Nur ein Termin bleibt

Erstmals in 60 Jahren: Rudolf Rath ist als Nikolaus praktisch arbeitslos

Als Nikolaus hat Rudolf Rath sonst alljährlich in der Advents- und Weihnachtszeit gut zu tun. 2020 ist coronabedingt jedoch alles anders.
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Als Nikolaus hat Rudolf Rath sonst alljährlich in der Advents- und Weihnachtszeit gut zu tun. 2020 ist coronabedingt jedoch alles anders.

So wenig zu tun wie in diesem Jahr in der nahenden Advents- und Weihnachtszeit hatte Rudolf Rath noch nie. Der Balver ist sonst in diesen Wochen häufig als Nikolaus unterwegs.

„Wegen des Coronavirus finden die Besuche in der Krabbelstube, beim Seniorennachmittag der evangelischen Kirchengemeinde, in den Kindergärten und auch bei der Demenz-Gruppe nicht statt“, zählt der 77-Jährige im Gespräch mit der Redaktion einige der Absagen auf.

Seine Auftritte begann Rath bereits vor 60 Jahren zunächst als „Stutenkerl-Träger“. Schnell stieg er aber zunächst zum Knecht Ruprecht auf, bevor er ab 1962 den Nikolaus darstellte. Als solcher machen den dienstältesten Nikolaus der Stadt Balve die Auswirkungen der Corona-Pandemie fast arbeitslos, denn es verbleibt ihm nur ein Termin: die Andacht in der St.-Blasius-Pfarrkirche am Samstag, 5. Dezember, ab 15 Uhr. Pfarrer Andreas Schulte konzipiert diese Andacht, zu der die Kolpingsfamilie Balve einlädt.

Die Bedeutung für die Nächstenliebe

„Ich werde verkleidet auf die Legende des heiligen Nikolaus eingehen, dabei dessen Bedeutung für die Nächstenliebe darlegen“, sagt Rath. Nach der Andacht werden am Ausgang Stutenkerle von Mitgliedern der Kolpingsfamilie an die Kinder verteilt. Weil die Plätze in der Kirche begrenzt sind, ist eine Teilnahme nur nach vorheriger Anmeldung bei Bernward Midderhoff, Vorsitzender der heimischen Kolpingsfamilie, Tel. 02375/5851, möglich.

„Jetzt habe ich mehr freie Zeit für das Pfarrarchiv – aber nicht mehr Freizeit“, sagt Rath schmunzelnd zu den vielen Absagen. Sein Hobby, als Nikolaus aufzutreten, möchte er nicht mehr missen. Denn für Rath geht es auch darum, mit seinen Auftritten die Tradition aufrechtzuerhalten, die zur Balver Geschichte gehört. Bei seinen Nachforschungen stieß er auf Anfänge, die in die Jahre 1922 oder 1923 zurückgehen. Seinerzeit wurde der Nikolausgang von der Heimwacht Balve, kurz nach deren Gründung, angeregt.

Mitglieder des Josefsvereins übernahmen die Rollen

Mitglieder des 1912 gegründeten Josefsvereins, aus dem wenige Jahre später die Kolpingsfamilie Balve hervorging, übernahmen die Rollen des Bischofs Nikolaus mit seinem Knecht Ruprecht. Besucht wurden Familien, die sich zuvor angemeldet hatten. Zu Gast waren Nikolaus und Ruprecht sowie Messdiener als Träger in späteren Jahren auch bei älteren Menschen, die nicht an der jährlichen Seniorenfahrt der Stadt teilnehmen konnten. Überreicht wurden Geschenkpäckchen mit dem Gruß der Stadt Balve.

Bis 1985 übernahm die Stadt die Kosten für diese Geschenke, die Stutenkerle, aber auch die Finanzierung des Kaffeetrinkens für die Ehrenamtlichen nach Abschluss des Einsatzes. Dazu gehörten auch die Mädchen und Frauen, die bei der Vorbereitung und Durchführung beteiligt waren. Seinerzeit waren es mehr als 20 „Nikolausteams“, die jeweils bis zu zwölf Familien besuchten. Neben den eigenen Kindern wollten sich auch die Kinder aus der Nachbarschaft oder von Verwandten dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Der damalige Kulturausschuss-Vorsitzende Friedbert Streiter dankte 1985 allen im Namen der Stadt Balve für den ehrenamtlichen Einsatz. Seit dieser Zeit werden die Sachkosten für Bekleidung und Stutenkerle ausschließlich aus Spenden und durch die Kolpingsfamilie finanziert.

Immer mehr Auftritte bei Feiern

In den vergangenen zehn Jahren habe sich, so Rath, der Nikolausbesuch immer mehr von den Familien hin zu Auftritten bei Feiern von Gruppen, Vereinen und Verbänden und damit außerhalb der Trägerschaft der Kolpingsfamilie verlagert. „Familien werden dadurch individuell entlastet“, betont Rath. „Eine Entwicklung, die grundsätzlich ganz andere, durchaus positive Gestaltungsmöglichkeiten zulässt. Leider bleibt dabei keine Zeit mehr für persönliche Gespräche mit Eltern und Kindern.“

So waren in den vergangenen Jahren neben Rudolf Rath nur noch Matthias Streiter als Nikoläuse zu Besuch in jeweils etwa 20 Familien. „Dabei lehne ich ab, ein Sündenregister der Kinder aus einem goldenen Buch abzuarbeiten – ich nehme dagegen den pädagogischen Auftrag wahr, zusammen mit Eltern und Kindern konstruktiv zu reden“, sagt Rath bestimmt. Diese Organisation läuft weiterhin über die Kolpingsfamilie. Alle weiteren Nikolausbesuche werden ausschließlich mit Rudolf Rath verabredet.

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