Kritik an der Stadt Balve

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Rolf Biggemann (l.), der Vorsitzende des Balver Fachhandels, kritisiert die Verwaltung.

BALVE -  Der Balver Fachhandel kritisiert das Vorgehen der Stadt Balve in Bezug auf das Dorfentwicklungskonzept. Der Vorsitzende des Vereins, Rolf Biggemann, hat laut Mitteilung ein entsprechendes Schreiben mit der Bitte um Stellungnahme an die Verwaltung übergeben.

Von Carla Witt

Biggemann fragt die Verwaltung, warum das Balver Stadtmarketing nicht in der Lage ist, die Analyse der „Ist-Situation“ in der Stadt Balve vorzunehmen. Wie berichtet, hat die Stadt Balve das Unternehmen Pesch und Partner damit beauftragt. Biggemann schreibt: „Die Stadt Balve scheint von solchen unternehmerischen Bremsen, wie Wirtschaftlichkeit weniger gebeutelt zu sein, tritt gegenüber Pesch und Partner als Auftraggeber auf und lässt nun in ihrem Auftrag die Bürger befragen.“

Dabei seien die Balver schon einmal über Stärken und Schwächen ihrer Stadt befragt worden. Biggemann erinnert in diesem Zusammenhang an die Aktionen der Teulings Marketing GmbH. Diese hatte in den Jahren 2001/2002 ein Konzept erstellt, das unter Einbeziehung der Bürger die Gründung einer Stadtmarketinggesellschaft vorsah. „Die Ergebnisse wurden gemeinsam mit den zu treffenden Maßnahmen über 20 Seiten hinweg in Teulings Konzept aufgelistet und sind noch heute nachlesbar“, schreibt Biggemann. Einige Maßnahmen seien realisiert worden – viele aber nicht.

Viele Themen hätten die Balver vor zwölf Jahren genauso beschäftigt wie heute. Daraus folgert der Vorsitzende des Balver Fachhandels: „Die Themen wurden also offenbar in der Zwischenzeit nicht ausreichend angepackt.“ Es sei Aufgabe des Stadtmarketings gewesen, die erarbeiteten Maßnahmen auf Realisierbarkeit zu überprüfen und umzusetzen. Weiter heißt es in dem Schreiben an die Verwaltung: „Den sicherlich richtigen Anfangsüberlegungen folge schlichtweg kein beherztes Handeln, vermutlich mangels Mitteln, was wiederum die Wirksamkeit solcher Bürgerbefragungen grundsätzlich in Frage stellt.“ Zudem erinnert er daran, dass solche Analysen letztlich vom Steuerzahler finanziert werden müssten.

Der Balver Fachhandel hat abschließend Fragen formuliert, die sich unter anderem auf die Beauftragung der Agentur Pesch und Partner und den Teulings-Maßnahmenkatalog beziehen.

Hier finden unsere Leser das komplette Schreiben des Balver Fachhandels.

„Das hatten wir doch schonmal...

Im Rahmen des „Dorfentwicklungskonzepts 2030“ hat die Stadt Balve die Städteplaner der Agentur „Pesch und Partner“ beauftragt ein Konzept für die Zukunft Balves zu erstellen.

Dies soll unter starkem Einbezug der Bürger geschehen.

In diesem Zusammenhang weist die Stadt Balve gerne auf die Erfolgsgeschichte der Stadtmarketing Balve GmbH & Co. KG hin, die aus einem ähnlichen Prozess heraus entstanden ist. Ein Grund sich die Geschichte des Stadtmarketings etwas genauer anzuschauen.

2001/2002 wurde die Firma Teulings Marketing GmbH beauftragt ein Konzept zu erstellen, um Lösungen für künftige Probleme der Städte und Gemeinden, wie: „Globalisierung, und Diversifizierung der Wirtschaft, wachsende Standortkonkurrenz“ etc. zu finden. Balve sollte für die wolkige Zukunft wetterfest gemacht werden. Teuling erstellte ein Konzept, das unter Einbeziehung der Bürger vorsah, eine Stadtmarketingsgesellschaft zu gründen.

Alle Zitate in diesem Aufsatz stammen aus diesem Konzept.

Die Vorteile lagen auf der Hand: Als Kommanditgesellschaft gegründet kann das Stadtmarketing „anders als ein Amt, eine Behörde oder ein Verein, mit der Absicht einer Gewinnerzielung“ arbeiten. „Kostenbewusstsein und kaufmännisches Denken, Ertragsbewusstsein und Gewinnorientierung sind immanente Prinzipien der KG“.

Tugenden, die man wohl eher einem privatwirtschaftlichen Unternehmen zutraute, denn der Stadtverwaltung - was sich durchaus als richtig erwies, wie man gleich noch sehen wird.

