Balve war Hochburg der Hexenverfolgung

Dr. Christiane Todrowski hat sich mit der Darstellung des Simon von Cyrene in der St. Blasius Kirche auseinander gesetzt.

BALVE ▪ Auf dem Altarbild des zerstörten Nikolausaltars mit der Darstellung des Simon von Cyrene, der Jesus das Kreuz tragen hilft (St. Blasius Kirche), ist in der Bildmitte fast verschwindend klein eine Szene zu sehen, die Werner Ahrens, Vorsitzender der Heimwacht Balve, zu Nachforschungen antrieb. Das Bild weist auf Hexenverfolgungen in Balve hin.

Von Susanne Riedl

Zu sehen sind Frauen mit kahl geschorenen Köpfen, die von Soldaten abgeführt werden. Hilfe bei der Suche nach einer Erläuterungen für die Darstellung fand Ahrens bei Dr. Christiane Todrowski, Leiterin des Kreisarchivs. Auch sie wertet diese Abbildung als einen weiteren historischen Beweis des frühneuzeitlichen Hexenglaubens in Balve und unterstützt somit Ahrens These.

„Denkmäler, die an örtliche Hexenprozesse erinnern, gibt es in ganz Deutschland“, weiß Todrowski. „Die meisten allerdings in Nordrhein-Westfalen.“ Während in Hessen und Rheinland-Pfalz 14, in Baden-Württemberg elf, in Franken neun, in Schleswig-Holstein und Niedersachsen sieben sowie in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg fünf Denkmäler zu zählen sind, springt die Zahl in NRW auf 41.

„19 davon sind im Rheinland und 22 in Westfalen.“ Die Kreisarchivarin schließt daraus: „Die verhältnismäßig hohe Anzahl von Denkmälern zeigt, dass das Herzogtum Westfalen eine Hochburg der damaligen Prozesswellen war.“

Zwischen 1628 und 1631 sei es zu 600 nachgewiesenen Anklagen gekommen, die meist mit der Hinrichtung endeten, so Todrowski. Hinzu käme eine unbekannte Zahl nicht überlieferter Fälle. „Ein Zentrum der Anklagen war das Amt Balve. Dort wurden zwischen 1628 und 1630 280 Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das waren 20 Prozent der damaligen Bevölkerung Balves.“

Die Datierung des Altarbildes geht auf das Jahr 1624 zurück. Johann von Plettenberg gab die Arbeit in Auftrag und wurde – wie zu dieser Zeit üblich – als Stifterfigur rechts im Bild von Maler Heinrich Strotmann dargestellt.

„Die Bewaffnung der Figuren zeigt, dass das Bild keine Szene aus dem Mittelalter, sondern aus der frühen Neuzeit darstellt.“ Für Todrowski ist die zeitliche Einstufung richtig, denn: „Hexenverbrennungen haben nicht im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit stattgefunden“, räumt sie mit einem weit verbreiteten Irrglauben auf. „Im Mittelalter gab es zwar auch Prozesse, doch sind bis auf wenige Ausnahmen keine Hexen oder Zauberer verbrannt worden. Dieses Phänomen setzt erst in der Zeit der Renaissance ein.“

Die Furcht vor Hexen und Zauberei sei zwar uralt, „doch erst die Verquickung des Zaubereivorwurfs mit dem der Ketzerei schuf die Voraussetzungen für die Entwicklung einer kirchlichen Dämonologie“. Die Hexenlehrer von einst habe die Vorstellung über den Gebrauch magischer Mittel zur Schädigung von Mensch und Vieh verbreitet.

„Besonders der Pakt mit dem Teufel hatte eine fatale Bedeutung. Durch ihn handelte die Hexe als Glied einer Verschwörung mit Satan.“ Eben diese Ausfeilung der kirchlichen Hexenlehre habe die geistige Grundlage für die Verfolgungen geschaffen.

„Heute blicken wir zurück und sagen: ‘Wie konnten die damals nur so einen Unsinn glauben?’ Doch sie alle waren Kinder ihrer Zeit. Das Wissen bestand nur aus dem, was die Menschen sahen, oder was ihnen erzählt wurde“, begründet die Kreisarchivarin die damalige Vorgehensweise, die zu jenen Zeiten durchweg logisch erschien und moralisch korrekt war.

Die Verfolgung von Hexen sei im Übrigen kein speziell katholisches Phänomen gewesen. „Die Reformation brachte den Hexenglauben auch in Länder, die bisher weder den Hexenwahn noch eine besondere Gesetzgebung für Hexen kannten. Mit den Lutheranern gelangte die Hexenverfolgung nach Dänemark, mit den Calvinisten nach Schottland, England und Amerika.“

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