In Schweden geschrieben

"Der Klang der Schwalbe": Baumeister-Roman erzählt traurige Geschichte

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Autorin Uta Baumeister schrieb ihren Roman „Der Klang der Schwalbe“ in Schweden. Die Fortsetzung soll Anfang nächsten Jahres erscheinen.

Balve – Zum Jahreswechsel 2019/20 zog Uta Baumeister von Volkringhausen in ihr neues Zuhause nach Småland in Schweden. Die seitdem geplanten Familienbesuche stießen immer wieder auf Schwierigkeiten: „Ich bin direkt in die Corona-Krise gerannt“, erzählt sie im Gespräch mit der Redaktion.

Mehrere Reisen in die Heimat und Besuche der Familie bei ihr in Schweden fielen aus. Doch das neue Buchprojekt, für das sich die Autorin in ihr Refugium zurückziehen wollte, passte bestens zur neuen Weltlage: „Ich hätte sowieso in meinem stillen Türmchen gesessen.“ 

Und Schweden war ein Land, das sich einen eher lockeren Umgang mit den neuen sozialen Anforderungen leisten konnte. Seine Bürger seien sehr diszipliniert, hätten Abstand gehalten und keine Maskenpflicht gebraucht. „Ich habe mich sicher gefühlt“, sagt Baumeister. So blieb viel Zeit für literarische Arbeit in dem „Türmchen“ zwischen Wäldern und Seen. „Ich habe zum Schreiben noch nie eine so intensive Zeit gehabt.“ 

Tiefer Blick in die Stollen des Kalkgebirges

Nach ihrer deutsch-schwedischen Familiengeschichte „So weit der Himmel dich trägt“, ging der Blick für den Roman „Der Klang der Schwalbe“ in die alte Heimat und tief hinein in die Stollen des Kalkgebirges im Hönnetal: Rüstungsminister Albert Speer beaufsichtigte ab 1944 ein Projekt unter dem Decknamen „Schwalbe 1“. Die Organisation übernahm ein Reichskommissar namens Edmund Geilenberg. Nach der Zerstörung der Raffinerien im Ruhrgebiet sollte im Hönnetal ab 1944 Treibstoff aus Kohle für die weitere Kriegsführung hergestellt werden. Für die Arbeit in der unterirdischen Hochdruckhydrieranlage, die sich auf dem Gelände des Kalkwerks in Oberrödinghausen befand, brauchten die Planer mehr als 5000 Zwangsarbeiter, die in Konzentrationslagern in Menden und Balve wohnten. Bevor die Arbeit in den Stollen begann, mussten Bergleute aus dem Ruhrgebiet und dem Saarland 20 Stollen in den Berg sprengen. 

Der Umgang mit diesem menschenverachtenden Projekt war auch nach dem Krieg offenbar von einer diffusen Angst und dem Unwillen geprägt, über das geschehene Unrecht zu sprechen: Als Helmut Hoffmann, der damalige Leiter des Mendener Heimatmuseums, am 17. November 1985 in Lendringsen einen aufklärenden Vortrag über das Projekt hielt, wurde er derart „angefeindet, dass er keinen Vortrag mehr über das Nazi-Projekt halten wollte“. Der Lendringser Heimatforscher Elmar Dederich brach im Jahr 2000 erneut das Schweigen und hielt weitere Vorträge. Seine Recherchen wurden zur Grundlage von Uta Baumeisters Romanprojekt. Ebenfalls wurde die Autorin von dem ehrenamtlichen Archäologen Horst Klötzer unterstützt, der seine Forschungen gemeinsam mit dem mittlerweile verstorbenen Horst Hassel in dem Buch „Kein Düsenjägersprit aus ‚Schwalbe 1‘“ festhielt. 

Kontakt zur Familie eines niederländischen Zwangsarbeiters

Elmar Dederich vermittelte den Kontakt zur Familie des niederländischen Zwangsarbeiters Ruurd van der Leij. Sein Sohn Jan unterstützte die Autorin mit Bildern und den Aufzeichnungen seines mit 43 Jahren früh verstorbenen Vaters. Dieser hatte im Oktober 1945 seine Erinnerungen aus der Zeit der Zwangsarbeit aufgeschrieben. Im Juli 1944 wurde er aus dem niederländischen Friesland ins Hönnetal verschleppt, wo er im Winter 1944/45 bei Eiseskälte die sehr gefährliche Arbeit tun musste. „Viele wurden ermordet oder sind in den Stollen umgekommen“, weiß Baumeister. Die Leichen wurden auf den Friedhöfen Lendringsen und Beckum beerdigt, manche auf einer Halde im Steinbruch entsorgt. Ruurd van der Leij hatte noch das Glück zurückzukehren. Doch seine Familie hatte guten Grund zu vermuten, dass sein früher Tod nach einem Herzinfarkt eine späte Folge der erlittenen Zwangsarbeit und der traumatisierenden Kriegserfahrungen war. 

Das Motto für Uta Baumeisters Romanprojekt lieferte die Philosophin Hannah Arendt: „Sofern es überhaupt ein Bewältigen der Vergangenheit gibt, besteht es im Nacherzählen dessen, was sich ereignet hat.“ Bei diesem Nacherzählen orientierte sich Uta Baumeister streng an dem, was Ruurd van der Leij in seinem Tagebuch überliefert hatte. Der erste Teil des Romans „Der Klang der Schwalbe“ beginnt mit einer noch ungestörten Idylle in Nijeberkoop im Osten der Niederlande: Der 18-jährige Ruurd und seine Verlobte Anne liegen auf dem duftenden Heu und schauen durch eine Lücke des Scheunendachs zum Himmel hinauf. Kurz darauf verhaften die Schergen des NS-Regimes den jungen Mann, weil er sich vor dem angeordneten Arbeitsdienst hatte drücken wollen, und verschleppen ihn kurz darauf nach Deutschland. 

Arbeit war sehr emotional

Die Arbeit an ihrem Roman sei sehr emotional gewesen, versichert Uta Baumeister. „Ich kannte das Hönnetal als einen Ort der Geborgenheit. Das Schicksal von Ruurd und die tragischen Berichte von Zeitzeugen haben meinen Blick kolossal verändert, und ich finde es wichtig, dass derartige Nazi-Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten.“

Der Roman: Uta Baumeister: Der Klang der Schwalbe, 280 Seiten, 11,99 Euro (ISBN: 9783751969048), E-Book 4,99 Euro. Die Fortsetzung „Der Ruf der Schwalbe“ soll Anfang 2021 erscheinen.

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