„Crashkurs“ sensibilisiert Realschüler

„Traumreise“ auf die Intensivstation

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Nino Arra aus Neuenrade ist seit einem Motorradunfall im Jahr 2010 querschnittsgelähmt. Seinen eindrücklichen Unfallschilderungen lauschten die Schüler besonders gebannt.

Balve – Drei Stunden lang waren 120 Realschüler der 9. und 10. Klassen am Donnerstag mittendrin im Alltag von Feuerwehr, Polizei, Notarzt und Notfallseelsorger. Sie erfuhren, wie Unfälle bearbeitet werden, was vor Ort geschieht und wie Menschen aus Autos geborgen werden – schwer verletzt oder tot.

„Wir haben diese Veranstaltung bewusst emotional gestaltet“, sagte Andreas Filthaut, Leiter der Abteilung Verkehrsunfallprävention und Opferschutz im Märkischen Kreis. So war es teilweise schwere Kost, die den Realschülern unter dem Veranstaltungstitel „Crashkurs NRW. Realität erfahren. Echt Hart.“ serviert wurde. Seit acht Jahren finden diese „Kurse“ landesweit statt. Sie sollen die Jugendlichen für die Folgen von falschem Verhalten im Straßenverkehr sensibilisieren. 

Allein im Märkischen Kreis sind bereits etwa 90 veranstaltet worden. An der Balver Realschule waren die Einsatzkräfte erstmals – und ließen dabei nichts aus. Weder der eingehende Einsatzruf per Melder, noch das Eintreffen am Unfallort, oder wie die Unfallopfer vorgefunden wurden. Auch auf eine Intensivstation wurden die Realschüler „mitgenommen“: Iris Lemmer, Notfallseelsorgerin, berichtete von dort. 

„Lasst die Finger von Alkohol und berauschenden Dingen, wenn Ihr ein Fahrzeug fahrt“, mahnte Polizeihauptkommissar Matthias Lenze aus Werdohl, nachdem er einen Einsatz geschildert hatte. „Achtet auf die Geschwindigkeit – auch wenn Ihr nur als Beifahrer dabei seid.“ Und: „Lasst das Handy aus der Hand. Es ist nicht cool, damit Auto zu fahren.“ Schließlich sei es extrem „uncool, Freunden oder Familien Nachrichten von Unfällen überbringen zu müssen.“ 

Die Aula war für den Besuch der Retter verdunkelt worden, auf der Bühne brannte lediglich eine Kerze, sodass nichts vom Wesentlichen ablenken konnte. Gefasst ließen die Schüler alles auf sich einwirken. Auf der Leinwand wechselten sich Fotos von Unfällen ab, während der Unheilig-Song „Geboren, um zu leben“ abgespielt wurde – dieser Kontrast saß. 

Der Neuenrader Nino Arra ist seit seinem Motorradunfall im Juli 2010 querschnittsgelähmt. Er nahm die Schüler mit auf eine „Traumreise“, die auf der Intensivstation begann, wo eine Ärztin die zurückliegenden sechs Tage zusammenfasste: 24 Knochenbrüche, Kollaps der Lunge und ein dreifacher Bruch der Wirbelsäule. „Dann liegst Du da mit Deinen Gedanken, Sorgen und Ängsten“, erzählte Arra. 

Doch seine Traumreise ging noch weiter, und zwar in die sechsmonatige Reha, wo er erst lernen musste sich anzuziehen, sich medikamentös einzustellen und sich Katheter zu setzen. Danach begann ein neues Leben in einer behindertengerechten Wohnung. Erst durch seine beiden Kinder hätte er wieder Lebensmut erhalten. „Unfälle sind nicht immer vermeidbar“, sagte er. 

„Aber für den Betroffenen ändert sich die Welt – und Ihr könnt etwas tun, dass sich seine Welt wieder normalisiert, indem Ihr Euch normal verhaltet.“ In diesem „Crashkurs“ brannte die Kerze nicht bis zum Ende. „Das Lebenslicht erlischt“, sagte Andreas Filthaut. Zum Schluss gab er den Jugendlichen mit auf den Weg: „Haltet Euch an die Regeln, um Folgen zu vermeiden – Passt auf Euch auf.“

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