Die Geburtsstunde des Hardrock miterleben

Nektar dominierten mit einem fulminanten Auftritt das German-Kultrock-Festival in der Balver Höhle.

BALVE ▪ Krautrock-Bands leben von ihrer glorreichen Vergangenheit. Die Fans tragen – abseits von jeglichem Zeitgeist – immer noch Jeansjacken mit vermeintlich verwegenen Aufnähern. Die Haare sind längst nicht mehr nur lang, sondern auch grau.

Doch das German-Kultrock-Festival am Samstag in der Balver Höhle trug keinen verstaubten Mantel. Frisch wie eh und je kam die Musik der vier auftretenden Bands über die Bühnenrampe. Und im Publikum waren auch nicht wenige junge Leute, die die Blütezeit des Krautrock allenfalls aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen dürften.

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Krautrock wird in der Höhle wieder lebendig

Die Fans kamen aus ganz Europa: Schweden, Österreicher, Briten, Schweizer, Niederländer, Polen und Deutsche feierten begeistert zusammen, als zu den Klängen der Titelmelodie vom ZDF-Fernsehklassiker „Musik ist Trumpf“ (1975 bis 1981) Franz K. als Opener die Höhle enterte.

Mit ihren eigenen Songs, wie dem 1977er Kulthit „Wir haben Bock auf Rock“ sowie Cover-Versionen von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (Drafi Deutscher) oder „Flieger, grüß mir die Sonne“ in der Extrabreit-Version brachten sie die Zuschauer in Stimmung. Die Höhle begann langsam zu Kochen.

„Remember the days“ (Erinnert Ihr Euch an die Tage) fragten dann Epitaph. Die Antwort der Fans fiel eindeutig aus. Die ausladenden Gitarrensoli der Band erzeugten eine Intimität, die von der speziellen Atmosphäre der Höhle optimal unterstützt wurde. Epitaph hatten dabei auch einen weitaus besseren Tag erwischt, als bei ihrem jüngsten Auftritt in Werdohl.

Mit Nektar folgte der eindeutige Höhepunkt des Abends. Sie legten im Vergleich zu Epitaph noch einen drauf: Ein warmer Keyboard-Teppich ergänzte ihren Sound. Die langen, vertrackten Kompositionen überraschten und überzeugten mit ständigen Tempo-, Rhythmus- und Melodiewechseln.

Eine irrsinnige Fahrt durch die gesamte Geschichte der Rockmusik kombinierte sich in der Höhle mit Räucherstäbchen-Schwaden und anderen Gerüchen, so als wären die 70er Jahre erst gestern gewesen. Plötzlich gibt der Schlagzeuger ein hektisch-hypnotisches Stakkato vor, die Gitarristen legen knochentrockene und beinharte Riffs darüber – und es entstand der Eindruck, als würden die Krautrockfans in der Balver Höhle soeben der Geburtsstunde des Hardrock beiwohnen.

Nach diesem Höhepunkt verließen erste Fans das Gelände. Vor gelichteten Reihen starteten Jane ihr Set. Die musikalische Leistung der Combo war wirklich gut, doch wirkte ihr gefälliger Classic-Rock nach den fulminanten Nektar nicht mehr so spannend und aufregend. Gleichwohl wurden die Jane-Hymnen gefeiert.

Von Michael Koll

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