Das Klavier im Zentrum

Gemütlich, ja fast schon familiär war die Atmosphäre im neugestalteten Bistro des Gesundheitscampus – ein schöner neuer Veranstaltungsort in Balve. - Foto: Krumm

BALVE - Noch war Platz an den Tischen bei der ersten „Kunst im Campus“-Veranstaltung im Bistro des neuen Gesundheitszentrums im ehemaligen St-Marien-Hospital. Doch das könnte sich durch Mundpropaganda und andere geeignete Maßnahmen bald ändern. Denn der Auftakt mit dem Bad Sassendorfer Pfarrer Christian Casdorff kam sehr gut an.

Was ist die Schnittmenge zwischen Erzählungen des armenisch-amerikanischen Schriftstellers William Saroyan und dem Ragtime-Komponisten Scott Joplin? Natürlich die gemeinsame Heimat Amerika und – bei entsprechender Auswahl – das Klavier. Gleich drei Erzählungen, die sich um das Tasteninstrument herum entwickelten, hatte Christian Casdorff mitgebracht. Ihr Autor William Saroyan, der 1908 in Kalifornien als Sohn armenischer Einwanderer geboren wurde, hatte offensichtlich etwas übrig für das Instrument. Schlicht „Ein Klavier“ heißt seine Erzählung von Emma und Ben, „der nicht Klavier spielen konnte“. Das allerdings sehr gut. Und so träumte er davon, eines Tages genügend Geld zu haben, um ein gebrauchtes Instrument zu kaufen. Emma war sich gewiss, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen würde: „Eines Tages – das wusste sie – würde er ein Klavier bekommen.“ Und dann fügte Saroyan noch einen wunderbaren Nachsatz an: „...und alles andere auch“. Eine Geschichte, die eine Antwort auf die Frage anbot, die Christian Casdorff so formulierte: „Wo sitzt das Glück, wenn du nicht reich bist?“

Eine Verheißung auf die Zukunft enthielt auch ein Kapitel aus Saroyans bekanntestem Werk: „Menschliche Komödie“: ein kleiner Junge, der noch nicht lesen kann, aber schon die Gewissheit spürt: „Ich werde lesen können.“ Doch es ging in dieser Erzählung auch robust zu: „Wenn ich zuschlage, fallen Sie vermutlich tot um. Und ich möchte nicht, dass jemand in meinem Lokal stirbt“, warnt ein ehemaliger Boxer, der inzwischen eine Kneipe aufgemacht hat.

Einem Erzählband mit dem Titel „Die ganze Welt und der Himmel selbst“ entstammte die zuletzt gelesene Liebesgeschichte: „Besuch im Klavierlager“ mit einem Schluss, der wohl eindeutig als Happyend gedeutet werden muss: „Ich konnte nicht aufhören, sie zu küssen.“

„William Saroyan war ein unglaublich beliebter Autor in den USA und in Nachkriegsdeutschland“, warb Christian Casdorff für eine Wiederentdeckung des schnauzbärtigen Schriftstellers. Wer Saroyan lesen will, wird allerdings auf dem regulären Buchmarkt kaum mehr fündig. Durch seine weite Verbreitung in der nachkriegszeit, sind seine Bücher allerdings in großer und preiswerter Fülle auf dem Markt für antiquarische Bücher zu haben.

Abgerundet wurden die Geschichten durch Klavierstücke von Scott Joplin, dessen Spielanweisung „langsam“ bis „sehr langsam“ Christian Casdorff sehr ernst nahm.

Die Aufforderung einer Besucherin im neugestalteten war eindeutig und gut begründet: „Sie müssen wiederkommen. Man könnte Ihnen stundenlang zuhören.“

Von Thomas Krumm

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