Axt-Attacke: Offene Fragen verzögern Prozess

Balve/Neuenrade - Wie verlässlich sind die Angaben des 68-jährigen Geschäftsmannes aus Hemer, der die Fahrt am Morgen des 6. Januar 2016 vor Gericht geschildert hatte?

Viele Indizien deuten darauf hin, dass seine Erinnerungen an die Geschehnisse ein gewisses Eigenleben entwickelt haben. Seine Angaben, wie lange die Fahrt mit den beiden Angeklagten nach Neuenrade und Balve gedauert hatte, schwankten zwischen zwei und drei Stunden. 

Tatsächlich wurde das Handy eines der Angeklagten schon um 6.59 Uhr von einem Mobilfunkmasten in Iserlohn während der Rückfahrt in Richtung Ruhrgebiet erfasst. Wenn die Angabe des Geschädigten stimmt, müsste das Trio um kurz vor sechs Uhr in Hemer gestartet sein. 

In allen Details rekonstruieren

Die Vorsitzende Richterin Dr. Wendlandt machte deutlich, dass auch aus Sicht der Kammer die ganze Aktion „nicht drei Stunden gedauert haben kann“. Um die Fahrt bis zum Hagebaumarkt in Neuenrade noch einmal in allen Details zu rekonstruieren, beugten sich die Juristen ausgiebig über Kartenmaterial, Minutenangaben und die Listen mit den Erfassungsdaten diverser Mobilfunkmasten. 

„Das ist wichtig, weil es die Angaben des Zeugen über Zeitablauf und Fahrstrecke widerlegt“, betonte Rechtsanwalt Axel Nagler. Er wunderte sich über die fehlenden anderthalb Stunden in der Schilderung des 68-jährigen Geschädigten. 

Was geschah in dieser Zeit?

Nach Angaben seiner Frau hatte er sie an jenem Morgen zwischen 9 Uhr und 9.30 Uhr angerufen. Zwischen seiner Aussetzung in Hemer und diesem Zeitpunkt liegen mindestens anderthalb Stunden, die er „allein verbracht haben muss“, stellte der Verteidiger fest. Was geschah in dieser Zeit? 

Eine weitere offene Frage ist jene nach dem Verlauf der „Dienstfahrt“. Wurde dabei über die angeblich mangelhaften Projekte der Angeklagten gesprochen? Das behaupten die beiden. Oder war davon überhaupt nicht die Rede? Das behauptet der 68-Jährige. 

Offene Fragen verzögern Prozess-Ende

Er sei mittlerweile davon überzeugt, dass auch über Projekte gesprochen wurde, sagte Oberstaatsanwalt Bernd Maas und verwies auf die Fahrstrecke, die das nahelegte. Zufrieden mit der Arbeit der beiden Angeklagten war man übrigens im Baumarkt: Der Zeuge Günter Hilgert bestätigte dies vor Gericht. 

Geklärt wurde endlich auch die Frage, ob die Angeklagten und ihr Mitfahrer bis zum Straßenkreisel in Neuenrade vordrangen. Nein, der Kreisel, dessen Durchfahrung sie erwähnt hatten, liege auf der grundüberholten Strecke zwischen Garbeck und Neuenrade, erklärten die Angeklagten. 

Die offenen Fragen verzögern das Ende des Prozesses um einige Tage – Plädoyers und Urteil wurden zunächst verschoben. Der Prozess wird heute ab neun Uhr im Landgericht fortgesetzt.

Der Fall kurz erklärt:

Zwei 40 und 37 Jahre alte Brüder aus Essen und Dortmund müssen sich im Landgericht Hagen wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung verantworten. Die beiden sollen am 6. Januar 2016 mit einem Geschäftspartner (68) eine Baustellenbesichtungstour durch Neuenrade und Balve gemacht haben, an deren Ende sie – laut Anklage – am Schulzentrum Balve damit drohten, dem angeblich säumigen Zahler mit einem Beil einen Finger der rechten Hand abzuhacken. Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe.

Rubriklistenbild: © dpa

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