Neustart für Jugendliche im alten Amtsrichterhaus

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Sonderpädagogin Anne Kösters lebt mit ihren Hunden Luna und Tara und den Jugendlichen im Haus am Baumberg. Die Tiere seien bewährte Mitarbeiter, die die Jugendlichen Verantwortung lehren.

Balve - Nach dreijähriger Renovierung des alten Amtsrichterhauses am Baumberg 12, öffnete der neue Eigentümer, die Evangelische Jugendhilfe aus Würzburg, am Samstag seine Türen für alle Nachbarn.

„Wir beantworten alle Fragen rund um die Bewohner“, so Diplom-Sozialpädage Arnold Gladisch, Fachaufsicht. Und dies sind in diesem Fall vier Jungen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren aus dem Raum Unterfranken und Frankfurt am Main, deren Auffälligkeiten professionell begleitet werden. Daniel, 17 Jahre, ist einer von ihnen. Der junge Mann hat sein Zimmer im August bezogen, besucht das Berufskolleg Menden im Bereich Sozialwesen und bringt gute Noten mit nach Hause.

„Darauf bin ich stolz“, gibt er zu. Erzieherin Christiane Wietbüscher betont: „Das kannst Du auch – dein Zeugnis kann sich sehen lassen.“

Doch bis dahin lag ein langer Weg hinter Daniel. Er fasst diesen so zusammen: „Ich war auf verschiedenen Realschulen und Hauptschulen, habe viele Ortswechsel inter mir.“

Der gravierendste Einschnitt war ein sechsmonatiger Aufenthalt in Finnland. Die Evangelische Jugendhilfe aus Würzburg schafft dort auf Bauernhöfen Rahmenbedingungen dafür, dass die Jugendlichen sich wieder sozial integrieren, vertrauen fassen und sich aufeinander einlassen können. Zwei bis vier leben dort mit ihren Erziehern zusammen.

Christiane Wietbüscher, gebürtige Beckumerin, hat Daniel begleitet. „Es ist viel gewesen“, sagt sie zu dem, was hinter ihm und den anderen Jungs liegt. Um ihnen Perspektiven für die Zukunft zu ermöglichen, galt: „Raus aus dieser Gesellschaft und rein in das Leben auf dem Bauernhof.“ Dort ist eine Wohngemeinschaft auf sich alleine gestellt, denn, so Arnold Gladisch: „Der nächste Hof ist einen Tagesmarsch entfernt.“

Und wenn sich nicht alle an die Regeln halten, wird es nicht warm im Haus oder es gibt keine warme Mahlzeit. Dazu sagte Daniel: „Ohne Holz hacken funktionierte nichts.“

Weit weg von den alten sozialen Verbindungen, lernen die Jugendlichen, ihre Impulse unter Kontrolle zu bekommen. „Und erst, wenn sie wieder geerdet sind, kommen sie zurück “, berichtete Christiane Wietbüscher, die auch schon einmal elf Monate am Stück dort verbracht hat. „Dieser Prozess kann länger dauern.“

Sie betont: „Jeder bringt seine eigene Geschichte mit – dabei wollen wir die Individualität erhalten, aber das ändern, was den jungen Menschen in Schwierigkeiten bringt. Er soll klar kommen mit sich und seiner Zukunft.“

In Balve wohnen vier Jugendliche, die diese Erfahrung gemacht haben. Zwei gehen auf das Berufskolleg, einer arbeitet und einer wird individuell geschult. „Ich möchte Erzieher werden“, hat sich Daniel zum Ziel gesetzt. Ob ihm dieser Beruf auch Spaß macht, das probiert er zurzeit bei einem Praktikum im St. Blasius-Kindergarten aus.

Dass die Würzburger Jugendhilfe in der Hönnestadt Fuß fasst, hat Christiane Wietbüscher ermöglicht. Sie kann in ihre Heimat zurück kehren, nachdem sie viele Jahre in Wohngruppen in Bayern und den erlebnispädagogischen Projekten in Finnland gearbeitet hat. Mit Sonderpädagogin Anne Kösters leitet sie die Balver Wohngruppe, die von den Bewohnern den Namen „Die Mammuts“ bekam. „Das lag nahe“, so Arnold Gladisch. „Balves Wappentier hat sofort Zustimmung gefunden.“ Gemalt wurde dies von Elena Renninger, Psychotherapeutin und für den Träger aus Würzburg vor Ort.

Die Erzieher leben mit den Jungen unter einem Dach. Ergänzt wird das Team von zwei Hunden, Luna, einem Schäferhund-Mischling, und Tara, einem Boxer. Beide Hunde gehören Anne Kösters, und haben die Bewohner schon vorher mit begleitet. Arnold Gladisch: „Das sind ganz bewährte Mitarbeiter.“ Jeder Junge werde von ihnen freudig begrüßt. „Sie fühlen sich wohl mit ihnen, und bringen ihnen ihrerseits auch Verantwortung entgegen.“

Nach und nach gewöhnen sich die neuen Bewohner an Balve. Sie sollen sich auch in den Vereinen integrieren. Dabei werden sie von dem Team am Baumberg 12 angeleitet, und dies nach dem diakonischen Grundsatz: „Keiner soll verloren gehen.“

Den kirchlichen Segen spendet Pfarrerin Antje Kastens der Einrichtung während der Eröffnungsfeier am Montag, 5. März, um 10 Uhr.

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