Dr. Gregor Schmitz im Interview

„Katastrophal“: Ärztlicher Leiter kritisiert Terminvergabe für Impfzentrum im MK

Das Impfzentrum des Märkischen Kreises in der Schützenhalle am Loh in Lüdenscheid.
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Das Impfzentrum des Märkischen Kreises in der Schützenhalle am Loh in Lüdenscheid.

„Die Terminvergabe ist katastrophal“, sagt Dr. Gregor Schmitz. Schmitz ist Hausarzt in Balve, aber auch ärztlicher Leiter des Impfzentrums. In dieser Funktion übt er heftige Kritik an dem beauftragten Serviceanbieter. Ansonsten zeigt er sich sehr zufrieden mit den Abläufen im Impfzentrum.

Im Interview mit Julius Kolossa spricht er über die Doppelfunktion als Hausarzt und Impfzentrum-Leiter, den Fortgang der Impfungen, den baldigen zweiten Standort in Iserlohn und bewertet die zur Verfügung stehenden Impfstoffe.

Herr Schmitz, wie kommen Sie mit der Doppelbelastung als Hausarzt und Leiter des Impfzentrums klar?
Zurzeit leider überhaupt nicht. Seit Anfang Februar war ich nicht mehr in der Praxis in Balve. Derzeit arbeite ich etwa 80 Stunden in der Woche für das Impfzentrum. Das war so nicht geplant, hat sich aber in den letzten Wochen so entwickelt. Meine Kolleginnen versuchen meine Arbeit in der Praxis so gut es geht aufzufangen
Wie beurteilen Sie die ersten Wochen im Impfzentrum?
Im Impfzentrum selber läuft der eigentliche Impfprozess sehr gut. Das Team ist sehr professionell und freundlich und die Impfkandidaten sind überwiegend froh, endlich geimpft zu werden.
Was sind Ihre Aufgaben?
Die eigentliche Aufgabe ist, das medizinische Team aus Ärzten und medizinischen Fachangestellten zu leiten. Mittlerweile besteht aber die Hauptaufgabe darin, zu telefonieren, E-Mails zu bearbeiten und stundenlang zusammen mit den Mitarbeitern des Märkischen Kreises die immer neuen Erlasse, Vorgaben und Ideen aus den Ministerien umzusetzen, die Impfstoffe zu disponieren und mobile Impfteams zu koordinieren. Ich helfe auch mit, Beschwerden von Personen zu bearbeiten, die zu Unrecht glauben, bevorrechtigt einen Impfanspruch zu haben.
Wie groß ist das Team?
Das Kernleitungsteam besteht aus vier Personen. Insgesamt sind bis zu 70 Personen aus verschiedenen Bereichen – vom Sicherheitsdienst bis zum Impfarzt – in zwei Schichten im Impfzentrum tätig.
Wie findet sich die Bundeswehr dabei ein?
Gar nicht.
Für den Nordkreis soll ab April das zweite Impfzentrum in Iserlohn-Dröschede kommen. Welche Reaktionen der Einwohner zur Terminvergabe und zur Anreise sind bislang bei Ihnen angekommen? Wie viele Termine sind bisher vergeben worden? Und wie viele Termine wurden nicht wahrgenommen?
Die Terminvergabe, die über die Hotline 116117 und die Homepage www.116117.de erfolgt, ist schlicht gesagt katastrophal. Dass die Auswahl dieses Serviceanbieters ein völliger Fehlgriff war, ist inzwischen wohl überall erkannt worden. Leider haben wir hier vor Ort keinen Einfluss darauf. Für die „Sondergruppen“, beispielsweise ambulante Pflegedienste, Lehrer und Kita-Beschäftige sowie Rettungsdienstler haben wir frühzeitig eine eigene Terminsoftware in Betrieb genommen. Diese Terminverwaltung läuft bislang fehlerfrei und hilft uns bei der Steuerung und Auslastung unserer sechs Impfstraßen. Hierdurch konnten wir im Impfzentrum in den ersten drei Wochen anstatt der ursprünglich geplanten 5 280 Impfungen 8 808 Impfungen durchführen. Bei den meisten Personen, die auch aus dem Nordkreis nach Lüdenscheid kommen, überwiegt die Freude geimpft zu werden über die Tatsache des längeren Anfahrtweges.
Dr. Gregor Schmitz ist Hausarzt in Balve und ärztlicher Leiter des MK-Impfzentrums.
Wie stehen Sie zu dem zweiten Impfzentrum in Iserlohn?
