Besondere Förderung für Kinder mit Handicap

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Nico Herder büffelt mit Sonderpädagogin Ulrike Junk für ein Diktat. Trotz seines Handicaps ist er sehr ehrgeizig. ▪

LANGENHOLTHAUSEN ▪ „Wir sind doch alle normal. Diese Kinder sind halt anders normal“, sagt Engelbert Falke. Der Leiter der Gemeinschaftsgrundschule Langenholthausen meint die Mädchen und Jungen der insgesamt 93 Schüler an seiner Lehranstalt, die einen besonderen Förderbedarf haben. Von Michael Koll

Seit gut zwölf Jahren arbeitet das Kollegium am Mittelweg integrativ. Im Gemeinsamen Unterricht lernen Mädchen und Jungen mit sonderpädagogischem Förderbedarf – also mit geistigen, körperlichen oder motorischen Behinderungen und Heranwachsende mit einer emotionalen Entwicklungsauffälligkeit – sowie gesunde Kinder zusammen.

„Natürlich haben wir am Anfang Schiss gehabt“, gesteht Falke. Doch sei das Experiment gelungen. Das Konzept führt für die „anders normalen“ Kinder dazu, dass sie wohnortnah – „in ihrer gewohnten Umgebung“ – beschult werden können, freut sich der Schulleiter. „Und bei den anderen Mädchen und Jungen steigt die Sozialkompetenz ganz gewaltig.“

Der Sprung ins kalte Wasser vor mehr als einem Jahrzehnt habe sich gelohnt. „Das geht aber auch nur, weil das gesamte Kollegium an einem Strang zieht“, betont Falke. Und das führe schließlich dazu, „dass die Kinder hier gut aufgenommen sind.“

Das spürt auch Nico. Der Junge sitzt im Deutschunterricht und übt das Lesen, denn bald steht ein Diktat an. Dann will der ehrgeizige Junge zeigen, was er kann. „Er fühlt sich wohl hier und geht gerne zur Schule“, weiß seine Mutter Andrea Herder.

Vor sieben Jahren, während Nicos Geburt, wurde der Junge kurzfristig nicht mit genügend Sauerstoff versorgt. Seither hat er ein Handicap. Sein rechter Arm ist minimal gelähmt. Deshalb blättert Ulrike Junk auch für ihn die Buchseiten um. Die Sonderpädagogin kommt wöchentlich für sechs Stunden in Nicos Klasse, um die Lehrkraft der allgemeinen Schule zu unterstützen. Hauptamtlich ist Junk tätig an der Felsenmeerschule in Hemer.

„Es läuft alles sehr positiv hier“, lobt die Pädagogin die Zusammenarbeit mit Eltern und Kollegium. Anfangs sei sie ja skeptisch gewesen. Doch nach fast einem Schuljahr Erfahrung bei Förderungen im Klassenverband, in Kleingruppen mit zwei oder drei Kindern und im Vier-Augen-Unterricht (nach Absprache mit der Klassenlehrerin Petra Knips) ist Junk überzeugt vom Langenholthausener Konzept.

Genauso sieht das Petra Knips. Die Lehrerin hatte zuvor Klassen, in denen keine Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf waren. Doch ihre Sorgen vom Sommer 2010 waren allesamt unbegründet: „Man macht sich am Anfang viel mehr Gedanken als überhaupt nötig.“ Yvonne Rüschenberg nickt: „Bei den Gedanken ist es dann geblieben. Die Sorgen waren unbegründet“, unterstreicht die Integrationshilfe.

Heute sieht Knips die Vorteile: „In solch einer kleinen Schule wie hier kennen sich alle Kinder untereinander. Die Wege sind kurz. Und alle Lehrer wissen über die Mädchen und Jungen der anderen Klassen Bescheid.“

Rüschenberg ist immer dabei, wenn Nico Unterricht hat. Sie bleibt jedoch im Hintergrund, greift erst ein, wenn er Hilfe suchend auf sie zukommt. Dann etwa, erklärt Nicos Mutter, hilft sie ihm, die Jacke anzuziehen. Ulrike Junk ergänzt: „Das Ziel ist, die Selbständigkeit des Schülers zu fördern.“ Und Rüschenberg bilanziert: „Die Zusammenarbeit hier ist hervorragend.“

Und so fällt Nico einem Außenstehenden nicht auf in der Klasse. Er ist 1,28 Meter groß und mit 25 Kilogramm schlank. Sein Berufswunsch: „Polizei oder Feuerwehr – Hauptsache etwas mit Blaulicht.“ In seiner Freizeit voltigiert der Grundschüler, das heißt er macht Turnübungen auf einem im Kreis laufenden Pferd. Er ist erst seit zweieinhalb Jahren dabei, doch turnt er ganz ohne Hilfestellungen auf dem Pferderücken und hat augenscheinlich großen Spaß daran.

„Ansonsten ist er so zickig und frech wie jedes andere Kind“, sagt Andrea Herder und lacht. Sie ist glücklich, dass Nicos Krankengymnastin vor einem Jahr die Grundschule in Langenholthausen empfahl. „Denn hier wird er gelassen. Wenn er nämlich etwas ausprobieren will, dann schafft er es meist auch, wenn vielleicht auch nicht so schnell wie andere Kinder.“ Man müsse ihrem Sohn nur etwas zutrauen. „Wenn jemand keine Geduld mit Nico hat, dann ballt sich schon meine Faust in der Tasche.“ Und bei Nico selbst steige die Frustration.

Dazu habe er aber in Langenholthausen keinen Grund. Ohne seine Gymnastiktrainerin würde das aber möglicherweise anders aussehen. „Der Kinderarzt hielt sich bedeckt“, erinnert sich Nicos Mutter, „aber alle anderen rieten zur Sonderschule“, wie die Schulform der Förderschule umgangssprachlich genannt wird. Die hat der Siebenjährige aber gar nicht nötig. „Die Grundschule hier ist super. Jetzt kann mein Sohn Sachen, die hat man ihm gar nicht zugetraut.“

Schulleiter Falke wird es gerne hören, hat er das Konzept seinerzeit in Langenholthausen doch angestoßen. „Unsere erste Schülerin hatte den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung.“ Zu deren Eltern hat Falke auch zwölf Jahre später noch Kontakt. Das Mädchen scheint seinen Weg zu gehen: „Momentan macht sie ein Praktikum in einem Kindergarten; will in einem sozialen Beruf arbeiten“, weiß der Schulleiter. Die junge Frau strebe ein elternunabhängiges Leben in einer Wohngemeinschaft an.

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