„Ein Nutzen für die Region ist nicht erkennbar“

A46-Lückenschluss: Verkehrsforscher bezeichnet Projekt als unsinnig

Der geplante A46-Lückenschluss ist umstritten.
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Der geplante A46-Lückenschluss ist umstritten.

Der geplante Lückenschluss der Autobahn 46 ist verkehrstechnisch unsinnig. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest Professor Johannes Weyer, Verkehrsforscher an der Technischen Universität Dortmund, im Rahmen einer Untersuchung, die in dieser Woche veröffentlicht wurde.

Seit mittlerweile rund 50 Jahren erhitzt die immer wieder neu geplante Verlängerung der A 46 von Hemer nach Menden die Gemüter – und so wurden sämtliche Pläne bislang immer wieder aufs Neue aus naturschutzrechtlichen Gründen nicht in die Tat umgesetzt. Nun unternimmt die Autobahn GmbH des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Straßen.NRW einen neuen Anlauf, das umstrittene Vorhaben zu realisieren. So liegt mal wieder ein neuer Trassenverlauf vor, der dieses Mal die Erweiterung nach Menden, und von dort eine Anbindung zur Autobahn Arnsberg-Neheim über die Bundesstraße vorsieht.

Zurzeit laufen Untersuchungen über die Auswirkungen eines möglichen Ausbaus auf die Flora und Fauna in der Region. Weil der Untersuchungsraum vergrößert wurde, könnte auch Eisborn betroffen sein, die Trasse in unmittelbarer Nähe zur Ortsgrenze verlaufen. Für Dr. Johannes Weyer steht bereits jetzt fest: „Die Autobahn nützt nur falschen Vorstellungen: Die Zeitgewinne betragen lediglich ein bis zwei Minuten.Vertreter aus der Wirtschaft und Politik hatten sich bekanntlich immer wieder mit dem Argument der dann deutlich kürzeren Fahrtzeiten vor allem für den Lastwagenverkehr für den Lückenschluss stark gemacht.

Weg in die „verkehrspolitische Sackgasse“?

Professor Weyer, der in Menden wohnt, sagte im Gespräch mit der Redaktion: „Ein Autobahnausbau führt in eine verkehrspolitische Sackgasse. Damit wird in die Vergangenheit investiert.“ Und: „Dass sich die Fahrtzeiten durch Autobahnen halbieren, ist nur ein kurzfristiger Effekt. Vielmehr ist es so, dass auf Dauer die Fahrtzeiten länger werden – Gründe dafür sind zunehmende Staus.“ Denn jede neue Straße und jede neue Autobahn mache das Autofahren attraktiver. Immer mehr Menschen nutzten deshalb das Auto und produzierten so zusätzlichen Verkehr und neue Staus – auf dem Weg zur Autobahnauffahrt, aber auch durch Autofahrer von außerhalb, die die neue Trasse nutzten.

Die Untersuchung zum geplanten A46-Lückenschluss

Für seine Untersuchung zum Sinn oder Unsinn des geplanten Lückenschluss hat Professor Johannes Weyer, Verkehrsforscher an der Technischen Universität Dortmund, typische Wegstrecken von Berufspendlern, aber auch von heimischen Unternehmen durchgerechnet. „Die Fahrzeiten durch eine neue A46/B7n werden sich, wenn überhaupt, für viele Autofahrer nur geringfügig reduzieren“, so Weyer.

Als Grundlage für seine Berechnungen wählte der Verkehrsexperte Adressen von Wohnorten in der Region, und zwar in Menden, Balve und Arnsberg. Die jeweiligen fiktiven Arbeitsstätten liegen dabei in Dortmund, Bochum und in Iserlohn. Die Fahrzeiten per Pkw wurden errechnet, indem innerorts ein Schnitt von 30 km/h, außerorts 45 km/h und auf Autobahnen 85 km/h zugrunde gelegt wurde. Dies sind nicht die erlaubten Höchstgeschwindigkeiten, sondern seien realistische Durchschnittsgeschwindigkeiten.

Für die fiktive Birgit aus Balve beispielsweise, die zu ihrem Arbeitsplatz nach Dortmund pendelt, hat Weyer im Fall des Lückenschlusses auf Basis dieser Daten eine Zeitersparnis von nur einer Minute Fahrtzeit errechnet. „Vor allem, weil sie einen Umweg über Menden machen muss, um zur Autobahn zu kommen. Damit verlängert sich ihre Fahrtstrecke um 2,9 Kilometer. Das zehrt die Zeit wieder auf, die sie auf dem kurzen Stück der neuen Autobahn gutmachen kann“, so Weyer.

Durch den „induzierten Verkehr“, also die von Experten angenommene bis zu 15-prozentige Zunahme des Straßenverkehrs in der Region durch jede neue Straße, würde Birgit nach den Berechnungen Weyers mittelfristig sechs Minuten länger von Balve nach Dortmund benötigen. Für die heimischen Unternehmen verlängerten sich die Fahrtzeiten ebenfalls. „Ein Nutzen für die Region ist nicht erkennbar“, lautet deshalb Weyers Fazit zum Lückenschluss.

Die komplette Untersuchung finden Interessierte online unter www.johannesweyer.de.

All dies hat er in seinem in dieser Woche vorgelegten Gutachten: „A46sieben – Segen oder Fluch?“ zusammengefasst. Einige Wochen an Arbeit habe er darin investiert. „Als Privatmann aus privater Motivation“, betont er. „Als neutraler Experte und aus privatem Interesse habe ich dieses Gutachten erstellt, bin von keiner Seite beauftragt worden. Ich wollte der Frage nachgehen, ob sich, wie immer wieder diskutiert wird, die Fahrtzeiten wirklich verkürzen werden.“ Dies sei nicht der Fall. Vielmehr schafften Autobahnen nur neue Probleme, indem sie als attraktive Ausweichrouten schnell für neue Engpässe sorgten. Dieses Gutachten stellte Dr. Weyer der „Gruppeninitiative gegen den Bau der A46“ (GigA46) zur Verfügung: „Ich bin kein Mitglied“, sagte er dazu auf Anfrage.

Neue Formen der Mobilität erdenken

Seine Sicht auf das Projekt Lückenschluss: „In Zeiten des Klimawandels ist diese Planung unvernünftig, denn Autobahnen sind kein Mittel zur Bekämpfung des Klimawandels. Vielmehr müssen wir daran gehen, neue Formen der Mobilität zu erdenken – das Auto ist ein Modell der Vergangenheit.“ Alternativen wären für den Verkehrsexperten die öffentlichen Verkehrsmittel: „Diese müssen weitaus attraktiver, flexibler und vor allem deutlich komfortabler werden als bisher.“ Dabei nimmt er auch den Radverkehr in den Blick, für den die Wege auch in Anbindung an Bus oder Bahn ausgebaut werden müssten. „Hier muss das Geld zukünftig investiert werden“, stellt Dr. Weyer fest.

Sein Gutachten liegt auch der Autobahn GmbH vor. Dort wollte man sich auf Anfrage zu den Erkenntnissen des Verkehrsexperten zunächst nicht im Detail äußern. Pressesprecher Michael Schmitz sagte einzig: „Wir befassen uns mit den uns vorgelegten Unterlagen.“

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