Bei Arbeiten am Haus

Historisch bedeutender Fund: Ein Baustein für die Geschichte

Historiker im Gespräch: Rudolf Rath (links) und Dr. Rolf Dieter Kohl beschäftigten sich mit der lateinischen Inschrift auf dem Stein und den dahinter steckenden Geschichten über die Stadt Balve.
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Historiker im Gespräch: Rudolf Rath (links) und Dr. Rolf Dieter Kohl beschäftigten sich mit der lateinischen Inschrift auf dem Stein und den dahinter steckenden Geschichten über die Stadt Balve.

„Dieser Baustein hat für die Balver Geschichte eine besondere Bedeutung“, wies Pfarrarchivpfleger Rudolf Rath am Donnerstag auf ein ganz besonderes Fundstück hin, das bei der Modernisierung im „Haus Scheele“ in Balve zutage kam.

„Dabei war dieser Stein die ganzen Jahre immer sichtbar“, sagte der neue Hausherr Matthias Camminady schmunzelnd. Denn erst bei der Sanierung der Außenfassade der ehemaligen Gaststätte fiel auf, dass dieser Stein in etwa vier Metern Höhe aus der Flucht herausragte. Bei genauerer Betrachtung wurden Buchstaben in lateinischer Sprache deutlich sichtbar. „Wir haben den Stein dann ausgebaut und damit für die Öffentlichkeit gerettet. Sonst wäre er hinter der neuen Fassadendämmung verschwunden“, sagte Camminady.

Das wäre sicherlich ein Verlust gewesen, denn mit seiner historischen Inschrift kann er Geschichten erzählen, glauben heimische Historiker wie Dr. Rolf Dieter Kohl. Neuenrades langjähriger Stadtarchivar, zugleich Verfasser zahlreicher Aufsätze und Bücher über die Region, wurde hinzugezogen, um die Schrift zu entziffern. „Mit viel Akribie und einer Lupe habe ich herausgefunden, dass dieser Stein in ein Haus eingebaut wurde, das von Hermann Meyer errichtet wurde.“

Hermann Meyer war Bürgermeister in Balve

Denn auf dem Stein steht geschrieben: „Post incendium extructum per herman meyer et elisabeth herings coniugum („Nach dem Brand errichtet durch Herman Meyer und Elisabeth Herings Eheleute“)… IHS et mariae… („IHS als Christusmonogramm und Maria“)…“

Der Stein ist zwar nicht mehr in bestem Zustand, die lateinische Inschrift ist jedoch noch zu erkennen.

Auf diese Information konnte Rudolf Rath als Archivar der Pfarrgemeinde St. Blasius aufbauen: „Hermann Meyer war von 1707 bis 1723 der Bürgermeister der Stadt Balve.“ Damit konnte das Baujahr des Hauses, in dem der Stein ursprünglich verbaut war, auf die Zeit nach den Stadtbränden 1692 oder 1707 eingeordnet werden.

Insgesamt sieben Großbrände dokumentiert

Insgesamt sind sieben Großbrände in Balve ab 1584 dokumentiert – der größte, bei dem fast die ganze Stadt brannte, war 1789. „Als Vorgänger des 1850 gebauten Haus Scheele stand hier ein Bürgermeisterhaus“, fasste Rath zusammen. „Und in diesem fanden auch die Ratsversammlungen statt.“ Der Vorgänger Meyers war Bürgermeister Kramer, der an anderer Stelle in Balve lebte, und beim Brand 1707 zu Tode kam. Zu seinem Gedenken errichtete die Familie den Agatha-Bildstock auf dem Kirchplatz der Pfarrkirche St. Blasius.

Gerne hätte Dr. Kohl noch mehr an Informationen zusammengetragen: „Doch die Datierung fehlt; außerdem haben Witterungseinflüsse dem Stein zugesetzt, sodass nicht mehr alles lesbar ist.“ Er wusste aber auch: „Nicht jeder konnte sich damals solch einen Stein leisten – und erst recht nicht mit Inschrift in Latein.“

Stein soll wieder ins Mauerwerk eingearbeitet werden

Matthias Camminady ist sich dieses historischen Fundes bewusst, der wieder ins Mauerwerk eingearbeitet werden soll. Das ehemalige Gaststätten-Gebäude an der Hauptstraße, im Volksmund auch „Vatikan genannt“, wird derzeit umgebaut in vier Miet-Wohneinheiten zwischen 70 und 80 Quadratmeter mit Aufzug und Balkon. Die Fertigstellung ist für den Sommer 2021 vorgesehen. Camminady hat bei den Umbauarbeiten neben einigem Kleingeld aus alten Zeiten auch zwei Balver Bücher von 1930 gefunden.

Für den Neuenrader Dr. Rolf Dieter Kohl endet nach der Entdeckung des historischen Steins vorerst die Zusammenarbeit mit seinem Balver Pendant Rudolf Rath. Doch so ganz abgeschlossen hat er seine Recherche noch nicht, denn obwohl seine technischen Möglichkeiten erschöpft sind, weiß er: „In diesem Stein steckt noch einiges an Informationen drin…“

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