Dr. Gregor Schmitz im Interview

Herdenimmunität erst in einem Jahr? Das sagt der Leiter des Impfzentrums im Märkischen Kreis

Erste Impfungen gegen Coronavirus in NRW
+
Auch im Märkischen Kreis sind die ersten Menschen gegen das Coronavirus geimpft worden.

Seit Sonntag werden auch im Märkischen Kreis die ersten Menschen gegen das Coronavirus geimpft. Täglich sollen es nun mehr werden. Mitentscheidend dafür verantwortlich, dass alles möglichst reibungslos verläuft, ist Dr. Gregor Schmitz.

Der Allgemeinmediziner, der in Balve eine Praxis führt, leitet das Impfzentrum des Märkischen Kreises in Lüdenscheid. Am Sonntag überwachte Schmitz auch die ersten Impfungen in einem Seniorenheim in Iserlohn. Julius Kolossa sprach mit Dr. Gregor Schmitz über dessen neue Aufgabe und die Herausforderungen, die in den kommenden Pandemie-Wochen noch vor den Märkern liegen.

Herr Dr. Schmitz, wie ist der Märkische Kreis auf Sie als Leiter des Impfzentrums gekommen beziehungsweise haben Sie sich selbst beworben?
Nicht der Märkische Kreis ist auf mich zugekommen sondern die KVWL (Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippen, Anm. d. Red.), die zuständig ist für den medizinischen Teil der Impfung. Gefragt worden bin ich, weil ich dem Anforderungsprofil entsprach, unter anderem mit meiner langjährigen Erfahrung in der Praxis und Erfahrung in der Notfallmedizin. Praxiserfahrung habe ich seit 32, Notarzterfahrung seit 37 Jahren. Ich bin einer der leitenden Notärzte im Märkischen Kreis und war – zusammen mit einem Kollegen – auch ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes MK. Die letztere Aufgabe musste ich allerdings mit der Leitungsfunktion im Impfzentrum abgeben.
Wann haben Sie sich entschieden, den Posten des Impfzentrum-Leiters zu übernehmen?
Die Entscheidung, diese Aufgabe zu übernehmen, fiel nach der Anfrage der KVWL und nach Rücksprache mit meiner Frau und unserem Ärzteteam in unserer Balver Praxis Anfang Dezember.
Warum wollten Sie Leiter des Impfzentrums werden?
Ich wollte nicht, ich bin da mehr oder weniger reingerutscht, wobei dies sicher eine reizvolle Herausforderung ist.
Wie sieht die Arbeit des Leiters des Impfzentrums Märkischer Kreis genau aus?
Meine Arbeit besteht derzeit hauptsächlich aus Telefonieren und der Bearbeitung von E-Mails. Darüber hinaus gilt es engen Kontakt zu halten mit den Verantwortlichen beim Kreis, der KVWL und den zahlreichen Mitarbeitern in den Impfteams, den Pflegeheimen und so weiter.
Dr. Gregor Schmitz, Leiter des Impfzentrums Märkischer Kreis.
Gibt es Unterschiede zwischen der ersten Phase, wenn zunächst nur in den Heimen geimpft wird, und den Wochen danach, wenn auch das Impfzentrum in der Lüdenscheider Schützenhalle öffnet und der Andrang vielleicht immer größer wird?
Genau werde ich das wohl erst wissen, wenn das Impfzentrum den Betrieb aufgenommen hat. Derzeit müssen wir viele dezentrale Impfungen in den Pflegeheimen organisieren und koordinieren. Wenn alles mehr zentral an einer Stelle abläuft, ist man als Leiter auch sicher direkter in das Geschehen eingebunden.
Ist diese Aufgabe ein Vollzeitjob?
