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„Jetzt hat sie keine Schmerzen mehr“: Rentner erstickt Ehefrau mit einem Kissen

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Von: Thomas Krumm

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Das Gericht entschied im Fall eines 27-jährigen Vergewaltigers auf zwei Jahre Haft, ausgesetzt zur Bewährung.
Ein Balver muss sich derzeit vor dem Landgericht in Arnsberg verantworten. Ihm wird vorgeworfen, seine langjährige Ehefrau umgebracht zu haben. © Volker Hartmann / dpa

Ein 70-jähriger Rentner griff am Morgen des 30. August in seinem Haus in Balve-Beckum zu einem Kissen und erstickte seine gleichaltrige Frau im Bett. Seit Dienstag muss er sich wegen Totschlags vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Arnsberg verantworten.

Er habe seine Frau getötet, „ohne ein Mörder zu sein“, heißt es mit der üblichen Formulierung in der Anklage. Es fehlen also jegliche Hinweise, dass die Tat eines der Mordmerkmale erfüllt, die für eine Mordanklage erforderlich wären. Natürlich wusste der Angeklagte, dass das Gebot „Du sollst nicht töten“ auch in einer extrem belastenden Situation häuslicher Pflege gilt. „Es war nicht gut“, gab er im Rahmen eines umfassenden Geständnisses zu und setzte hinzu: „Aber is’ eben.“ Niemand hatte mit so einer Tat gerechnet: „Niemals!“, antwortete sein Sohn im Gerichtssaal auf die Frage des Vorsitzenden Richters Petja Pagel: „Hätten Sie ihm so etwas zugetraut?“ Er habe vorher nie über so etwas nachgedacht, versicherte der Angeklagte. Sein Verteidiger Björn Rüschenbaum unterstrich den spontanen Tatentschluss: „Es war die Situation an diesem Morgen, die meinen Mandanten veranlasste, das Kissen zu nehmen und es ihr auf’s Gesicht zu drücken.“

Dieser Impuls des Angeklagten hatte allerdings eine lange Vorgeschichte: 49 Jahre hatten die Eheleute miteinander verbracht – im März hätten sie ihre Goldene Hochzeit gefeiert. Es mochte bessere Zeiten gegeben haben. Doch in den vergangenen fünf Jahren wurde die häusliche Situation offenbar immer unerträglicher, weil sie nach einer Hüftoperation eine notwendige Folgeoperation verweigerte und fortan ihre Tage fast nur noch im Bett verbrachte. „Sie konnte vor Schmerzen kaum laufen“, erklärte der Angeklagte. „Aber die war ja so stur – die wollte sich nicht operieren lassen.“ Ihr Leben im Bett rechtfertigte sie mit einer Reduzierung der Beschwerden. „Lass mich doch in Ruhe“, zitierte sie der Angeklagte. „Wenn ich liegen bleibe, habe ich keine Schmerzen.“

Zwei halbherzige Suizidversuche

Der 70-Jährige versuchte, das gemeinsame Leben so gut wie möglich zu koordinieren, ließ ihre Hunde in den Garten, organisierte ein Minimum an Unterstützung bei der Pflege, und bestellte den Pflegedienst ab, wenn sie mal wieder niemanden ins Haus lassen wollte. Die Belastung hatte Folgen: Zwei nur halbherzige Suizidversuche des Angeklagten waren offenbar Hilfeschreie, die sie „gar nicht“ wahrnahm.

Und so spitzte sich die Situation immer mehr zu: „Die wollte gar nicht mehr aufstehen. Die war wieder nur am Nörgeln“, schilderte der Angeklagte die Situation am Morgen jenes 30. August. Er musste mal wieder den morgendlichen Pflegedienst abbestellen. „Sie war wieder nur am Rummeckern, dass sie ihre Ruhe haben will“, vertiefte der 70-Jährige den Eindruck einer schwierigen Patientin. Das Kissen habe er dann „einfach genommen und drauf getan“: „Das ist doch kein Leben mehr, wenn man immer nur liegen bleibt.“ Zuvor hatte er bereits von der Aussichtslosigkeit der Situation gesprochen: „Es gab ja keine Hoffnung mehr, dass es anders werden könnte.“

Abhauen war keine Option

Staatsanwalt Klaus Neulken fragte nach anderen Möglichkeiten, die scheinbar aussichtslose Situation zu entwirren und sich möglicherweise zu trennen. „Einfach abzuhauen – das war auch nicht richtig“, erklärte der Angeklagte. Der Staatsanwalt wollte auch wissen, wie sich der 70-Jährige nach der Tat gefühlt hatte. Der erinnerte sich an einen zentralen Gedanken: „Jetzt hat sie keine Schmerzen mehr.“

Der Prozess soll am Freitag mit den Plädoyers und dem Urteil zu Ende gehen.

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