Dorfklatsch zum Holzofenbrot

MELLEN ▪ 87 Jahre lang trafen sich die Bürger in der, im Herzen Mellens liegende Bäckerei und im Lebensmittelladen der Familie Steinberg. Zum Brot aus dem Holzofen gab es stets auch den neuesten Klatsch aus dem Dorf. Ab Montag schließt der Traditionsbetrieb nun fast vollständig seine Pforten.

Von Jana Peuckert

Alles begann im Jahr 1925, als Joseph Steinberg einen Holzofen baute. Kurz darauf fand das erste Brot den Weg ins Freie. Schnell erfreute sich das Backwerk großer Beliebtheit – das Familienunternehmen war geboren. Neben der Backstube führten die Steinbergs ein Gasthaus und den direkt an der Bäckerei angeschlossenen Lebensmittelladen. 1972 trat Herbert Steinberg in die Fußstapfen seines Vaters. Gemeinsam mit Ehefrau Hannelore übernahm er das Geschäft. 1977 vergrößerte die Familie den Lebensmittelladen. „In den ersten acht Jahren haben wir uns keinen Urlaub gegönnt“, erinnert sich Hannelore Steinberg.

Stattdessen stand das Paar sechs Tage in der Woche am Ofen und hinter dem Verkaufstresen. Doch damit ist nun Schluss. „Es ist so, dass wir jetzt auch langsam das Rentenalter erreicht haben. Die Knochen tun weh. Außerdem wird es auf dem Dorf immer weniger mit den Einnahmen“, erklärt Herbert Steinberg. Aufgrund einer Mehl- und Hefeallergie könne der Sohn des Paares die Bäckerei nicht übernehmen. Auch die Tochter komme aufgrund ihres guten Arbeitsplatzes nicht als Nachfolgerin in Frage.

Ganz müssen die Mellener aber auch zukünftig nicht auf ihr Holzofenbrot verzichten. Denn: „Unser Verkaufswagen fährt auch weiterhin durch Balve, Beckum, Langenholthausen und Garbeck. Zudem öffnen wir dienstags, donnerstags und freitags in der Zeit von 7 bis 10.30 Uhr die Backstube für den direkten Verkauf“, gibt Herbert Steinberg an. Darüber hinaus sei der Laden jeden Samstag von 7 bis 10.30 Uhr geöffnet.

Hannelore Steinberg fällt es nicht leicht, das Geschäft von nun an nur noch auf Sparflamme zu fahren: „Wir sind ja mit den Leuten hier alt geworden. In 40 Jahren wächst man zusammen. Wir nehmen Anteil an ihrem Leben und sehen unseren Kunden schon an, wenn es ihnen mal nicht gut geht.“

Für die treue Kundschaft der Steinbergs ist der Schritt der Familie ein harter Schlag. Eine von ihnen ist Sieglinde Drees. Seit 1973 führte sie ihr Weg immer wieder in das Geschäft. „Die Kommunikation ist ein wichtiges Element. Neben einer Gaststätte gibt es hier nur den Laden, in dem man sich trifft. Hier gibt es die Möglichkeit, das Neueste aus dem Dorf zu erfahren. Ohne den Laden ist wieder ein Kommunikationspunkt weg. Das ist wirklich sehr traurig, aber ich kann die Familie auch verstehen. Es rentiert sich einfach nicht mehr. Außerdem sollen die beiden ja auch noch etwas von ihrem Leben haben.“ Tatkräftige Unterstützung erhielt das Paar seit mehr als 30 Jahren von Karin Rüth. „Die Arbeit hat mir immer Spaß gemacht. Es ist wirklich traurig und schrecklich“, gibt die Mitarbeiterin mit wehmütigem Klang in der Stimme zu.

Die freie Zeit wollen die Steinbergs nutzen, um mehr für ihre Gesundheit zu tun.

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