Hexenjagd mit Anja Grevener in der Bücherei

Anja Grevener zog die Zuhörer in ihren Bann.

Balve - Bedrückte Stille herrscht nach der Lesung von Anja Grevener in der Bücherei Balve. „Oh Gott, ich hoffe, ich habe ihnen heute nicht Alpträume beschert“, sagt die Autorin, die gerade ihren zweiten Roman „Sündenbock“ vorgestellt hat. „Es tut mir Leid“, schiebt sie hinterher.

Von Michael Koll

Vor vollem Haus hat die 36-Jährige zuvor den Abend eröffnet mit einer dramatischen Szene aus ihrem zweiten Roman, in welcher ein Mädchen einen epileptischen Anfall bekommt. Es folgten 75 Minuten Hexenjagd im Raum Mellen. Grevener hat fast zwei Jahre dafür recherchiert, das Adelsarchiv in Münster durchforstet. Sie las Gerichtsakten, Briefe und Tagebücher. Geschrieben hat sie schließlich ein halbes Jahr am Nachfolger zu „Die Wölfin von Arnsberg“.

Grevener sagt: „Geschichte ist mein Steckenpferd. Ich finde es einfach spannend, zu sehen, wo man herkommt.“ Und so basiert ihr „Sündenbock“ auf wahren Begebenheiten. In und um Balve wurden im 17. Jahrhundert im Laufe von rund 30 Jahren Menschen teils jahrelang gefoltert. Und tatsächlich wurden etwa 270 Menschen wegen Zauberei hingerichtet – viel mehr als anderswo. In Menden waren es beispielsweise nur 80. Die Autorin: „Von oberster Stelle wurde Balve mehrfach ermahnt, doch etwas weniger unmenschlich zu sein.“

Der zweite Roman von Grevener hat rund 300 Seiten. Mehrere Passagen verlas sie in der Bücherei. Ein paar Laien-Akteure unterstützten sie dabei, sprachen Dialoge in verteilten Rollen. Bis auf eine Ausnahme waren die Helfer der Autorin dabei nicht verkleidet. Grevener, in der Nähe von Garbeck aufgewachsen, erklärt: „Damit will ich zeigen, wie erschreckend aktuell die Mechanismen meiner Geschichte auch heute noch sind.“

Das sei ihr bei den Recherchen bewusst geworden. „Ich erkannte das mit einer Mischung aus Faszination und Grusel.“ Verfasst habe sie diese Handlung aber nicht zuletzt auch mit einer Portion Lokalpatriotismus.

Der Roman spielt im Jahr 1628; es kommt überall im Land zu Anklagen wegen Hexerei. Auf kurfürstlichen Befehl hin werden Menschen verhaftet. Im sauerländischen Balve treibt der Hexenkommissar Caspar Reinhartz sein Unwesen. Doch eine Gruppe rund um das junge Fräulein Marie plant, Reinhartz zu ermorden.

Einmal in der Hexenjagd drin, spricht Grevener schnell, mit sachlich-ernster Stimme, mit distanzierter Klarheit. Im Zusammenspiel mit den Schauspielern neben ihr ergibt sich ein lebendiges Szenario – unterstützt von der bildgewaltigen Schreibweise der Autorin.

Da tiriliert ein Vögelchen im Gebüsch und dann lenkt Grevener wieder den Blick auf das Grübchen eines Mannes: der Berater eines Richters, ein Gelehrter, der Hagel für Hexenwerk hält, der eine Frau, die einem Mann den Kopf verdreht, als eine sieht, die im Bunde mit Satan steht, der Seele verloren ist.

Die Geschichte, die Grevener erzählt, steckt voller Details. So sagt eine Zuhörerin nach der Lesung: „Es wirkte, als hätten sie damals gelebt und würden das aus ihrer Erinnerung heraus berichten.“ Die Besucherin der Lesung atmet laut hörbar und ergänzt: „Das war sehr ergreifend.“

So sei es der Autorin selbst ergangen – spätestens, als sie bei ihrer Recherche auch auf einen Herrn Grevener gestoßen sei. „Das hat mir schon eine Gänsehaut besorgt“, räumt die 36-Jährige ein. Auf Nachfrage erläutert sie, dass die meistens seinerzeit verurteilten Menschen Frauen gewesen seien. „Aber es waren auch ein paar Männer dazwischen – ja, sogar Kinder.“

Das Buch kommt an. Erschienen ist es ganz modern auch als E-Book. Genaue Verkaufszahlen erfährt Grevener erst zum Jahresende. „Aber der Verlag hat schon Interesse bekundet an einem weiteren Buch von mir.“ Die Autorin hat auch bereits eine Idee, worum es darin gehen mag. Eine simple Fortsetzung der Balver Hexenjagd werde es gewiss nicht.

Privat ist sie Fan von Rollenspielen. Die „Wölfin von Arnsberg“ hatte sie dafür einst geschrieben – reines Hobby, gar nicht zur Veröffentlichung gedacht. In ihr Dasein als Autorin ist sie einfach so hineingerutscht.

Zum „Sündenbock“ erläutert sie: „Mit Zauberei wurde man in Verbindung gebracht, weil man entweder zu wenig oder zu oft in die Kirche ging.“ Und solche Vorkommnisse seien nicht ganz weit weg heutzutage. „Wir hatten doch gerade erst in Amerika eine missglückte Hinrichtung“, lenkt Grevener den Blick über den Tellerrand.

Nach der Lesung führten Lena und Louis sowie ihr Vater Gerd Guntermann vor der Bücherei eine Feuershow auf. Diese passte hervorragend zur vorherigen Geschichte – vertrieb aber sicherlich beim ein oder anderen Bücherei-Besucher befürchtete Alpträume.

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