Fernab der Heimat: Jugendliche werden in Balve therapiert

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Die Jugendwohngruppe ist in diesem Gebäude in Balve untergebracht.

Balve – Vier Jugendliche aus verschiedenen Regionen Deutschlands haben in Balve eine neue Heimat gefunden. Im alten Stadthaus am Baumberg wohnen sie seit März 2018 in der Wohngruppe „Erleben, Arbeiten und Lernen“.

Träger ist die Diakonie-Würzburg, die durch ihre pädagogische Mitarbeiterin Christiane Wietbüscher aus Beckum auf das damals leer stehende Mehrfamilienwohnhaus aufmerksam wurde. 

Aufwendig renoviert wurde es, um allen Ansprüchen gerecht zu werden, anschließend bei einer Einweihungsfeier das damals für Balve neue Konzept vorgestellt. „Die Befürchtungen unserer Nachbarn über randalierende Hooligans haben sich zerstreut“, sagt Christiane Wietbüscher, die im Gespräch mit der Redaktion zurückblickt auf die vergangenen gut eineinhalb Jahre. „Bei uns ist Zimmerlautstärke angesagt, und Respekt und Anerkennung.“ 

Erste Erfolge, aber auch Rückschläge

Dazu gehöre, dass die aus Jungen bestehende Wohngruppe sich an Regeln halten muss. Maximal vier Jugendliche finden hier Platz; jeder hat psychische Probleme, mit denen sie im Alltag nicht alleine fertig werden und deshalb fernab der Heimat therapiert werden. Einer musste inzwischen woanders untergebracht werden, gibt die Pädagogin zu, dass auch in Balve an Grenzen gestoßen werde. Sie berichtet aber auch über Erfolge: „Ein Jugendlicher wohnt jetzt in Coburg, arbeitet dort als IT-Fachinformatiker: Ein anderer in Hanau als Altenpflegehelfer.“ 

Solche Lebenswege motivieren für die tägliche Arbeit mit den Jugendlichen, die rund um die Uhr mit Christiane Wietbüscher und Anne Kösters eine Ansprechpartnerin im Haus haben. Eine wichtige Rolle spielen auch die zwölfjährige Schäferhündin Luna und der zwei Jahre jüngere Boxer Tara. Sie werden als Therapiehunde gehalten, sind geduldige Gesprächspartner, die garantiert jedes Geheimnis für sich behalten. 

Erwartungen an "jeden Einzelnen sind hoch"

Dies ist aber keine WG, in der Hunde und Pädagogen zum Zeitvertreib da sind, während sich die Bewohner im Sauerland ein schönes Leben machen können. „Unsere Erwartungen an jeden Einzelnen sind hoch“, betont Wietbüscher. „Wir schaffen die Voraussetzungen dafür, dass die Schule vernünftig beendet wird, sie als Erwachsene am Berufsleben teilnehmen.“ Aktuell sind drei Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren am Baumberg untergebracht; zwei besuchen die Realschule (7. und 10. Klasse), einer macht seinen Schulabschluss in der 10. Klasse an der Berufsschule in Menden. 

Wietbüscher kann bei ihrer Arbeit auf Erfahrungen verweisen, die sie zunächst im ehemaligen „Kallerheim“, dann bei EU-Projekten und seit 2009 beim Verein „Erleben, Arbeiten und Lernen“ gemacht hat. Sie hat dabei in Finnland auf einem Bauernhof Jugendliche angeleitet, ihren Alltag zu gestalten. In Balve erfolgt dies unter Normalbedingungen. Die Jugendlichen haben ihren Tagesablauf mit Schule, Lernzeit und Freizeit, packen aber auch mit an, wenn bald das Beet an der Hauswand gestaltet wird. Sie sollen auch mithelfen, das von Wolfgang Lazer gestaltete Mammut im Vorgarten aufzustellen. 

Blick voraus sorgt für Kopfschütteln

Langweilig wird es nicht, bestätigte die Beckumerin, deren Blick in die Zukunft allerdings nichts Gutes verheißt: „Es werden die Kinder betreut von denen, die wir einst als Kinder betreuten.“ Sie schüttelt dabei den Kopf, möchte gerne die Gesellschaft mehr in die Pflicht nehmen: „In der Familie soll wieder Verantwortung für die Kinder übernommen, und diese nicht auf die Schule abgeschoben werden.“

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