Mehr oder weniger: ja. Zumindest zu Beginn – bis sich eine gewisse Routine eingestellt hat – wird diese Aufgabe ein Vollzeitjob sein. Ich habe aber mit Jochen Reiffert, ebenfalls leitender Notarzt im Kreis und Fachberater für den Bevölkerungsschutz, einen erfahrenen Kollegen an meiner Seite. Da wir beide „Praktiker“ sind, gehe ich davon aus, dass ich auf Dauer auch wieder mehr in der Praxis arbeiten werde.
Wie läuft derweil die Arbeit in Ihrer Balver Praxis an der Hauptstraße weiter?
Ich habe das große Glück, dass ich in einer Praxis mit sechs, ab Januar sieben Ärztinnen arbeite. Die werden einen großen Teil meiner Arbeit übernehmen. Für Untersuchungen oder Behandlungen die nur ich durchführen kann, werde ich stundenweise auch in der Praxis sein. Dann vertritt mich mein Kollege Jochen Reiffert im Impfzentrum.
Lassen Sie sich auch selbst impfen?
Ja!
Die vorbereitenden Arbeiten im Impfzentrum in Lüdenscheid sind seit Mitte des Monats abgeschlossen. Bis hier aber auch geimpft wird, wird es aber noch einige Wochen dauern.
Impfen Sie im Impfzentrum selbst mit, oder sind Sie „nur“ für alles Organisatorische und damit die Arbeit im Hintergrund zuständig?
Generell ist die Aufgabe des medizinischen Leitungsteams die Organisation. Für die eigentliche Impfung, und vor allem die Aufklärung der Impfkandidaten, haben wir Teams aus freiwilligen Ärzten und medizinischen Fachangestellten, die von der KVWL organisiert werden. Sicher können wir beide auch notfalls einspringen und impfen, wenn es einmal eng werden sollte.
Rechnen Sie damit, dass es anfangs Probleme geben wird?
In der Notfallmedizin würden wir hier – wie zum Beispiel bei einem größeren Unfall mit vielen Beteiligten – von einer „dynamischen Lage“ sprechen. So sehe ich die Impfaktion auch. Wir stehen vor einer großen Herausforderung, die es so noch nicht gegeben hat. Wir bereiten uns möglichst optimal vor. Und dann sind wir so flexibel, dass wir auf Probleme schnell reagieren und diese lösen können.
Wie viele Menschen werden sich aus dem Kreisgebiet impfen lassen wollen – und wird diese Quote dann ausreichen, um eine Herdenimmunität zu erreichen?
Herdenimmunität bedeutet ja, dass so viele Personen einer Gruppe gegen einen Krankheitserreger immun sind, dass sie sich gegenseitig nicht mehr anstecken können und der Erreger sich nicht weiter unkontrolliert ausbreiten kann. Ich habe selber viele Jahre an großen Impfstoffstudien mitgearbeitet, unter anderem an der Schweinegrippeimpfung 2009. Die Zahl der Personen, die immun sein müssen, um die Ausbreitung zu verlangsamen beziehungsweise zu stoppen, ist nicht für alle Erreger gleich. Hier gibt es zahlreiche mathematische Modelle zur Berechnung. Derzeit geht man für das Sars-Cov-2 Virus von circa 65 bis 70 Prozent aus. Demnach müssten sich im Märkischen Kreis etwa 275 000 Menschen – abzüglich derer, die Covid-19 schon überstanden haben – impfen lassen. Rein rechnerisch benötigen wir dafür, wenn wir das Impfzentrum unter Volllast fahren rund ein Jahr. Schneller geht es dann, wenn wir im Laufe des Jahres einen Impfstoff bekommen, der einfacher zu lagern und aufzubereiten ist und der von den Hausärzten in den Praxen wie eine Grippeimpfung verabreicht werden kann. Wenn dies gelingt, können wir eine Herdenimmunität in einem überschaubaren Zeitrahmen erreichen – vorausgesetzt die Impfbereitschaft in der Bevölkerung bleibt bei etwa 70 Prozent.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare