Anbetungshäppchen auf Knopfdruck

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In Langenholthausen können dank der Kunstinstallation nun Gebete auf Knopfdruck angehört werden.

Langenholthausen - Das Möbel könnte ein moderner Beichtstuhl sein, wenn es nicht ganz so eng wäre. Noch naheliegender wäre ein Passbildautomat, wie er in manchen Einkaufszentren zu finden ist. Die Größe stimmt, auch die Aufteilung in eine Sitz- und eine Technikhälfte. Doch so etwas findet man nicht in einem Gotteshaus. Bei der roten Kabine in der St.-Johannes-Kirche in Langenholthausen handelt es sich um einen „Gebetomat“.

Der Automat mit den Außenmaßen 207 mal 111 mal 75 Zentimeter klärt selber über seine Mission auf: Der Schriftzug „GEBETOMAT“ reckt sich vom G knapp über dem Kirchenboden in die noch längst nicht himmlische Höhe – bis zum zweiten T.

Wer sich hineinsetzt wie in einen Passbildautomaten, sieht sich der Bedienungsanleitung gegenüber und muss das Gerät erst einmal wieder verlassen: „Schalter anmachen hinter dem Gebetomaten an der Steckerleiste“, steht unter der Überschrift „Gebetomaten kennenlernen?“ Also: Kippschalter betätigen, zurück in den Kasten und „Warten, bis das Menü erscheint“. Das wiederum ist äußerst reichhaltig und wartet nur darauf, jenem aufgeschlossenen Weltbürger zu begegnen, der sich nicht scheut, die vielfältigen Stimmen seines Ursprungs zu vernehmen. Und anderen zuzuhören, die diese Stimmen ebenfalls hören und ganz unterschiedlich darauf antworten: Mehr als 300 Gebete aus 65 Sprachen hat der Künstler, Theater- und Hörspielregisseur Oliver Sturm für seine Medieninstallation gesammelt, die er 2008 in eher kritischer Absicht auf den Weg brachte: „Ich halte die Idee einer automatenhaft herstellbaren Erzeugung religiösen Gefühls für einen sehr zeitgenössischen Gedanken“, kommentierte er sein Werk.

Die St.-Johannes-Kirche in Langenholthausen ist nun mit einem Gebetomaten ausgestattet.

Tatsächlich thematisiert die Installation wichtige Fragen im Umgang mit Religion: Gibt es die dazugehörigen Gefühle auf Knopfdruck? Kann man zu sich finden in solcher Enge hinter einem grauen Vorhang? Oder ist das nicht vielmehr die zeitgemäße Form von Religion: Schnell verfügbare Anbetungshäppchen in einer sich immer mehr beschleunigenden Zeit? Die Abflughalle eines Flughafens ist dann sicherlich ein idealer Standort – nicht aber eine Kirche in einem Dorf, wo die Welt – wie es scheint – noch ziemlich in Ordnung ist.

Doch der jetzige Standort folgt einem beobachtbaren Muster: Die Gebetomaten waren seit 2008 kaum an Durchgangsstationen von Menschenmassen zu finden. Sie zogen sich immer mehr an Orten zurück, die naturgemäß dazu einladen, dem göttlichen Urgrund zu lauschen: Theologische Hochschulen, Museen, Kulturzentren und – nicht ganz so naheliegend – Radiostationen. Aber Oliver Sturm ist eben auch ein prominenter Radiomacher. Eine Ausnahme war ein Einkaufszentrum in Konstanz.

Wer also wirklich zu sich, seinem Gott oder zum Urgrund der Welt vordringen möchte, ist in der unmittelbaren Umgebung der Kabine möglicherweise besser aufgehoben. Doch es lohnt sich, dem dritten Menüpunkt zu folgen: „Durch Berühren von Feldern auf dem Touchscreen Einzelnes anhören.“ Es ertönt nach entsprechender Auswahl das Gebet eines Schamanen aus Papua-Neuguinea, ein kultischer Indianergesang oder eines von vielen Gebeten der fünf Weltreligionen.

Eine besondere Rolle spielt dabei das Vaterunser. Wer den vertrauten Text schon immer einmal auf Dänisch, Ungarisch oder Italienisch hören wollte, kann hier lauschen und sich belehren lassen. Neben den Varianten von der Pfingstbewegung bis zu den Freikirchen sind unter dem Menüpunkt Vaterunser zwölf weitere Sprachen versammelt. Und wer mag, kann sich nach diesem Abenteuer direkt in die Gebete buddhistischer Mönche aus dem Himalaya oder in die Gesänge der Sufis klicken und die Erfahrung machen, dass die deutsche Sprache nur ein kleiner Ausschnitt aus einer großen Fülle von Möglichkeiten ist.

Was noch bleibt, findet der Kabinengast unter Menüpunkt Nummer 4: „Genug? Dann bitte wieder Schalter aus!“

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