Industriegeschichte in der Luisenhütte erlebbar

+
Historiker Hans Ludwig Knau (rechts) führte am Sonntag mehrere Gruppen durch die Luisenhütte in Wocklum und berichtete dabei viel Interessantes über die Arbeit in der Hütte im 19. Jahrhundert.

Balve - Einmal im Jahr feiert der Märkische Kreis sein wichtigstes Industriedenkmal: „Luise heizt an“ heißt es dann im Balver Borketal – nicht weit vom Schloss Wocklum. So turbulent diese Veranstaltung daherkommt, so verhalten ist der Besuch in ruhigeren Zeiten.

„Es gibt so viele Menschen aus Balve, die noch nicht hier waren“, bedauert der Historiker Hans Ludwig Knau. Zur Unterstützung des Fördervereins der Hütte führt er Besucher fachkundig durch die Luisenhütte. 

Die Bemerkung über die Balver muss man sicherlich ausdehnen auf alle Märker und die Nachbarn aus dem Hochsauerland, die in kurkölnischen Territorien einst vereint waren mit Balve. Und recht eigentlich müsste die Luisenhütte auch zu den Topzielen für Touristen gehören, die es von weiter her in die hiesigen Berge verschlägt. 

Bundesweit recht einmalige Stellung 

Am Sonntag traf sich eine recht stattliche Gruppe, um sich von Knau die Geschichte und die technischen Anlagen der Luisenhütte erklären zu lassen. „Wir haben das Glück, dass wir die Situation von 1855 haben. Da ist nichts verändert worden“, benannte der Geschichtswissenschaftler die bundesweit recht einmalige Stellung dieser ältesten erhaltenen Hochofenanlage Deutschlands. 

Wie körperlich hart die Arbeiter früher in der Luisenhütte schuften mussten, konnten die Besucher im Obergeschoss an drei gefüllten Karren selbst testen.

Größtenteils nicht erhalten sind Anlagen, die das Hochofen-Gebäude umgaben: Den immensen Bedarf an Holzkohle bedienten zwölf bis 15 große Schuppen, von denen einer mit der typischen luftdurchlässigen Verlattung übrig geblieben ist. 

Die Anlieferung der Rohstoffe war Knochenarbeit für Mensch und Tier: „Der damalige Lastwagen war die einachsige Karre mit bis zu zwei Meter großen Rädern“, erklärte Knau den Besuchern. An Steigungen musste ein zweites Pferd eingespannt werden. Der Standort im Borketal war dabei nicht unproblematisch: „Das Teuerste dieser Hütte war der Transport, nicht die Arbeit.“ 

Erz kam aus dem Felsenmeer in Hemer

Erz wurde hauptsächlich aus dem Felsenmeer in Hemer herbeigeschafft, aber auch aus einem Bergwerk in Altena-Dahle. Es enthielt Mangan, ohne das das Eisenerz im Balver Ofen nicht flüssig geworden wäre. Neben Eisenerz und Holzkohle musste Kalkstein herangeschleppt werden. Die heutigen Besucher nutzten auf dem Möllerboden im Obergeschoss die Gelegenheit, drei gefüllte kleine Karren mit den Rohstoffen zu stemmen. „Hier wird alles, was man für den Ofen braucht, vermischt“, erklärte Hans Ludwig Knau. 

Ein anderer spannender Ort waren die beiden Zylindergebläse, deren Energie den Wirkungsgrad des Hochofens verbesserte. Bis heute funktioniert die Anlage, deren Kraft von einem Wasserrad stammt. Es wird aus dem benachbarten Teich gespeist, der am Ende eines Obergrabens liegt. Im Zentrum der Anlage erklärte Knau den Aufbau des zehn Meter hohen Hochofens, der einst flüssiges Roheisen ausspuckte. Seine Konstruktionsweise war störanfällig: Nur etwa 20 Wochen eines Jahres konnte er in Betrieb bleiben – dann standen Wartungsarbeiten an. Statt des Hochofens ging dann der benachbarte Kupolofen in Betrieb, in dem bereits verhüttetes Roheisen erneut erhitzt und in Sandformen ausgegossen wurde. 

Anlage im Jahr 1865 stillgelegt 

Es waren viele Probleme, die dem Betrieb der Luisenhütte zusetzten und 1865 ihre Stilllegung erzwangen: Dazu gehörten ihre Lage im Grenzgebiet mit nahen Zollgrenzen und schließlich die Konkurrenz durch die aufblühende Eisenindustrie im Ruhrgebiet, die über die neugebaute Ruhr-Sieg-Strecke mit Erz aus dem Siegerland versorgt wurde. Und noch ein – aus der Gegenwart vertrautes Problem – setzte dem Hüttenstandort in Balve zu: „Trotz höherer Löhne kamen die Handwerker nicht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare