Das glaubt zuhause ja keiner

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Nur wenige Handys kamen in der Höhle zum Einsatz. Die Fans wollten einfach nur gute Musik hören.

Balve - Erfreulicherweise heben kaum Leute ihre Handys in die Luft, um Fotos zu machen. Wer Samstag in die Balver Höhle zum 5. German-Kultrock-Festival gekommen ist, will wirklich Musik hören.

Aber dann kamen die Smartphones und Tablets doch noch zum Einsatz: Mitten im Auftritt von Crippled Black Phoenix zücken die Musiker ihre Geräte, fotografieren das Publikum, um ihren Freunden daheim zeigen zu können, „dass das hier wahr ist.“

Stunden zuvor hatte die Pee Wee Bluesgang die siebenstündige Sause vor einer riesigen Deutschlandfahne im Bühnenhintergrund eröffnet. Mit einem einstündigen Set eröffnen sie den Reigen. Während im hinteren Teil der Höhle sich die Fans genüsslich durch Tausende Tonträger – vornehmlich Vinyl – blätterten, spielte die Iserlohner Band „Don’t Trust a Hippie“.

Weitere Fans saßen derweil am Höhlen-Ende entspannt und regengeschützt an Tischen. Lichtkunst-Installationen schufen eine Wohnzimmer-Atmosphäre. Pommes-, Bier- und Trockeneis-Gerüche vermischten sich.

Zum Finale ihres Konzertes stimmte die Bluesgang „Hey Joe“ – am bekanntesten in der Version von Jimi Hendrix – an. Eine einsame Frau windete sich in einer der letzten Zuschauerreihen. Grell lila strahlende Knicklichter fielen ihr aus den Haaren, als sie sich ekstatisch aufbäumte.

1400 Zuschauer waren zum wieder einmal ausverkauften Festival gepilgert. Einige zelteten vor dem Gelände. Manche unterhalten sich in englischer oder spanischer Sprache. Das Publikum bestand fast ausschließlich aus jung gebliebenen E-Gitarren-Aficionados. Nur ein paar wenige hatten ihre, teils auch schon erwachsenen, Kinder mitgebracht. T-Shirt der Ramones, von Linkin Park und Metallica bildeten die Ausnahmen. Ein weiblicher Fan erklärte in der Umbaupause draußen vor der Höhle, warum Status Quo ihr Feindbild sind: „Ich will nicht schon am Anfang eines Stückes wissen, wie das Ende klingt.“

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Mit den folgenden drei Bands, die jeweils 90 Minuten Zeit auf der Bühne zur Verfügung hatten, sollte sie ihre Freude haben. Zunächst erklommen die Festival-Mitorganisatoren von Jane die Bretter, die die Welt bedeuteten. Bei Stücken wie „Daytime“ zelebrierten sie, vor allen Dank einer Deep-Purple-Orgel (gespielt von Corvin Bahn, der sonst in der Band Crystal Breed die Tasten bedient), die 70er-Jahre.

Die Licht-Show tauchte die Musiker auf der Bühne in Rot- und Blautöne. Die Fans feierten ihre alten Helden. Und zum Schluss forderte Gitarrist Klaus Walz sie auf, da zu bleiben: „Wir haben so tolle Bands heute hier. Das wird noch ein Riesen-Abend.“

Er sollte Recht behalten. Den Abschluss dieses Abends gestaltete später die Band Riverside. Hätten Pink Floyd jemals leichte Heavy-Metal-Einflüsse gehabt, wäre der Sound dieser Gruppe dabei heraus gekommen. Mit diesem Quartett kommt eine der größten, bekanntesten und beliebtesten Bands der Szene aus einem popkulturell sonst nicht allzu hervorstechenden Land: Polen. Sänger Mariusz Duda begrüßte die Zuschauer mit den Worten: „Hallo Höhlenmenschen. Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen.“ Feinste Gitarren-Linien von Piotr Grudzinski, brachiale Bass-Riffs von Duda und flirrende Soundwände vom Keyboard, an welchem Michael Lapaj stand, bildeten das Gerüst des Riverside-Kosmos. Drummer Piotr Kozieradzki hielt alles zusammen. Zu den roten und blauen Lichtern kamen jetzt auch gelbe Akzente. Mit „We got Used to us“ beendeten Riverside das Festival mit nachdenklichen Tönen.

Vor dem überwiegend ruhigen Konzert von Riverside hatte die britische Band Crippled Black Phoenix ein Ausrufezeichen gesetzt. Unterstützt von der Songwriterin Daisy Chapman an Keyboards und Gesang gelang es ihnen mit einem einzigartigen Klangbild im Handumdrehen allen Staub vom progressiven Artrock abfallen zu lassen – gerade auch aufgrund dieser weiblichen Unterstützung.

Zu Beginn ihres Auftritts ratterten Bass und Gitarre im Stakkato. Im Bühnenhintergrund waren Bilder von Raketen und Menschen mit Gasmasken vor dem Gesicht zu sehen. Zum Farbspektrum der Licht-Show kam nun auch grün hinzu. Aus den Boxen quollen Hardrock-Stampfer, die teils düster-bedrohlich Gänsehaut erzeugten, teils in hymnischem Wohlklang dahin perlten – und das durchaus auch gerne in ein und dem selben Stück.

Das war sexy und brutal, mal wie 40 Grad Fieber, dann wieder wie ein lauer Frühlingswind. Die Fans erkannten und bejubelten die Songs bereits nach dem ersten angeschlagenen Gitarren-Akkord. Sängerin Chapman sang mal wie die Punk-Urmutter Patti Smith, dann wie die Loreley. Und genau wie diese sah sie auch aus mit ihren zerrissenen Netzstrümpfen und der langen, hellblonden Mähne.

Zum Schluss des Auftritts von Crippled Black Phoenix sangen alle – Band wie Fans – immer wieder „Oh, oho, oh“. Es klang in der Höhle wie einem Gospel-Gottesdienst. Die Band verließ die Bühne, die Zuschauer sangen einfach weiter. So kehrten die Musiker zurück. Staunend filmte Chapman die Fans mit ihrem Handy. Das glaubt einem zuhause sonst ja doch niemand.

Von Michael Koll

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