Ziel war es, „drei ständige Arbeitskreise“ zu etablieren, die sich den Themen:

a) Innenstadt und Handel

b) Tourismus, Ortsteile und Öffentlichkeitsarbeit

c) Wirtschaft, Wirtschaftsförderung und Arbeit

widmen.

Tragen sollte sich die Gesellschaft nach einer 5 jährigen Anschubsfinanzierung selbst.

1/3 der Anschubsfinanzierung sollte die Stadt finanzieren, 1/3 die Fachhändler und 1/3 Privatleute.

Die Kosten, so prognostiziert, sollten von Jahr zu Jahr geringer werden.

Erklärtes Ziel war es seinerzeit dem Haushalt der Stadt Balve eine Kostenersparnis zu bescheren, bedingt durch die zu erwartende Entlastung von Aufgaben u. a. durch die Arbeitskreise.

Teuling gibt der neuen Gesellschaft auch das Rüstzeug an die Hand künftig eigenständig arbeiten zu können:

So empfiehlt er „öffentliche Forumsveranstaltungen“ zu organisieren um so den Bürgerwillen zu erfahren. Folgt man seinem Konzept ist die Voraussetzung eines guten Stadtmarketings stets die „Bestandsanalyse der IST-Situation“.

Eine solche Analyse der „IST“-Situation, wird aktuell von der Firma „Pesch und Partner“ im Rahmen des Dorfentwicklungskonzepts ausgeführt.

Wieso aber nicht vom Balver Stadtmarketing?Ist die Stadtmarketingsgesellschaft nicht in der Lage eine solche Aufgabe zu schultern?

Dann wäre sie doch logischerweise in der Pflicht auf eigene Kosten ein solches Konzept in Auftrag zu geben, handelt sie doch als privatwirtschaftliche Gesellschaft.

Die Stadt Balve scheint von solchen unternehmerischen Bremsen, wie Wirtschaftlichkeit weniger gebeutelt zu sein, tritt gegenüber Pesch und Partner als Auftraggeber auf und lässt nun in ihrem Auftrag die Bürger befragen.

Im Zuge des damaligen Projektes von 2001 wurden aber bereits solche Bürgerforen organisiert. Es erfolgte eine Analyse der Stärken/Schwächen, Chancen/Risiken, Wettbewerbsvor-, und Nachteile.

Die Ergebnisse wurden gemeinsam mit den zu treffenden Maßnahmen über 20 Seiten hinweg in Teulings Konzept aufgelistet und sind noch heute nachlesbar. Einige Maßnahmen wurden realisiert. Viele nicht. Vor Allem aber: Viele Themen wie ÖPNV, Radwegausbau etc. bewegten die Leute vor 12 Jahren offensichtlich genauso wie heute.

Die Themen wurden also offenbar in der Zwischenzeit nicht ausreichend angepackt.

Teuling gibt den Lesern seines Konzepts aber durchaus Maßnahmen an die Hand, wie nach der Bestandsaufnahme weiter zu verfahren sei. Er beschreibt in Schaubildern die „Marketing Management Methode“, sowie „Phasen des Marketing Managements bzw. Entscheidungsprozesses“.

Es wäre also Aufgabe des Stadtmarketings gewesen, die erarbeiteten Maßnahmen auf Realisierbarkeit zu überprüfen und umzusetzen.

Den sicherlich richtigen Anfangsüberlegungen folgte schlichtweg kein beherztes Handeln, vermutlich mangels Mitteln, was wiederum die Wirksamkeit solcher Bürgerbefragungen grundsätzlich in Frage stellt.

Nach Teuling „muss Stadtmarketing genauso professionell geplant und durchgeführt werden, wie unternehmensbezogenes Marketing“. Die Stadtmarketing GmbH & Co. KG versteht sich also als Agentur. Wieso benötigt die Stadt dann die Unterstützung einer weiteren, externen Agentur?

Und vor allem: Was kosten derlei Maßnahmen den Steuerzahler?

Ein Überblick:

Das Teuling Konzept wurde von der Stadt finanziert. Zu den damaligen Kosten läuft grad eine Anfrage bei der Stadt Balve.

Die Anschubsfinanzierung des Stadtmarketings sollte die Stadt Balve laut Konzept 42.666,- EUR kosten.

In der Zwischenzeit wurde im Jahr 2006 ein weiteres Gutachten durch die Stadt bei der Firma GMA Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung in Auftrag gegeben, was die Einzelhandelssituation zum Thema hatte. Auch hier entstanden Kosten. Auch hier liegt der Stadt Balve eine Anfrage bzgl. der Kosten vor.

Wieder wurde eine Stärken/Schwächen Analyse angefertigt, es gab wieder eine Bürgerbefragung, ein Maßnahmenkatalog 2015 wurde erstellt.

Eigentlich hätte zu diesem Zeitpunkt bereits das Stadtmarketing in der Lage gewesen sein müssen, eine solche Maßnahme eigenständig durchzuführen, bzw. in Auftrag zu geben. Da Kostenbewusstsein aber - wie eingangs gehört - zu den immanenten Prinzipien der Gesellschaft gehört, wurde hier wieder die Stadt und somit die Allgemeinheit in die Pflicht genommen.

Dieses Gutachten ist laut aktueller Aussage der Stadt Balve Grundlage für die Arbeiten der Agentur Pesch und Partner im Jahr 2013.

Die Kosten für das Projekt: „Dorfentwicklungskonzept 2013“ belaufen sich laut Aussage von Ratsmitglied Heinrich Stüeken (UWG) auf 50.000 EUR, wovon 20.000 EUR das Land trägt, 30.000 EUR über einen Kredit von der Stadt Balve finanziert werden.

Aus diesen Zusammenhängen ergeben sich einige Fragen:

Frage 1: Wieso beauftragt die Stadt Balve eine externe Agentur mit Aufgaben, die eigentlich vom Stadtmarketing Balve zu erfüllen wären?

Nicht nur, dass der Stadt so Geld erspart würde, die Existenzgrundlage des Stadtmarketings wäre so für alle Beteiligten, Anteilseigner, wie Bürger klarer ersichtlich.

Außerdem wurde die Stadtmarketing Gesellschaft mit dem klaren Ziel gegründet derlei Projekte eigenständig durchzuführen, um so den Haushalt der Stadt zu entlasten.

Frage 2: Wieso können teure Maßnahmenkataloge mit geringer Aussicht auf Umsetzung in Auftrag gegeben werden, während örtlich engagierte Vereine, bei konkreten Projekten, die zur Attraktivität der Stadt Balve beitragen, finanziell kaum Unterstützung finden?(s. Weihnachtsbeleuchtung, Höhlenvorhang...)

Bsp. Fachhandel: Der Balver Fachhandel finanziert über seine Mitgliedsbeiträge zwei Großveranstaltungen in Balve (Auto und mehr u. Weihnachtsmarkt). Über eine Umlage bezahlen die Mitglieder die Weihnachtsbeleuchtung, viele sind Mitfinanzierer des Balver Stadtmarketings und unterstützen über Sponsoring andere Veranstaltungen wie das Stadtfest, die Keglermeisterschaft etc. und zahlen nebenbei noch Gewerbesteuer.

Die Stadt zahlt zwar den Strom für die Weihnachtsbeleuchtung und stellt die Mitarbeiter des Bauhofs zur Verfügung, die Arbeitsstunden, die bei der Stadt für Aufhängung, Absperrungen etc. anfallen werden dem Fachhandel aber in Rechnung gestellt. An einer Erneuerung der Weihnachtsbeleuchtung, die durch neue LED Technik eine Verringerung der Stromkosten zur Folge hätte, beteiligt sich die Stadt ebenfalls nicht, obwohl sie mittelfristig zu einer Schonung des Haushalts führen würde.

Frage3: Wieso werden Bürgerforen organisiert, die zum Ziel haben Maßnahmen bzgl. der Stadtentwicklung zu organisieren, wenn noch ein auf gleiche Art und Weise angefertigter Maßnahmenkatalog von 20 DinA4 Seiten weitestgehend unbearbeitet vorhanden ist?

Erstens entstehen auf diese Art und Weise unnötige Kosten durch die Agentur. Die Zeit aller Beteiligten wird unnütz in Anspruch genommen. Die Akzeptanz seitens der Bürger für solche, grundsätzlich sicherlich sinnvolle Maßnahmen schrumpft. Sie werden so als nutzlos empfunden.

Man hätte den vorhandenen Maßnahmenkatalog nochmal auf Realisierbarkeit prüfen können, oder aber eingestehen müssen, dass eine so freie Maßnahmenfindung häufig an der Realität leerer Stadtkassen scheitert.

In Teilen unterscheiden sich der neue und der alte Maßnahmenkatalog sicherlich, die Rückschau, lässt allerdings befürchten, dass sie sich bald eine Gemeinsamkeit teilen: Sie bleiben Papiertiger, die nicht den Weg in die Realisierung finden.

Vielleicht sollte die Stadt ihrer eigenen Empfehlung folgen und in einer Arbeitsgruppe aus Politik, Wirtschaft, Tourismus, Gastronomie und Bevölkerung die vorhandenen Gutachten analysieren und auf diese Weise realisierbare Maßnahmen entwickeln, die zur Verbesserung der städtischen Situation führen.

Diese Arbeitsgruppe sollte auf den Namen „Stadtmarketing“ getauft werden. Aber das hatten wir doch schon mal...“

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