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Neun Tage auf der Flucht aus der Ukraine: Balver helfen Yuliia

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Von: Julius Kolossa

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Andrea Prior aus Garbeck und Yuliia Khalilova aus Charkiw kochen miteinander, zwischen den beiden Frauen hat sich schon ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Die Nachbarschaft aus dem Natfeld hat der aus der Ukraine geflüchteten Familie einen guten Start ermöglicht.
Andrea Prior aus Garbeck und Yuliia Khalilova aus Charkiw kochen miteinander, zwischen den beiden Frauen hat sich schon ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Die Nachbarschaft aus dem Natfeld hat der aus der Ukraine geflüchteten Familie einen guten Start ermöglicht. © Kolossa, Julius

In Garbeck kümmert sich eine Straßengemeinschaft um eine geflüchtete Ukrainerin mit drei Kindern. Tagelang waren die auf der Flucht gewesen. So geht es ihnen jetzt.

Garbeck – In Garbeck eingetroffen sind Yuliia Khalilova und ihre drei minderjährigen Kinder bereits Mitte März, doch innerlich so richtig angekommen ist diese Familie noch lange nicht. Zu frisch sind nach wie vor die Erinnerungen an ihre Heimatstadt Charkiw in der Ukraine, aus der die vier vor dem Krieg fliehen mussten. „Morgens rufe ich zuerst meinen Mann, meine Eltern und meinen Bruder an, und frage, wie es ihnen geht.“ Yuliia Khalilova denkt immer wieder an ihre Familie zurück, die sie notgedrungen zurücklassen musste.

Neun Tage waren Mutter und ihre drei Kinder auf der Flucht, zunächst mit einem Auto bis zur polnischen Grenze, danach mit dem Zug bis Dortmund. Von dort setzte die in Balve lebende Maryna Bereza ihr Netzwerk in Bewegung, um die vier Geflohenen in die Hönnestadt zu holen. Bereza, selbst aus der Ukraine geflohen, fuhr auch mit beim von den Balver Schützen organisierten Hilfstransport zur polnisch-ukrainischen Grenze. Sie sorgte dabei als Übersetzerin dafür, dass ukrainische Familien Vertrauen fassten, um mit nach Balve zu fahren und dort untergebracht zu werden (wir berichtetet).

Alle Geflüchteten sind bereits in eigenen Wohnungen untergekommen, so auch die Familie von Yuliia Khalilova. Hierfür setzten sich von Anfang an die Bewohnerinnen und Bewohner der Straße Im Natfeld in Garbeck ein. Deren Sprecherin Andrea Prior sagt: „Wir haben eine eigene Gruppe, in der wir uns untereinander austauschen, wenn Hilfe benötigt wird. Als sich dann Natalya Bereza meldete, war es genau so: Alle Natfelder halfen mit, um dieser Familie eine Unterkunft zu schaffen.“

Im Haus von Andrea Prior kam die junge ukrainische Familie zunächst unter: „Unsere Straße hat innerhalb von zwei Stunden eine Wohnung eingerichtet.“ Möbel wurden gespendet, aber auch Küchengegenstände, und für die Kinder Skateboard und Fahrräder. Hilfe kam auch vom Garbecker Markt. „Dafür ganz herzlichen Dank“, so Andrea Prior. Stolz ist sie, dass gemeinschaftlich so viel erreicht wurde.

Inzwischen hat Familie Khalilova eine eigene Wohnung bezogen, doch der Kontakt zu den Priors bleibt bestehen. In der Küche von Yuliia Khalilova werden Wirsing gekocht und Frikadellen gebraten. Khalilovas Gedanken aber sind woanders, das ist spürbar. In der auf Englisch geführten Unterhaltung berichtet sie über die schlechte Situation in Charkiw, über die dortigen Kämpfe und die Angst.

Dass sie und ihre Kinder in Garbeck in Sicherheit sind, dafür ist sie dankbar. Doch die Heimat kann all dies nicht ersetzen. Ein wenig abgelenkt wird sie selbst durch den täglichen Deutschunterricht in den Räumen der Hauptschule und die Kinder durch den Besuch der Realschule. In den Ferien stehen ihnen allen die Freunde aus dem Natfeld zur Seite.

„Wir sind zufrieden“, sagt Yuliia leise. Doch glücklich ist sie dabei nicht. Um ihnen ein Stück Normalität näher zu bringen, dafür ist Andrea Prior da. Sie ist die Ansprechpartnerin vor Ort und berichtet: „Zwischen uns hat sich eine intensive Freundschaft entwickelt.“ Yuliia, die bereits ein wenig Deutsch versteht, aber noch nicht spricht, lächelt dankbar. Prior weiter: „Wir geben diese Familie auch nicht wieder ab!“ Über dieses große Lob freut sich der Gast aus der Ukraine. Und dann ist da doch ganz schnell wieder diese Nachdenklichkeit in ihren Augen. Ostern, das Fest der Auferstehung, wird fern der Heimat gefeiert. In der Ukraine wird gekämpft – und in Garbeck ist Frieden. All dies muss verarbeitet werden und braucht Zeit. „Vielen Dank für Ihre guten Wünsche für uns“, sagte Yuliia beim Abschied. „Hoffentlich gehen sie in Erfüllung.“

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