„Ohne Pilze keinen Wald“

Jürgen Meller weiß, was er im Wald tut, denn er ist Pilz-Sachverständiger.

BALVE ▪ Es ist vormittags halb elf irgendwo im Sauerländer Wald – Jürgen Meller (42) sucht Pilze. Der Finanzbuchhalter ist Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie – der einzige in Balve. Von Julius Kolossa

Angefangen hat alles in seiner Kinderzeit, als er mit den Eltern Pilze sammelte. Ab 1992 fand er dann wieder Geschmack am Suchen, Bestimmen und Essen dieser Waldfrüchte. Ab Mitte der 90er-Jahre besuchte er unter anderem Kurse von der VHS-Balve, „weil mir diese bald nichts Neues mehr brachten, hatte ich mir dann Kenntnisse im Selbststudium angeeignet.“

Sein Fachwissen stellte er 2007 bei der Prüfung zum Pilzsachverständigen in Oberhof unter Beweis. Bis zu 300 Arten sollten sicher erkannt werden: „sowohl Speise- und die wichtigsten Giftpilze mit Vergiftungssymptomen.“ 90 Minuten Theorie und ein sich anschließender Praxisteil machten die Prüfung aus – regelmäßige Fortbildungen für die Verlängerung des Ausweises sind Pflicht.

Registriert ist Meller beim Pilznotruf, Tel. 02 28 /2 87 32 11, der ihn als Ansprechpartner für Krankenhäuser vermittelt. Sein Tipp: „Essensreste und Erbrochenes aufbewahren, um die Pilzarten bestimmen zu können.“ Sechsmal wurde sein Rat bisher eingeholt, einmal brachte ihm die Polizei Speisereste eines Patienten.

400 Pilzarten gibt es im Balver Stadtwald, „auch tödliche wie den Pantherpilz, den kegelhütigen Knollenblätterpilz, den grünen Knollenblätterpilz und den Gifthäubling habe ich schon gefunden.“

Mit Mikroskop und Fachbüchern bestimmt er die Exemplare: „Viel lieber ist es aber meiner Familie, wenn ich Pilze zum Essen mit nach Hause bringe.“ Auch seine Kinder (acht, elf und 14 Jahre alt) machen sich mit ihm auf die Suche.

Vorwiegend an moosigen Stellen, in Laub-, Misch- und Fichtenwäldern sind Pilze zu finden. „Wir haben ein Pfifferlingsjahr“, so Meller. Selten seien die Wiesenchampions geworden: „Grund dafür ist die Überdüngung der Grünflächen.“ Doch brachten die vergangenen feuchten Wochen beste Voraussetzungen für ein gutes Pilzwachstum.

„Für den Eigenbedarf dürfen Steinpilze, Pfifferlinge und auch Birkenpilze gesammelt werden“, weist der Experte auf die Bundesartenschutzordnung hin. Ein absolutes Sammelverbot gelte in Naturschutzgebieten. Meller: „Ohne Pilze gibt es keinen Wald, denn sie bauen totes, organisches Material ab.“

Rund um einen Baum ist der Boden gelb, die Erde weggekratzt worden. „Hier haben Wildschweine nach Hirschtrüffeln gesucht.“ Diese braunen runden Kugeln mit warziger Oberfläche sind für den Menschen nicht genießbar.

Viele Pilze sehen sich ähnlich, wobei die entscheidenden Unterschiede – essbar oder nicht – auf oder unter der Haube liegen. „Auch angefressene Pilze können giftig sein“, erklärt Meller. Wildtiere seien eben immun gegen so manche Giftart.

Mellers größter gesammelter Pilz war ein Parasol, ein Riesenschirmling mit einer Stillänge von 40 Zentimetern und einem Hutdurchmesser von 30 Zentimetern. Tipp: „als Schnitzel paniert braten und genießen.“

Vom Verzehr von Wildpilzen aus dem Supermarkt rät Meller ab. Ihre Frische sei wegen der langen Lieferzeit vom Pflücken bis zum Verkauf nicht mehr gegeben: „Sind sie dunkel und matschig, sollten sie nicht gegessen werden.“

Meller gibt seit 2007 sein Wissen über Pilze selbst an der VHS und beim SGV weiter. Informieren will er auch auf dem Stadtfest am 8. September, und einen Tag später, 9. September, bei einer Pilzwanderung des SGV. Als Referent der VHS ist er am 16. September aktiv.

Seine „Fünf Goldenen Regeln zum richtigen Sammeln“: 1. Nur Pilze sammeln, die man sicher als Speisepilze kennt. 2. Zu alte oder zu junge Exemplare stehen lassen. 3. Niemals schon abgeschnittene oder herausgerissene Pilze sammeln. 4. Kein Sammelgut von selbst ernannten Kennern übernehmen. 5. Im Zweifel geprüfte Pilzsachverständige hinzuziehen.

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