Die Entscheidung über das Impfzentrum in Iserlohn ist eine rein politische Entscheidung. Als ärztlicher Leiter bin ich bislang darin nicht eingebunden. Hierzu werden die Gespräche zwischen dem Kreis, dem Land und den Kassenärztlichen Vereinigungen geführt. Ich komme erst jetzt ins Spiel, wenn es um die Umsetzung geht.
Wie viele Impfungen beim ersten und zweiten Termin sind bisher vorgenommen worden?
Die exakten Zahlen für den Märkischen Kreis kann ich nicht beziffern, da in vielen Heimen, in denen unsere mobilen Teams geimpft haben, die geforderten Daten nicht korrekt weitergeleitet wurden. Ich kenne nur die Daten aus dem Impfzentrum. Von den 8 808 Impfungen in den ersten drei Wochen sind nur wenige Zweitimpfungen, da wir erst seit dem 1. März geplante Zweitimpfungen im Impfzentrum durchführen.
Wie bewerten Sie die Impfstoffe?
Wir haben drei sehr gute Impfstoffe im Einsatz.
Was ist Ihre Meinung zu AstraZeneca?
Der AstraZeneca-Impfstoff ist ein Impfstoff, der auf einem bekannten Wirkprinzip aufgebaut ist, ähnlich dem der Grippeimpfstoffe. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir uns bereits in einer Marketingschlacht befinden, in der sich die Firmen ihre Marktpositionen sichern wollen für die Zeit, in der wir mehr Impfstoff haben werden als nachgefragt wird.
Welchen Impfstoff würden Sie empfehlen?
So wie die Impfstoffe zugelassen sind. Für die Altersgruppe 16 bis 18 Jahre und ab 65 Jahre Biontech und Moderna, dazwischen AstraZeneca.
Würden Sie als Hausarzt auch gerne in Ihrer Praxis impfen?
Prinzipiell ja. Aber ich kann alle Kollegen nur davor warnen, schon mit den Impfungen zu beginnen, solange nicht genügend Impfstoff bereitsteht und es noch Priorisierungen gibt. Ich glaube nicht, dass sie ständig die Diskussionen in den Praxen führen wollen, wer jetzt geimpft werden darf und wer nicht, die wir hier täglich im Impfzentrum, am Telefon und in der Hotline führen müssen.
Welcher Impfstoff sollte es für die Hausarztpraxen sein?
Am einfachsten natürlich aktuell der AstraZeneca-Impfstoff. Für Biontech müssen wir Apotheker mit ins Boot holen. Den Moderna-Impfstoff haben wir jetzt erstmals hier im Kreis verimpft. Dazu fehlt uns noch die größere Erfahrung mit dem Umgang.
Wann werden Sie geimpft?
Als Impfzentrumsleiter bin ich bereits geimpft.
Was für Möglichkeiten müssen ausgeschöpft werden, um langfristig eine Herdenimmunität zu erreichen?
Impfen, impfen und nochmals impfen.
Welche Rolle spielen dabei die neuen Schnelltests und wie bewerten Sie diese?
Für die Herdenimmunität spielen die Tests keine Rolle. Testen ist sicher ein wichtiger Bestandteil, um die Pandemie einzudämmen. Wichtig ist aber, dass die Tests richtig angewandt werden und dass sie zuverlässig sind. Bei der richtigen Anwendung habe ich große Zweifel, zur Zuverlässigkeit kann ich noch nichts sagen.
Wie sehen Sie den Verlauf der Corona-Mutationen?
Dazu ist es noch zu früh etwas zu sagen. Hier befinden wir uns noch im Bereich der Spekulation.
Wie könnte man diese in den Griff bekommen?
Das hängt davon ab, ob die Impfstoffe auch gegen die Mutationen helfen und davon, mit welchen Mutationen wir in der nächsten Zeit noch rechnen müssen.
Wie sehen Sie den Verlauf der Pandemie Ende dieses Jahres?
Das Virus und seine Mutationen werden uns dauerhaft begleiten, so wie früher die Pocken oder die Polio. Beide Erkrankungen haben wir fast vollständig durch Impfungen eingedämmt. Durch die Geschwindigkeit der Impfstoffentwicklung haben wir beim SARS-CoV-2 Virus die Chance, die Covid-19-Pandemie schneller in den Griff zu bekommen. Wie schnell uns das gelingt, hängt von vielen Faktoren ab und gehört ebenfalls in den Bereich der Spekulation.

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