Olympia hautnah: Franziska Wülle als Volunteer bei den Winterspielen in Pyeongchang

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Erinnerungsfoto in den Olympischen Ringen: Franziska Wülle (rechts) mit zwei anderen deutschen Volunteers in und vor dem Wahrzeichen der Spiele von Pyeongchang.

Balve - „Meine dritten Spiele werden nach derzeitigem Stand wohl die letzten gewesen sein.“ Seit Donnerstag ist Franziska Wülle zurück aus Pyeongchang in ihrer Heimat Garbeck. Nach den Paralympics 2014 in Sotschi und den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro, war die 26-Jährige jetzt auch bei den Winterspielen in Südkorea.

Als eine von 33 Volunteers hat die 26-Jährige für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) im Deutschen Haus im Serviceteam gearbeitet, war unter anderem für die Akkreditierung und Sponsorenbetreuung zuständig. Dabei kam Wülle immer wieder hautnah mit den deutschen Sportstars in Kontakt, erlebte den Jubel und Emotionen der vielen Goldmedaillengewinner live mit, aber auch die Tränen der Enttäuschten. 

„Rückblickend muss ich sagen, dass es sogar noch deutlich besser war, als ich vorher gedacht hatte“, denkt die Garbeckerin gerne an ihre Zeit in Pyeongchang zurück. Der für sie emotionalste Moment sei das Paarlauf-Gold für Aljona Savchenko und Bruno Massot gewesen. „Aljona hat gar nicht mehr aufgehört zu weinen“, erinnert sich Wülle. Auch der Empfang der Skispringer, die Silber mit der Mannschaft gewannen, war für sie besonders. „Später kamen zur Party die siegreichen Norweger hinzu, die kein eigenes Haus hatten. Ab diesem Tag war unser Deutsches Haus dann häufig sehr international besucht“, erzählt Wülle. Sie stand an diesem Partyabend lange mit ARD-Skisprungexperte Dieter Thoma und Kommentator Tom Bartels zusammen. „Beide haben Anekdoten von vorherigen Spielen erzählt“, sagt die 26-Jährige. 

Beim Dreifachsieg der Kombinierer dabei

Neben der Arbeit im Deutschen Haus, zu dem nur Athleten und Funktionäre mit ihren Familien sowie Sponsoren und geladene Gäste Zugang hatten, blieb Wülle mit ihren Volunteer-Kollegen zudem immer wieder Zeit, die Wettkämpfe zu besuchen. „Ich war an der Bob- und Rodelbahn, habe unter anderem zwei deutsche Goldmedaillen im Biathlon sowie den Dreifachsieg in der Nordischen Kombination in den Stadien miterlebt, und die Medaillenzeremonie für die Teamstaffel der Rodler habe ich gesehen“, spricht Wülle auch hier von einem weiteren „Gänsehautmomenten“. 

An der Seite eines Olympiasiegers: Franziska Wülle (links) mit Kombinierer Johannes Rydzek.

Das erfolgreichste Abschneiden bei Winterspielen seit der Wiedervereinigung von „Team D“ habe natürlich die Stimmung im Deutschen Haus stark beeinflusst. „Weil wir kaum einen Tag ohne Medaillen hatten, war die Stimmung eigentlich durchgängig gut. Das war 2016 in Rio teilweise anders“, erinnert sich die Garbeckerin. 

"Pyeongchang ist mein Höhepunkt"

Deshalb und aufgrund ihrer persönlichen Begeisterung für den Wintersport waren für Wülle die Spiele in Südkorea ihre bislang schönsten. „In Rio hatten wir natürlich Sommer, ganz andere Temperaturen und das Deutsche Haus war ein Strandhaus, dennoch ist Pyeongchang mein Höhepunkt“, resümiert Wülle. 

Die 26-Jährige stellt den Südkoreanern auch ansonsten ein gutes Zeugnis aus: „Die heimischen Volunteers waren immer sehr freundlich und bemüht, haben für eine Willkommenskultur gesorgt. Die Organisation war deutlich besser als in Brasilien, was wahrscheinlich an der ganz anderen Mentalität der Asiaten liegt. In Rio hat es teilweise 30 Minuten gedauert, ein Busticket zu kaufen, weil einfach niemand Englisch verstanden hat.“ 

Achterzimmer mit kleinen Schlafkojen 

Untergebracht waren die DOSB-Volunteers im Alter von 19 bis 33 Jahren gemeinsam in einem Hostel in der Nähe des Deutschen Hauses. „Wir hatten Achterzimmer mit kleinen Schlafkojen. Auch das war typisch koreanisch. Dadurch hatte das Ganze auch etwas von Klassenfahrt und wir als Volunteer-Team sind extrem zusammengewachsen“, sagt Wülle. 

In der zweiten Woche hatte die Garbeckerin mit ihren Kollegen die Möglichkeit, sich Häuser anderer Nationen anzuschauen. „Wir waren unter anderem bei den Schweden, Italienern und Österreichern“, erinnert sie sich. Bemerkenswert fand Wülle vor allem den Besuch bei den Skandinaviern. „Vor dem Deutschen Haus gab es immer extreme Sicherheitskontrollen, während das Schwedische frei zugänglich war. Wir haben am Eingang einfach unsere Jacken aufgehängt, sind hineingegangen und standen plötzlich neben einem Goldmedaillengewinner – und ein paar Meter weiter saß der schwedische König“, erzählt sie. 

Dass Wülle ähnliche Erlebnisse in rund zweieinhalb Jahren noch einmal haben wird, wenn die Sommerspiele in Tokio stattfinden, schließt die 26-Jährige, die vor dem Abschluss ihres Studiums steht, praktisch aus: „Bislang hat das immer gut mit den Semesterferien gepasst, für die Volunteertätigkeit aber 20 Tage Urlaub nehmen zu müssen, kann ich mir nicht vorstellen.“

Franziska Wülle macht derzeit ihren Master in Journalistik an der Universität in Leipzig. Auch dabei spielt Olympia in Pyeongchang eine wichtige Rolle, denn die 26-Jährige beginnt jetzt ihre Masterarbeit, in der es um einen Vergleich der Dopingberichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender ARD/ZDF und Privatsender Eurosport aus Pyeongchang geht. Alle drei Sender übertrugen die Spiele live. „Aus studentischer Sicht habe ich mich deshalb über jeden Dopingfall bei diesen Spielen gefreut“, erzählt die 26-Jährige lachend. Nachdem Wülle die Zusage des Deutschen Olympischen Sportbundes für einen Volunteer-Platz in Pyeongchang im vergangenen Sommer gemeinsam mit ihrer Leipziger WG-Mitbewohnerin erhalten hatte, kam der Garbeckerin die Idee für ihre Masterarbeit erst deutlich später. „Ursprünglich hatten ARD und ZDF ja keine Übertragungsrechte. Nachdem dies geklärt war, kam mir der Gedanke, mich mit den Spielen auch im Rahmen meines Studiums zu beschäftigen“, sagt Wülle.

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