Angst vor dem großen Schul-Experiment

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Der Arnsberger CDU-Landtagsabgeordnete Klaus Kaiser hält Gemeinschaftsschulen für nicht akzeptabel, sieht in der Verbundschule jedoch ein Modell für die Zukunft.

BALVE ▪ „Kinder werden hier zu Experimentierkaninchen“, echauffierte sich Ulrika Scholder, Leiterin der Balver Hauptschule, mit Blick auf das Konzept der Landesregierung für die Einführung einer Gemeinschaftsschule. Denn Anträge von Kommunen, die – wie die Nachbarstadt Neuenrade – an dem Versuchsprojekt teilnehmen wollten, müssen bereits bis zum 30. Dezember des laufenden Jahres gestellt werden.

„Das ist entsetzlich“, brachte Scholder ihre Meinung klar auf den Punkt.

Damit war ihr der Applaus der gut 60 Anwesenden sicher. Politiker, Lehrer und Eltern waren in die Aula des Schulzentrums Am Krumpaul gekommen, um zwei Stunden lang gemeinsam mit dem Referenten Klaus Kaiser, stellvertretender Vorsitzender und langjähriger schulpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, über Bildungspolitik zu diskutieren.

"Schul-Werbung jenseits des Dienstrechts"

Auch Wilhelm Boege, Leiter der Balver Realschule, schaltete sich ins Gespräch ein: „Christa Sacher, die Leiterin der Burgschule in Neuenrade, betreibt jenseits des Dienstrechtes Werbung für die Gemeinschaftsschule“, sieht er die Felle für Balve davonschwimmen. Und er legte nach: „Die Hauptschule in Neuenrade ist deshalb kaputt, weil sie ein internes Qualitätsproblem hat.“ Schließlich sei es eben auch wichtig, Facharbeiter ohne Abitur auszubilden. Für seine Äußerungen erhielt Boege ebenso viel Zustimmung des Publikums wie seine Kollegin Scholder zuvor.

Scholders Vorgänger im Amt, Dr. Hartmut Voigt, von 1984 bis 1997 Leiter der Balver Hauptschule, sah ein gesellschaftliches Problem: Eltern sähen, dass sie ihre berufliche Position mit ihrem Schulabschluss aufgrund gestiegener Anforderungen heute nicht mehr erreichen könnten. Und da sie für ihre Kinder keinen sozialen Abstieg wollten, „ist der Trend zum Gymnasium anhaltend“. Auch dafür gab es Applaus.

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Der blieb allerdings aus, als ein weiterer Diskussionsteilnehmer zu bedenken gab, dass es doch die Möglichkeit gebe, mit Neuenrade zusammen eine Gemeinschaftsschule aufzubauen – mit einer Art Verbundschule in der Nachbarstadt und einer gymnasialen Oberstufe in Balve. Die Mehrheit an diesem Abend war eindeutig für den Erhalt von Haupt- und Realschule in Balve.

Dafür sprechen auch die Zahlen, die Referent Kaiser vorrechnete: 71 Prozent der Balver Realschüler qualifizierten sich für die gymnasiale Oberstufe, und auch acht Prozent der Hauptschüler schafften diese Empfehlung. Landesweit gelinge dies aber lediglich rund 35 Prozent der Gesamtschüler. Balve stehe also mit „sensationellen Zahlen“ da und verfüge über „eine exzellente Bildungsstruktur“.

Gleichwohl sei dies kein Grund, sich zurückzulehnen und auf dem Erfolg auszuruhen, befand Kaiser. In den kommenden zehn Jahren gebe es rund ein Drittel Schüler weniger. „Darauf müssen wir uns einrichten“, erklärte der Arnsberger Politiker. „Wie erreichen wir vor diesem Hintergrund die möglichst wohnortnahe Schul-Versorgung“, fragte er. Für ihn sei die Verbundschule die Lösung.

„Das ist Schul-Kannibalismus“

Zudem sei das deutsche Schulsystem in seinen Augen sozial ungerecht. „Für den Erfolg eines Schülers ist die Schulform unerheblich. Wichtiger sind Lehrer-Persönlichkeiten, die sich kümmern.“ Zudem müsse es landesweit noch wesentlich mehr Ganztagsschulen geben. Und diese müssten sich mit den Betrieben und der Industrie vor Ort vernetzen. „Außerdem müssen die einzelnen Schulen vermehrt zusammenarbeiten.“ Nur so seien vergleichbare Standards zu erreichen.

Wichtig sei die individuelle Förderung der Schwächeren. Gemeinschaftsschulen jedoch seien für ihn „nicht akzeptabel“. Da dort Schüler aller Leistungsniveaus unter einem Dach unterrichtet würden, führten sie zu einem Qualitätsabfall. Das hätte zwangsweise zur Folge, dass sich Privatschulen gründeten, „die sich dann nur noch die Reichen leisten können“. Das Konzept der Gemeinschaftsschule führe faktisch zur Abschaffung von Haupt- und Realschule. Kaiser: „Das ist Schul-Kannibalismus.“ Gymnasien würden überleben – allerdings nur noch in Großstädten.

Ein anderes Problem der Gemeinschaftsschulen sei seiner Auffassung nach ihre Größe. Er bevorzuge kleine zweizügige Schulen, „wo jeder jeden kennt“. Zusätzlich müssten die Klassengrößen deutlich reduziert werden. Heute, argumentierte Kaiser, gebe es häufig Klassenverbände mit 28, 30 oder mehr Schülern. Ihr Ziel seien 16 bis 20 Mädchen und Jungen in einem Klassenzimmer, pflichtete ihm eine Balver Grundschullehrerin bei. Kaiser gab jedoch einschränkend zu bedenken, „dass dafür landesweit tausende von Lehrern eingestellt werden müssen“.

Die Angst der Anwesenden, das alles könne zu einem groß angelegten Schulexperiment werden, brachte schließlich eine andere Diskussionsteilnehmerin zur Sprache: „Was ist, wenn die Landesregierung nicht wiedergewählt wird?“ ▪ Von Michael Koll

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