 Jahre lang“, betont Gerhard Jussen.

Die Versicherungsexperten zeigten auch auf, welche finanziellen Belastungen auf die Betroffenen zukommen können. Bei einer durchschnittlichen Pflegedauer von sechs Jahren in der Stufe 3 könne sich schnell eine Versorgungslücke von rund 93 000 Euro ergeben. Ihr Fazit: Pflegebedürftigkeit ist ein existenzielles finanzielles Risiko, dem leicht auch das Eigenheim zum Opfer fallen könne. Wer sich für den Pflegefall nicht gut abgesichert hat, steht schnell vor dem sozialen Abgrund.

Doch wie groß ist überhaupt das Risiko, im Alter zu einem kostspieligen Pflegefall zu werden? Auch auf diese Frage erhielten die Zuhörer eine Antwort. Franz-Josef Rademacher sprach von einem Risiko von 1:40, Stellbrink und Jussen gingen sogar davon aus, dass durchschnittlich jeder Dritte über 80 Jahre zum Pflegefall werde. Bei Frauen über 80 bestehe sogar eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 40 Prozent. „Stellbrink: „Es ist also nicht die Frage, ob man zum Pflegefall wird, sondern wann!“

Die Versicherungsvertreter rieten den Zuhörern deshalb zum Abschluss einer privaten Pflegeversicherung oder Pflegerente, um das finanzielle Risiko abzusichern. Stellbrink bemühte einen Vergleich aus dem Straßenverkehr: „Sie können natürlich bei Dunkelheit ohne Licht fahren und hoffen, dass keine Kurve kommt oder kein Baum im Weg steht. Sie können aber auch mit Licht fahren.“

Hier können Sie folgende Formulare kostenlos herunterladen

Vorsorgevollmacht

Generalvollmacht

Patientenverfügung

Betreuungsverfügung

Erläuterungen

Der Abschluss einer Versicherung, die die in der Pflege bestehende finanzielle Versorgungslücke schließt, würde also bedeuten, zumindest mit eingeschaltetem Licht in die immer noch ungewisse Zukunft zu fahren. Eine solche Versicherung müsse aber auch gewissen Mindestanforderungen genügen, betonten Stellbrink und Jussen. So müsse sie in der teuersten Pflegestufe 3 auf jeden Fall 100 Prozent der entstehenden Kosten abdecken, in Stufe 2 sei eine Kostenabdeckung von mindestens 50 Prozent, in Stufe 1 von 25 Prozent ratsam. Ebenfalls von Vorteil sei eine Beitragsbefreiung, sobald der Pflegefall eintrete. Abschließen können man eine solche Versicherung zwischen dem 40. und dem 75. Lebensjahr. „Allerdings können auch Kinder als Versicherungsnehmer für ihre Eltern auftreten“, erklärte Eberhard Stellbrink.

Wegen der großen Nachfrage – die Veranstaltung war bereits nach wenigen Tagen ausgebucht – plant die Sparkasse für den Herbst eine Wiederholung des Informationsabends. „Auch dafür liegen uns schon wieder etwa 30 Anmeldungen vor“, sagte Sparkassen-Regionaldirektor Anton Lübke. Der genaue Termin müsse allerdings noch festgelegt werden.

Volker Griese

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